Gewalttat in Hameln "Gott ist mein Bodyguard"

Kader K. trägt eine Mütze, weil ihre Haare an manchen Stellen nicht mehr wachsen.

(Foto: Julian Erbersdobler)

Kader K. überlebte vor zwei Jahren schwer verletzt einen Angriff ihres Exmannes in Hameln. Wie fühlt sich ihr Leben jetzt an?

Interview von Julian Erbersdobler

Im Jahr 2017 sind in Deutschland knapp 114 000 Frauen von ihrem Partner oder Expartner misshandelt, gestalkt oder bedroht worden. Das geht aus einer Statistik des Bundeskriminalamts hervor, die Familienministerin Franziska Giffey an diesem Dienstag vorstellen will. 147 Frauen wurden von ihrem Partner oder Expartner getötet, im Schnitt also alle zwei bis drei Tage eine. Kader K. ist eine, die überlebt hat.

Auf den Tag genau vor zwei Jahren, am 20. November 2016, hat ihr Exmann Nurretin B. in Hameln, Niedersachsen, erst mit einem Messer auf sie eingestochen, sie dann mit der stumpfen Seite einer Axt niedergeschlagen, sie mit einem Seil an die Anhängerkupplung seines Autos gebunden und durch die Stadt geschleift. Auf der Rückbank saß der kleine Sohn der beiden, damals keine drei Jahre alt. Weil das Seil nach 200 Metern riss, ist Kader K. mit dem Leben davongekommen, schwerst verletzt. Wie fühlt sich das Leben seither an? Ein Treffen in einem Restaurant in Hameln. Ihren Exmann nennt sie während des Gesprächs nicht beim Namen, sondern nur "Täter".

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

SZ: Frau K., wie geht es Ihnen heute?

Kader K: Ich habe immer noch viele Schmerzen, Stirn, Kiefer, Nacken, Schulter, Wirbelsäule. Manchmal fühlt es sich an, als würde mein Kopf explodieren. Eine Ader an meiner Stirn pulsiert richtig, wenn die Schmerzen wiederkommen. Dann versuche ich, die Stelle zu massieren, aber das hilft auch nicht immer.

Sie liegen in der Nacht oft stundenlang wach und können nicht schlafen, wollen aber keine Tabletten nehmen. Warum?

Ich möchte nicht abhängig sein. In einer Klinik hat man mir geraten, dass ich ein Medikament nehmen soll, damit ich durchschlafen kann. Wenn ich diese Tabletten nehme, höre ich mein Kind nicht, wenn es schreit. Manchmal steht er mitten in der Nacht auf, weil er Angst hat oder krank wird. Wenn ich unter Drogen stehen würde, könnte ich mich dann nicht um ihn kümmern.

In einem Interview haben Sie von Albträumen erzählt, die Sie quälen.

Ich träume, dass der Täter mich umbringen will. Nicht in dieser Straße, wo es passiert ist, nicht in dieser Gegend, nicht in dieser Stadt. An einem ganz anderen Ort. Manchmal muss ich dann aufstehen, duschen gehen und meine Klamotten wechseln, weil ich so durchgeschwitzt bin. Das Schlimmste ist aber, dass die Träume so echt wirken. Ich wache mit der Frage auf: Wenn ich sterbe, was passiert dann mit meinem Kind?

Ihr Sohn hat die Tat miterlebt. Sprechen Sie mit ihm darüber?

Nein, aber er spricht mit mir. Einmal sind wir am Tatort vorbeigegangen. Da hat er plötzlich geschrien: "Er hat dir aua gemacht. Bring mir einen Stock, dann haue ich ihn." Obwohl er noch so klein war, hat er das mitbekommen. Auch wenn ich mich umziehe und er meine Narben sieht, sagt er: "Mama, er hat dir aua gemacht."

Spurensicherung im November 2016 am Tatort in Hameln.

(Foto: dpa)

Hat er Angst, Sie zu verlieren?

Wenn ich einen Termin habe und meine Handtasche hole oder die Jacke anziehe, dann fragt er gleich: Mama, wo gehst du hin? Mama, wann kommst du wieder? Mama, darf ich mitkommen? Er hat große Verlustängste. Er ist auch nicht gerne bei anderen Leuten, selbst wenn er sie gut kennt.

Wie schlimm ist es für Sie, dass der eigene Sohn so leidet?

Ich kann das gar nicht beschreiben. Er ist vor längerer Zeit immer zwischen vier und fünf Uhr nachts aufgewacht und hat geschrien. "Er ist wieder da! Er will dir aua machen!" Ich musste ihn dann trösten und sagen, dass er schlecht geträumt hat und dass er keine Angst haben muss. Aber der Junge ist traumatisiert.

Im Gegensatz zu Ihrem Sohn können Sie sich nicht mehr an die Tat erinnern.

Wenn ich versuche, im Gedächtnis zurückzuspulen, ist da nichts. Am Anfang wollte ich noch genau wissen, was passiert ist. Ich wollte Antworten auf meine Fragen. Ich habe Hypnose-Therapeuten kontaktiert, aber keiner ließ sich darauf ein. Heute bin ich froh, nicht alle Details zu kennen.

Wer hat Ihnen zum ersten Mal erzählt, was am 20. November 2016 passiert ist?

Eine sehr nette junge Ärztin im Krankenhaus meinte, dass ich noch eine Sache wissen muss. Sie sagte: Der Täter hat nicht nur auf Sie eingestochen, sondern hat Sie auch hinter seinem Auto hergeschleift. Es kam mir vor, als erzähle sie eine Geschichte über eine fremde Person. Aber es war meine Geschichte.

Die Ärzte sprechen von einem Wunder, dass Sie überlebt haben. Stellen Sie sich manchmal die Frage, wie das gelang?

Alle drei Angriffe, Messer, Axt und Seil, hätten tödlich enden können. Und ich lebe noch. Das ist doch Wahnsinn! Aber ich stelle mir eine andere Frage: Wie kann ich mich jetzt noch bei den Notärzten, Pflegern und Schwestern bedanken? Sie waren wie Engel. Der Arzt, der mich am Herzen operiert hat, hat das vorher noch nie gemacht. Ich würde mir wünschen, dass er eine Auszeichnung bekommt.

Ihr Exmann wurde zu 14 Jahren Haft verurteilt. Ist die Strafe gerecht?

Am Anfang wollte ich unbedingt, dass er lebenslang bekommt. Aber heute sehe ich das anders. Die wichtigste Frage ist, ob er sich ändert. Und das glaube ich nicht. Es ist also egal, ob er ein Jahr oder ein Leben lang im Gefängnis sitzt. Ich verzeihe ihm, aber tut Gott das auch?

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an den Tag denken, an dem er entlassen wird?

Ich habe keine Angst. Gott ist mein Bodyguard. Er beschützt mich und mein Kind.

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