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Brückeneinsturz in Genua:Ein Jahr nach der Katastrophe

Reste der  Morandi-Brücke in Genua gesprengt

Ende Juni 2019: Mit einer kontrollierten Explosion werden die Reste der vor gut einem Jahr eingestürzten Brücke in Genua gesprengt.

(Foto: dpa)

Am 14. August 2018 löste sich ein 240 Meter langes Stück des Ponte Morandi in Genua und krachte in die Tiefe. Bis heute bleiben viele Fragen offen. Über eine Stadt, die immer noch am Neuanfang arbeitet.

In Genua, Stadtteil Certosa, haben Künstler Fassaden bemalt. Sehr großflächig, bunt und fröhlich. Auf einem dieser Graffiti sieht man ein junges Paar in einem roten Cabriolet mit genuesischem Nummernschild auf dem Weg in die Welt. Die Frau wirft die Europakarte aus dem Wagen. Dazu die Losung: "Frei, uns zu verlieren." In Certosa, dem Viertel unter der eingestürzten Brücke, des "Ponte Morandi", ist das Leben vor einem Jahr, am 14. August 2018, dem Tag vor Ferragosto, um 11.36 Uhr für viele stehen geblieben. Läden sollten bald schließen, weil der Durchgangsverkehr versiegte. Viele zogen weg. Die Street Art ist eine Aufmunterung für die Dagebliebenen, ein Augenzwinkern fürs Weitermachen.

Genua begeht den ersten Jahrestag der Katastrophe. 43 Menschen hat sie in den Tod gerissen, Gewissheiten zerstört. Es gibt ja Bilder, die brennen sich so stark ins Gedächtnis, dass sie nicht mehr weggehen. In Genua werden sie wohl nie vergessen, wie sich im Sommerregen des Unglückstags ein 240 Meter langes Stück aus der Brücke über das Tal der Polcevera löste und in die Tiefe krachte. Es gibt Videos davon, aus allen möglichen Blickwinkeln, sie wurden millionenfach abgespielt im Netz.

14 Sekunden dauert die Sequenz nur. Der Bürgermeister der Stadt, Marco Bucci, verglich den Schock über den Einsturz der "Morandi" am Tag danach mit dem Entsetzen, das die New Yorker am 11. September 2001 befiel, als ihre Zwillingstürme zu Staub und Schutt zerfielen. Natürlich war der Vergleich unpassend: dort der Terrorismus, da die Nachlässigkeit. Doch die Macht der Bilder wirkte in beiden Fällen. Heute geht man davon aus, dass die Arme, die stramm von den Pfeilern herabhingen und die Brücke trugen, innerlich zerfressen waren. Schon lange wahrscheinlich.

Mittlerweile wird gegen 71 Personen ermittelt

Wie die Zeitung Financial Times herausfand, suchen die Ermittler nach Beweisen für eine ungeheuerliche These. Manager und Aufsichtsräte der Betreibergesellschaft Autostrade haben womöglich bereits viele Jahre vor dem Unfall von der unbedingten Baufälligkeit der Struktur gewusst. Pfeiler 11 wurde dann einmal gefestigt. Auch Pfeiler 9 und 10 galten offenbar als hochgradig gefährdet. Doch die Renovierungsarbeiten wurden ständig verschoben. Der letzte Umbautermin für Pfeiler 9 war für Ende August 2018 angesetzt gewesen.

Es war Pfeiler 9, der nachgab. Mittlerweile wird gegen 71 Personen ermittelt, die meisten von ihnen arbeiteten oder arbeiten noch immer bei Autostrade oder im Ministerium für Infrastrukturen, das die Betreibergesellschaft überwachen sollte. Doch die Frage, warum die Brücke genau an jenem Tag mit jener Dynamik kollabierte, ist noch unklar. Die Staatsanwaltschaft vermutet die Folge mangelhaften Unterhalts; die Verteidigung verweist auf eine tragische Kette unglücklicher Geschehnisse, vor allem meteorologischer: der Starkregen, die Blitze, der Wind.

