Häusliche Gewalt Gewalt gegen Frauen ist keine Privatsache

Gewalt gegen Frauen ist Alltag in Deutschland und wurde viel zu lange in den Halbschatten des Privaten verdrängt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Jeden zweiten oder dritten Tag tötet ein Mann in Deutschland seine Partnerin. Das sind keine "Familiendramen" - sondern es handelt sich um ein strukturelles Problem, das nach öffentlicher Verantwortung verlangt.

Kommentar von Julian Dörr

Vorgestern. Heute. Und dann spätestens wieder am Wochenende. Jeden zweiten oder dritten Tag tötet ein Mann in Deutschland seine Partnerin. Das ist ein Ergebnis einer kriminalstatistischen Auswertung zu Partnerschaftsgewalt, die das Bundeskriminalamt durchgeführt hat und die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) heute in Berlin vorgestellt hat.

Die schiere Wucht dieser Zahlen sagt: Das ist kein Privatproblem. Und doch behandelt die Gesellschaft Gewalt gegen Frauen noch immer so, als wäre sie eine Privatsache. Als wäre sie etwas, was hinter verschlossene Türen gehört, nur weil sie meist hinter verschlossenen Türen stattfindet. Das fängt schon bei den Formulierungen an, die in der medialen Berichterstattung über Fälle von häuslicher, oftmals auch sexualisierter Gewalt bemüht werden. Wenn ein Mann seine Frau tötet oder verletzt, ist oft von einem "Familiendrama" die Rede. Als sei hier ein Streit um den verkohlten Braten oder das ungespülte Geschirr eskaliert. Dabei geht es um Mord, um Totschlag. Und so sollte man es auch nennen. Alles andere ist verharmlosend. Wie wir über ein Problem reden, erschafft den Raum der Möglichkeiten, die wir zur Lösung dieses Problems haben.

Gewalt gegen Frauen ist keine Privatsache. Und noch viel weniger ist sie Frauensache

Der Begriff "Familiendrama" vermittelt: Das geht nur die Familie an. Meist mischt sich noch der sensationslüsterne Boulevard ein - aber ganz sicher nicht die breite Masse der Gesellschaft. Eine große Debatte über Gewalt gegen Frauen gibt es eigentlich immer nur dann, wenn Menschen mit Migrationshintergrund beteiligt sind. So wie in der Silvesternacht in Köln. Wie in Kandel. Wie jüngst in Freiburg. Dabei zeigen die Zahlen der Kriminalstatistik: Mehr als zwei Drittel der Tatverdächtigen in Fällen häuslicher Gewalt sind Deutsche. Gewalt gegen Frauen ist kein eingewandertes Problem. Kein alleiniges Problem sogenannter archaischer oder weniger emanzipierter Gesellschaften. Gewalt gegen Frauen ist Alltag in Deutschland und wurde viel zu lange nicht thematisiert, verschwiegen, in den Halbschatten des Privaten verdrängt. Ganze Generationen von Frauen wurden nach der Maxime erzogen, dass man über so etwas nicht redet. Was im Schlafzimmer passiert, bleibt im Schlafzimmer. Erst 1997 wurde die Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Im Bundestag stimmten damals 138 Abgeordnete dagegen. Unter ihnen waren Friedrich Merz und Horst Seehofer.

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Dabei liegt es gerade an Politik und Staat, endlich mehr öffentliche Verantwortung zu übernehmen. Es braucht mehr Geld und Raum für Kampagnen, die Gewalt gegen Frauen direkt und unverschleiert ansprechen. Mehr Geld für überlastete Frauenhäuser, die Frauen in Not aus Platzmangel abweisen müssen. Vor allem aber braucht es mehr Geld für Aufklärungsarbeit. Weil Gewalt gegen Frauen ein alltägliches Problem ist. Weil Vergewaltiger, Schläger und Mörder keine Monster sind, die aus dunklen und feuchten Kellerverließen kriechen, sondern in der Wohnung nebenan leben, einem in der U-Bahn gegenüber sitzen.

Um Gewalt gegen Frauen zu verhindern, braucht es politische und gesellschaftliche Verantwortung. Die Debatte darf sich nicht auf die weibliche Opferrolle fixieren, darf den Handlungsbedarf nicht allein auf Seiten der Frau suchen. Eine Veränderung beginnt mit der Anerkennung der Tatsache, dass es sich hier um ein Problem handelt, das alle angeht. Gewalt gegen Frauen ist keine Privatsache. Und noch viel weniger ist sie Frauensache. Gewalt gegen Frauen fängt bei Männern an. Sie ist das Resultat eines schädlichen Verständnisses von Männlichkeit. Das Ergebnis einer gesellschaftlichen Sozialisation, die Männer lehrt, ihre Gefühle zu unterdrücken, und die Gewalt als zentralen Teil des Mannseins akzeptiert.

Damit sich wirklich etwas ändert, muss die männliche Hälfte der Menschheit Teil des Diskurses über Gewalt gegen Frauen werden. Nicht weil alle Männer Täter sind, sondern weil alle Männer Verantwortung tragen sollten für das gerechte Zusammenleben der Geschlechter.

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