Süddeutsche Zeitung

Hagia Sophia in Istanbul:"Wir blicken auf eine trauernde Ayasofya"

Einst war die Hagia Sophia die größte Kirche der Christenheit, dann jahrhundertelang Moschee. Mittlerweile ist das wichtigste Wahrzeichen Istanbuls seit acht Jahrzehnten ein Museum. Nun meinen wichtige Parteigänger des türkischen Premiers Erdoğan, sie wieder zur Moschee machen zu müssen.

Als das Istanbuler Teppichmuseum Mitte November neue Räume im Küchentrakt des Hagia-Sophia-Komplexes bezog, war das ein kleiner Staatsakt im Beisein des stellvertretenden Ministerpräsidenten. Bülent Arınç nutzte die Stunde, um über die seit fast 80 Jahren bestehende Rolle der Hagia Sophia als Museum vor laufenden Kameras nachzudenken: "Wir blicken auf eine trauernde Ayasofya und bitten Gott, dass die Tage nicht fern sind, in denen sie wieder lacht."

Die Nutzung als Museum sei schlicht rechtswidrig, eine Wiedereröffnung als Moschee zwangsläufig. In der laizistischen Türkei habe man sich an geltendes Recht zu halten. Das Gesetz über die Vermietung von Immobilien verbiete die Zweckentfremdung von "Andachtsorten", also von Moscheen, Kirchen und Synagogen.

Tatsächlich waren bis Ende der Vierzigerjahre zahlreiche Moscheen, zum Teil mit fadenscheinigen Begründungen, der Spitzhacke zum Opfer gefallen. Der Bezug von Bülent Arınç auf das genannte Gesetz ist jedoch aus mehreren Gründen irritierend. Es trat 1955, also mehr als zwei Jahrzehnte nach der Umwidmung der Sophienmoschee in ein Museum im Jahre 1934 in Kraft, ohne dass eine rückwirkende Geltung vorgesehen war. Das Immobiliengesetz war keine Lex Hagia Sophia, sondern sollte als Bestandsschutz für "Andachtsorte" dienen. Unklar ist ferner, ob es nicht nach Erlass eines neuen Obligationenrechts als aufgehoben zu gelten hat. Und schließlich: Folgte man dem Stellvertretenden Ministerpräsidenten müssten auch in der Republik zweckentfremdete Kirchen wieder ihre ursprünglichen Aufgaben übernehmen.

Überraschend ist, dass sich ein Politiker, der zu den Gründungsmitgliedern der "islamisch-konservativen" AKP gehört, im Fall der Istanbuler Hagia Sophia auf den Paragrafen eines republikanischen Gesetzes beruft, statt auf das Recht des Siegers zu verweisen. In anderen Fällen war jedenfalls eine an die osmanischen Altvorderen erinnernde Rhetorik vorherrschend. Arınç begrüßte in seiner Rede, dass die "kleinen Ayasofyas" von Trabzon und İznik, dem einstigen Nikaia, durch einfache Verwaltungsakte wieder zu Moscheen wurden.

Sollte die erneute Metamorphose der Großen Kirche Justinians beziehungsweise des Ayasofya Müzesi, wie sie in der Türkei heißt, in eine Moschee tatsächlich gelingen, wäre die Bedeckung der Mosaiken und Fresken unvermeidlich, denn der Anblick von Bildern entwertet das muslimische Gebet. Die Uhr wäre auf das Jahr 1931 zurückgestellt, in dem der amerikanische Byzantinist Thomas Whittemore mit Atatürks Placet begann, Gerüste aufzustellen und zwischen den Gebetszeiten die Bilder freizulegen, zu kopieren und zu sichern. Aber schon zuvor war der spätantike Wunderbau für nichtmuslimische Besucher durchaus zugänglich. Im 19. Jahrhundert wurde gewöhnlich eine Eintrittsgebühr erhoben. Vor dem Weltkrieg betrug sie zehn Piaster, etwa der Gegenwert einer Schachtel guter Orientzigaretten.

Schließungsakt durch absonderlichen Vermerk

Mehr Aufmerksamkeit als die Arbeit der Restauratoren erlebte die vom Ausland als eine Art lutherische Reform wahrgenommene Turkisierung der arabischen Liturgie, die hier ihren Anfang nahm. Im Februar 1932 wurde von sieben Koranrezitatoren und zwei "Musikkennern" erstmals der Gebetsruf in türkischer Sprache gesungen. Die fortschreitenden Freilegungen von Mosaiken machten am Ende die vorübergehende Schließung aus "Gründen der Restaurierung" unvermeidlich.

Whittemore, der in Boston unter wohlhabenden Protestanten Geld für sein Unternehmen gesammelt hatte, war am Ziel. In einer international zusammengesetzten Kommission sprach sich nur ein in türkischen Museumsdiensten stehender deutscher Assyriologe für die weitere Nutzung als islamische Gebetstätte aus. Der Schließungsakt erfolge durch einen Beschluss des Ministerrats in Ankara auf Grundlage eines ziemlich absonderlichen Vermerks des Bildungsministeriums vom 14. November 1934. Der Text, über dessen Verfasser nur spekuliert werden kann - im fraglichen Zeitraum lösten sich drei Bildungsminister ab - besteht aus einer Satzkaskade von über 200 Wörtern.

Die Umwandlung in ein Museum werde die gesamte Welt des Orients entzücken, diene sie doch dem Erhalt des "unvergleichlichen Baukunstwerks" Ayasofya. Der Schritt wird als alternativlos dargestellt: Nachdem die ursprünglichen Stiftungsmittel weggefallen seien, müsse das Bildungsministerium für Restaurierung und Erhalt des Gebäudes aufkommen. Die Teppiche der Moschee wanderten nach Edirne, wo sie lange den Boden der Moschee Sultan Selims II. bedeckten,

"Die Ketten müssen zerbrechen"

Der Vorstoß des Vizeministerpräsidenten zeigt, dass die Hagia Sophia auf der Agenda der Nationalreligiösen ganz oben steht. Freilich wurde schon in den vergangenen Jahrzehnten einiges unternommen, um den islamischen Habitus des Baus wieder verstärkt zur Geltung zu bringen. Das begann 1956 mit der Wiedereröffnung der drei Mausoleen, die eine sultanische Nekropole in der unmittelbaren Nähe der Moschee bildeten. Am 8. August 1980 wurde die Sultansloge des "Museums" für Beter geöffnet, eine Maßnahme, die man eiligst nach der Militärintervention vom 12. September desselben Jahres zurücknehmen musste.

Ende der Sechzigerjahre versammelten sich die Anhänger des radikalen Islamisten Necmettin Erbakan vor der vom Militär geschützten Ayasofya und skandierten lauthals: "Die Ketten müssen zerbrechen, die Ayasofya muss geöffnet werden."

Der Jura-Student Bülent Arınç befand sich als zwanzigjähriger Heißsporn schon damals im Kielwasser von Erbakan und unter den Demonstranten. Heute hätte er übrigens als Pensionär freien Eintritt in dem umstrittenen Museum.

Klaus Kreiser, 68, ist ein deutscher Orientalist und Turkologe. Er war von 1976 bis 1980 wissenschaftlicher Referent des Deutschen Archäologischen Instituts in Istanbul und von 1984 bis 2005 Professor für Türkische Sprache, Geschichte und Kultur an der Universität Bamberg.

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SZ vom 08.01.2014/mkoh
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