Die Regierungspartei Cinque Stelle, die auch den Transportminister stellt, forderte dennoch schon kurz nach dem Einsturz, dass man der Familie Benetton, die über ihre Holding Atlantia auch Autostrade führt, die Lizenz für die von ihr verantworteten Straßen entziehen solle. Sie machen einen beträchtlichen Teil des gesamten italienischen Autobahnnetzes aus. Bisher blieb es bei Drohungen, jede einzelne sorgte jeweils für Kursstürze an der Börse. Doch noch immer ist unklar, ob der Lizenzentzug überhaupt möglich wäre. Der Staat müsste die Benettons offenbar mit 20 Milliarden Euro entschädigen, was ja auch ein denkwürdiger Dreh der Geschichte wäre.

Vor eineinhalb Monaten wurden nun die Reste der alten Brücke weggesprengt, um Platz für die neue zu machen. Die Sprengoperation war eine große Show, alle Spitzenvertreter der römischen Regierung waren dabei. Manche fanden das befremdlich, etwa der Publizist und Schriftsteller Salvatore Merlo. "Wieder einmal haben wir es geschafft, eine Beerdigung als Taufe zu inszenieren, ein schändliches Versagen als nationalen Stolz," schrieb er in der Zeitung La Repubblica.

Autobahnbrücke in Genua eingestürzt

Die neue Brücke soll ganz schnell Form annehmen, damit die alten Bilder vom Einsturz und den Trümmern vielleicht doch bald ein bisschen verblassen.

(Foto: dpa)

Was war nicht schwadroniert worden nach dem Einsturz. Politiker versprachen einen Neubau in Rekordzeit. Kein Jahr würde vergehen, dann stehe eine neue Brücke. Der Transportminister sagte gar, das Projekt würde so toll werden, dass die Genuesen in Zukunft unter der Brücke spielen, sich vergnügen, essen würden, ein Paradies. Populisten sind nun mal wunderbare Märchenerzähler. Es gab dann Proteste gegen das Warten und auch gegen die Unannehmlichkeiten im Verkehr. Außerdem Proteste und Petitionen für die Bewohner der lachsfarbenen Sozialbauten an der Via Fillak und der Via Porro. Die Wohnhäuser, einst erstellt für die Angestellten der Staatsbahnen, standen ein halbes Jahrhundert lang im Schatten von Pfeiler 9.

Auf Simulationen wirkt die neue Brücke fein und leicht

Nun soll die neue Brücke ganz schnell Form annehmen, damit die alten Bilder vielleicht doch bald ein bisschen verblassen. Gezeichnet hat sie Stararchitekt Renzo Piano, einer der berühmtesten Söhne der Stadt, und wenn nichts dazwischenkommt, sollte sie bis im Frühjahr 2020 fertig sein. Das erste Fundament wurde in den Tagen vor der Sprengung gelegt, symbolisch gut getimt. Aus dem Werk des großen staatlichen Werftunternehmens Fincantieri in Castellammare di Stabia bei Neapel haben sie schon einzelne Teile geliefert.

Der "Viadotto Genova", wie der Viadukt zunächst einmal heißt, weil es für die ganze Stadt steht, wird aus Stahl gefertigt. Auf Simulationen wirkt die neue Brücke fein und leicht. "Einfach, aber nicht banal", sagte Piano, als er sie vorstellte. Tausend Jahre soll sie halten. 1100 Meter lang wird sie sein und auf 19 Pfeilern liegen. An Pfeiler 9 bauen sie schon, an der Basis findet die Gedenkmesse zum Jahrestag der Tragödie statt. Für 11.36 Uhr ist eine Gedenkminute geplant, danach redet der Erzbischof. In der Nacht wird die neue Brücke dann einmal hell leuchten. Dafür sorgen 43 Kandelaber, sie haben die Form von Segeln, eines für jedes Todesopfer. In Genua heißt es, die Brücke sehe wie ein Kahn aus und werde mit dem Leuchtturm am Hafen duettieren, dem Wahrzeichen der Stadt. In einer schönen, heilenden Symbiose.

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