Gérard Depardieu als Comic Depardieu als wandelnder Widerspruch

Depardieu hatte nur eine Bedingung: "Wenn du's machst, dann richtig, klar? Depardieu, wie er sich mit dem Roller auf die Fresse legt. Oder wie er in ein Flugzeug pisst." Das hat sich Sapin nicht zweimal sagen lassen. Sein Depardieu frisst und furzt, läuft meist halb nackt herum, schwadroniert wie auf Autopilot, trifft sinistre Clanchefs und kitzelt bei Tempo 150 den aserbaidschanischen Chauffeur durch, der darauf verschreckte Schlangenlinien fährt. "Schneller", ruft Depardieu und kitzelt weiter.

Sapin ist berühmt für seine Langzeitbeobachtungen: Er hat schon die Dreharbeiten zu einem Gainsbourg-Film nachgezeichnet und durfte François Hollande erst im Wahlkampf und dann in dessen erstem Jahr im Élysée begleiten. Dieses Depardieu-Buch aber ist mit Abstand das berührendste dieser Projekte, was, ganz klar, mit seiner seltsam widersprüchlichen Hauptfigur zusammenhängt, der er mit dokumentarischem Eifer (siehe die Pfeile und Erklärungen auf unserem Museumsbild) und viel Sinn für absurde Situationen hinterherskizziert.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Depardieu wird als wandelnder Widerspruch gezeichnet, derb und zart, laut und beobachtend, ein manischer Kunst- und Bildersammler, der sagt, Bilder kotzten ihn an. Der überall empfangen wird wie ein Präsident und immer wieder behauptet, das Einzige, wonach er sich sehne, sei ein normales Leben. Der über seine analphabetischen Eltern, die Schlägereien, den Schulabbruch und die Prostituierten im selben zupackenden Tonfall erzählt wie über die Bücher, die er fortwährend verschlingt, oder seine vielen berühmten Freunde ("Bob kommt vorbei." - "Welcher Bob?" - "Na, De Niro.")

Sapin psychologisiert nie, er zeichnet einfach den ganzen Irrsinn mit: Depardieu, der bereitwillig jedes Selfie herzlich mitmacht, aber manche Leute dann behandelt wie Putzlumpen. Depardieu, der erzählt, wie er als Kind seiner Mutter bei drei Geburten half, beim dritten Mal, "ich hol das Baby raus und flutsch, Gebärmuttersenkung". Als die Hebamme endlich kam, erklärte sie dem kleinen Gerard, das mache doch nichts, "das stopfst du alles wieder rein, und gut is'". Die drastischen Handbewegungen, mit denen Sapins Depardieu diese klinische Erklärung illustriert, vergisst man nicht so schnell wieder.

Vor allem aber zeigt er Depardieu als Getriebenen, in dessen Mitte ein Loch zu klaffen scheint, das durch nichts zu stopfen ist. Er mag sich selbst nicht, und das ist keine Koketterie, sondern ein Quell tiefer Schmerzen. Permanent muss er unterwegs sein, braucht den totalen Rummel, hängt jedes zweite Bild am Telefon, beschließt irgendwelche neuen, behämmerten Geschäftsprojekte (eine Hähnchenbratereikette in Russland!) oder dreht noch einen weiteren Film oder auch eine Dokumentation, mal als Stalin in Portugal, mal als Feinkoster, der sich quer durch Europa schlemmt. Es wäre falsch zu sagen, dass er einem danach sympathisch ist, das ist wahrscheinlich ohnehin keine Kategorie für dieses urwüchsige Wesen. Aber wenn ein Comic es schafft, aus einer lächerlichen Karikatur einen faszinierenden Menschen zu machen, einfach indem er ihn ganz ausstellt, ist das schon beeindruckend.

Mathieu Sapin: Gérard - Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu. Deutsch von Silv Bannenberg. Reprodukt-Verlag, Berlin 2018. 160 Seiten, 24 Euro.

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