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Hagia Sophia in Istanbul:Schließungsakt durch absonderlichen Vermerk

Mehr Aufmerksamkeit als die Arbeit der Restauratoren erlebte die vom Ausland als eine Art lutherische Reform wahrgenommene Turkisierung der arabischen Liturgie, die hier ihren Anfang nahm. Im Februar 1932 wurde von sieben Koranrezitatoren und zwei "Musikkennern" erstmals der Gebetsruf in türkischer Sprache gesungen. Die fortschreitenden Freilegungen von Mosaiken machten am Ende die vorübergehende Schließung aus "Gründen der Restaurierung" unvermeidlich.

Whittemore, der in Boston unter wohlhabenden Protestanten Geld für sein Unternehmen gesammelt hatte, war am Ziel. In einer international zusammengesetzten Kommission sprach sich nur ein in türkischen Museumsdiensten stehender deutscher Assyriologe für die weitere Nutzung als islamische Gebetstätte aus. Der Schließungsakt erfolge durch einen Beschluss des Ministerrats in Ankara auf Grundlage eines ziemlich absonderlichen Vermerks des Bildungsministeriums vom 14. November 1934. Der Text, über dessen Verfasser nur spekuliert werden kann - im fraglichen Zeitraum lösten sich drei Bildungsminister ab - besteht aus einer Satzkaskade von über 200 Wörtern.

Die Umwandlung in ein Museum werde die gesamte Welt des Orients entzücken, diene sie doch dem Erhalt des "unvergleichlichen Baukunstwerks" Ayasofya. Der Schritt wird als alternativlos dargestellt: Nachdem die ursprünglichen Stiftungsmittel weggefallen seien, müsse das Bildungsministerium für Restaurierung und Erhalt des Gebäudes aufkommen. Die Teppiche der Moschee wanderten nach Edirne, wo sie lange den Boden der Moschee Sultan Selims II. bedeckten,

"Die Ketten müssen zerbrechen"

Der Vorstoß des Vizeministerpräsidenten zeigt, dass die Hagia Sophia auf der Agenda der Nationalreligiösen ganz oben steht. Freilich wurde schon in den vergangenen Jahrzehnten einiges unternommen, um den islamischen Habitus des Baus wieder verstärkt zur Geltung zu bringen. Das begann 1956 mit der Wiedereröffnung der drei Mausoleen, die eine sultanische Nekropole in der unmittelbaren Nähe der Moschee bildeten. Am 8. August 1980 wurde die Sultansloge des "Museums" für Beter geöffnet, eine Maßnahme, die man eiligst nach der Militärintervention vom 12. September desselben Jahres zurücknehmen musste.

Ende der Sechzigerjahre versammelten sich die Anhänger des radikalen Islamisten Necmettin Erbakan vor der vom Militär geschützten Ayasofya und skandierten lauthals: "Die Ketten müssen zerbrechen, die Ayasofya muss geöffnet werden."

Der Jura-Student Bülent Arınç befand sich als zwanzigjähriger Heißsporn schon damals im Kielwasser von Erbakan und unter den Demonstranten. Heute hätte er übrigens als Pensionär freien Eintritt in dem umstrittenen Museum.

Klaus Kreiser, 68, ist ein deutscher Orientalist und Turkologe. Er war von 1976 bis 1980 wissenschaftlicher Referent des Deutschen Archäologischen Instituts in Istanbul und von 1984 bis 2005 Professor für Türkische Sprache, Geschichte und Kultur an der Universität Bamberg.