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Art Spiegelman wird 70:Den Holocaust mit Mäusen und Katzen erzählt

Art Spiegelman at The Jewish Museum in New York.

Meister der Neunten Kunst: Für seine autobiografische Fabel erhielt Art Spiegelman als erster Comic-Künstler den Pulitzer-Preis.

(Foto: Beatrice de Gea/The New York Times/Redux/laif)

Art Spiegelman hat in Comics seine Familiengeschichte verarbeitet, gewann den Pulitzer-Preis - und holte die Kunstform aus der Kinderkram-Ecke.

Von Martina Knoben

Der Comiczeichner Chris Ware nannte sie die "größte Graphic Novel, die jemals geschrieben wurde". Die Rede ist von Art Spiegelmans "Maus", seinem Comic über den Holocaust. Spiegelman erzählt darin von seinem Vater, dem polnischen Juden Wladek Spiegelman, der mit seiner Frau Anja Auschwitz überlebte. Dieses Werk ist epochal in der Comic-Literatur, sein Schöpfer wird an diesem Donnerstag 70 Jahre alt.

Nazis als Katzen, Juden als Mäuse - auf diese Idee brachte ihn Hitler selbst

Die Juden sind im Comic als Mäuse gezeichnet, die Deutschen als Katzen. Aus Auschwitz wurde "Mauschwitz". 1986 kam "Maus" als Buch heraus - und war eine ungeheure Provokation. Mauschwitz? Völkermord als Comic mit Tieren? Das war ein scheinbar irrer Einfall. "Ich mache Comics, also war es für mich die einzig natürliche Sprache, in der ich sprechen konnte", begründete Spiegelman seine Entscheidung. Und es erscheint im Nachhinein ja auch fast zwingend: Die Form der Tierfabel, der stilisierende Strich des Comiczeichners schaffen erst die Distanz, damit vom Unsagbaren überhaupt erzählt werden kann. "Maus" ist als autobiografische Erzählung ergreifend, dabei intelligent konzipiert, weil die Unmöglichkeit des Erzählens von Geschichte immer wieder reflektiert wird.

Dieses Buch war etwas völlig Neues. Die Unsicherheit nicht nur dem Werk selbst, sondern der Form der literarischen Bilder-Erzählung gegenüber, ist den Rezensionen anzumerken, auch in Deutschland, wo das Buch drei Jahre später erschien. Da ist von einer "neuen Spielart des ,Erwachsenen-Comics'" die Rede oder von "Comic-Autoren-Literatur in Albenform".

Die Idee, Juden als Mäuse zu zeichnen, war die Antwort eines jüdischen Zeichners auf Hitlers Hetze. Spiegelman bezog sich auf Hitlers Äußerung, es sei recht und billig, die "Welt von einer minderwertigen Rasse" zu befreien, die sich "wie Ungeziefer" vermehre. Zugleich reagierte er als Comic-Künstler und Intellektueller auf Mickey Mouse - auf das Image des Comics als komische Kunst. "Maus" wurde zum Meilenstein für die "Neunte Kunst". Im Jahr 1992 erhielt Spiegelman dafür 1992 den Pulitzer-Preis - als erster Comicautor überhaupt. Dass der Comic aus der Schmuddel- und Kinderkram-Ecke herauskam, dass er als "Graphic Novel" einen Boom erlebt, wäre ohne Spiegelmans geniales wie gruseliges Erinnerungswerk undenkbar.

"Maus" machte Spiegelman reich und berühmt, es brachte ihn aber auch fast zum Verstummen. Im zweiten Teil von "Maus", 1991 erschienen, sitzt der Autor über sein Zeichenbrett gebeugt, eine Mausmaske vor dem Gesicht. Fliegen umschwirren ihn, während er über den Erfolg seines Buches sinniert. Im letzten Panel auf der Comicseite ist schließlich zu erkennen, dass sich unter dem Zeichentisch die Leichen ermordeter Juden türmen - nackte Mausmenschen, als Zeichen für das Grauen, das der Stoff seiner Geschichte (und seines Erfolges) ist.

Dieses Grauen hat Art Spiegelmans Leben geprägt. Er wurde 1948 in Stockholm geboren, 1951 wanderte die Familie nach Amerika aus. Die meisten seiner Verwandten waren im Holocaust umgekommen, auch sein älterer Bruder Rysio. Die Atmosphäre in dieser Familie mag man sich nicht vorstellen - "Maus" ist auch ein Porträt des durch seine Erfahrungen in Auschwitz unheilbar beschädigten, streitsüchtigen, pedantischen Vaters. Art flüchtete in die Welt der Comics, las Mad und brachte als 14-Jähriger seine erste Zeitschrift heraus. Das unverbrauchte, tendenziell unsentimentale, ja oft brutale Medium muss ein Glück für den Jungen gewesen sein. Als seine Mutter 1968 Suizid beging, verarbeitete Spiegelman auch das in einem Comic: "Prisoner on the Hell Planet."

Spiegelmans Zeichenstil wirkt roh und unbehauen, vom Underground-Comix beeinflusst, das passt zu seinen Themen. Eine vergleichsweise luftige Ausnahme ist seine Illustration von "Das wilde Fest", Joseph Moncure Marchs Langgedicht aus dem Jazz Age (1994), in dem eine rauschhafte Party aus dem Ruder läuft. Spiegelman arbeitete dafür mit Holzschnitten, die ebenso brutal wie chic wirken.

Aber Spiegelman ist nicht nur Comiczeichner. Zusammen mit seiner Frau Françoise Mouly gab er das legendäre Comicmagazin RAW heraus, in dem von 1980 an die ersten Kapitel von "Maus" erschienen und viele später berühmte Autoren wie Chris Ware und Charles Burns ihre ersten Geschichten veröffentlichten. In den Neunzigerjahren zeichnete er Titelbilder für den New Yorker - seine Frau ist immer noch Art-Direktorin des Magazins - sein berühmtestes entstand nach dem Anschlag vom 11. September 2001.

Die Monstrosität des Attentats (und der Reaktionen der amerikanischen Politik) veranlassten Spiegelman zu einem weiteren wuchtigen Werk nach "Maus": "Im Schatten keiner Türme" (2011) ist ein schrilles Kaleidoskop - eine vollkommen subjektive, wirre Reaktion auf den Wahnsinn, den wir Wirklichkeit nennen. In einem Bild ist Osama bin Laden mit blutigem Säbel und ihm gegenüber Bush mit gezücktem Revolver zu sehen. Die beiden stehen sich am Zeichenbrett des Mannes mit der Mausmaske kampfbereit gegenüber, der noch ahnungslos schläft und von alten Comics träumt.

© SZ vom 15.02.2018/cag

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