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Konzert in Genua:Brücke aus der Krise

Brücke in Genua vor Eröffnung

Ungewöhnliche Location: Unter der Brücke, auf einer Baustelle.

(Foto: Piero Cruciatti/dpa)

Genua bekommt zwei Jahre nach dem Einsturz eine neue Brücke. Ein feierliches Konzert zeigt, dass das nicht nur ein architektonischer Neuanfang ist.

Von Carolin Gasteiger

Unter der Brücke erklingt gerade das Orchester, als die Livestream-Kamera nach oben auf die Brücke schwenkt. Mehrere Männchen arbeiten da rund um eine Teermaschine herum, ihre orangefarbenen Anzüge leuchten in der Dämmerung. Oben arbeiten sie also unermüdlich weiter, während Genuas Würdenträger ihnen unten bei einem feierlichen Konzert danken. Die neue Ponte Genova San Giorgio ist nicht nur eine Brücke für Genua, sondern ein Neuanfang fürs ganze Land.

Mitte August vor knapp zwei Jahren war die Ponte Morandi eingestürzt, die den West- mit dem Ostteil der italienischen Hafenstadt verband, und riss 43 Menschen in den Tod. Die Ursache: längst bekannte, aber vertuschte Baumängel. Die Ermittlungen laufen noch. Die ligurische Haupt- und Hafenstadt jedenfalls stand unter Schock, der Verkehr wurde durch die Innenstadt geleitet, an jedem Tag ohne Brücke verlor Genua sechs Millionen Euro. Aber bald stand fest: Die neue Brücke wird ein Neuanfang, technisch, architektonisch, gesellschaftlich. Am kommenden Montag nun wird sie nun eingeweiht, der Entwurf stammt von Renzo Piano, berühmter Architekt und Kind Genuas. In Form eines Schiffes, gesäumt von dreieckigen Flügelelementen, trägt sie den Namen eines wichtigen Heiligen für die Stadt.

Mit einem Konzert will man am Montagabend nun den tausend Arbeitern danken, die die Brücke knapp einem Jahr fertiggestellt haben. Wind, Regen, das Coronavirus, im Italienischen nur "Covid", haben ihnen nichts anhaben können, beschwört Liguriens Regionalpräsident, sie hätten einfach immer weitergearbeitet. Und eine richtige Genoveser Brücke gebaut, wie Renzo Piano betont. Als der 82-Jährige auf der Bühne steht, geht gerade die Sonne unter. Piano redet vom Weg ins Licht, wenn an einem bestimmten Punkt der Autobahn der Blick auf die Altstadt Genuas fällt, auf das Mittelmeer. Die Brücke, oder das Schiff, wie Piano sagt, sei nüchtern, sparsam, einfach und stark, wie Genua selbst, so der Architekt.

Das Publikum an diesem Abend ist seltsam gemischt. Viele mit Leuchtwesten, einige in Festtagsrobe und Sektgläsern. Sie hätten nicht nur technische Fähigkeiten, sondern auch Leidenschaft in das Projekt gesteckt und könnten sich ein Leben lang sagen: "Ich war dabei", sagt Genuas Bürgermeister Marco Bucci. "Das ist das fleißige Italien. Ihr seid das Italien, das wir haben wollen!", ruft er den Versammelten zu, und meint dabei vermutlich eher die Leuchtwesten.

Viel Pathos also. Und dann kommt erst die Musik. Das renommierte Orchester der Academia Nazionale die Santa Cecilia in Rom spielt Samuel Barber und Ludwig van Beethoven. Die Brücke war ein Hoffnungsschimmer im Ausnahmezustand. Ein Weg aus der Krise. Wenn man dem Redner glauben mag, ersteht mit der Ponte San Giorgio nicht nur eine Brücke wieder auf, sondern eine Stadt, ein ganzes Land.

© SZ/tmh/freu
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