Brückeneinsturz in Genua Kleine Wunder nach der Katastrophe

Wie jede Tragödie bringt auch der Brückeneinsturz in Genua seine Helden hervor. Die Genueser sind vor allem den Helfern dankbar, die immer noch zwischen den Trümmern nach Überlebenden suchen.

Von Elisa Britzelmeier, Genua

Wie lang so ein Kilometer ist. Man kann auf den Luftaufnahmen sehen, was diese Brücke alles überspannte. Oder man fährt auf einer der Parallelbrücken, die als Verbindung durch Genua geblieben sind, dann fliegt es draußen nur so vorbei, Industriegebiet, ausgetrockneter Fluss, Straße, Trümmer, Wertstoffhof, Straße, Trümmer, Eisenbahngleise, Wohnhäuser, Straße, mehr Wohnhäuser. Der Ponte Morandi verband nicht nur Italien und Frankreich. Er verband auch ganz einfach zwei Stadtteile. Jetzt ist die Brücke, das Band gerissen, aber die Stadt wächst zusammen.

Auf den Straßen ist wenig los. Ferragosto, Feiertag, Urlaubswoche, Läden und Cafés haben geschlossen, es ist mehr als dreißig Grad warm. Aber wer draußen ist, kennt kein anderes Thema. Eine Frage liegt über den Gesprächen, in der einzig offenen Bar, vor der Kirche. Was wäre wenn? Was wäre, wenn nicht so ein Stau gewesen wäre und die Autos schneller unterwegs, was wäre, wenn nicht so viele Anwohner im Urlaub wären, was wäre, wenn man sich mal früher hätte durchringen können dazu, diese vermaledeite Brücke zu erneuern?

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In ihrer Trauer und ihrem Zorn sind sich die Genueser einig, vielleicht sogar die Italiener insgesamt. Und in ihrer Dankbarkeit. Die gilt vor allem den Helfern, die immer noch vor Ort sind und nach Überlebenden suchen. Es wird ein zweites Mal Abend über den Trümmern, die übrig geblieben sind vom Ponte di Brooklyn, wie sie die Brücke nannten. Die Arbeiten wurden kein einziges Mal unterbrochen. Inzwischen sind ein paar Blumensträuße hinzugekommen, und jemand hat einzelne Kerzen vor den Absperrungen aufgestellt.

Die Wahrscheinlichkeit, die Vermissten noch lebend zu finden, sinkt mit jeder Stunde. Emanuele Gissi hat das schon am Nachmittag gesagt. Der Feuerwehrkommandant ist aus dem benachbarten Piemont angerückt, einer von mehr als 400 Feuerwehrleuten, die nun unter der Brücke arbeiten, zusammen mit der Polizei, dem Roten Kreuz, Rettungsdiensten und Suchhunden. Gissi kennt solche Einsätze, er hat mehrere Erdbeben miterlebt. Genau wie nach einem Erdbeben gehen sie nun auch vor, langsam, vorsichtig. Die Kräne sind da, um die größten Brocken zu bewegen. Die Hoffnung: dass sich darunter Löcher finden, in denen Menschen überleben konnten. Nur dass sie nicht einmal sicher sagen können, wie viele überhaupt vermisst sind.

"Ich versuche, das Nachdenken zu verschieben", sagt Comandante Gissi mit heller, sanfter Stimme. Seinen Helm hält er in der Hand, darin liegt eine Wasserflasche, die Sonne brennt ihm auf den Kopf. "Wir gehen das technisch an. Wir sind Profis."

Davide Capello, 33, Ex-Fußballprofi, stürzte hinab, zusammen mit der Straße

Für die vielen Menschen, die im Internet ihre Anteilnahme ausdrücken, sind Comandante Gissi und seine Kollegen mehr als Profis. Wie jede Tragödie bringt auch diese ihre Helden hervor. Und ihre Legenden, Mythen und Symbole. Am Tag danach ist da der kleine blau-grüne Lastwagen, der immer noch steht. Wenige Meter vor dem Abgrund. Der Fahrer, Luigi hat er sich italienischen Journalisten gegenüber genannt, ist gerade noch davongekommen, und auch nur wegen eines Überholmanövers vor ihm, er bremste gerade. Vor ihm stürzten die Autos in die Tiefe. Die Straße war einfach weg.

Davide Capello, 33, Ex-Fußballprofi, ist noch so ein Wunder. Er stürzte hinab, zusammen mit der Straße. 50 Meter nach unten, sein Auto ist zerstört, er selbst nur leicht verletzt. Dem italienischen Fernsehen hat er erzählt: Er sieht immer wieder die Straße vor sich, die einfach stürzt und stürzt und stürzt.

Ganz Genua, ganz Italien sieht sich diese Videos an und teilt diese Artikel online. Die Hilfsbereitschaft geht sogar so weit, dass sich unzählige Genueser zum Blutspenden meldeten, obwohl gar kein Bedarf da war. Die Blutspenderorganisation Avis musste einschreiten, entsprechende Aufrufe seien Falschmeldungen und sollten nicht weiter geteilt werden.

Auch der Ospedale San Martino vermeldet: kein Bedarf. In dem Universitätskrankenhaus auf einem der Genueser Hügel liegen sechs der Schwerverletzten, am Mittag war Premier Giuseppe Conte da, um sich einen Überblick zu verschaffen. Draußen warteten die Angehörigen der Opfer und auf der anderen Seite des Gebäudes die Journalisten. Dazwischen immer wieder Krankenwagen. Jede Sirene wird in der Stadt mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt, jede Ambulanza könnte gerade von der Brücke kommen.

Es geht für Genua auch um die einfachen, alltäglichen Fragen. Wenn erst einmal sicher ist, ob es noch Überlebende gibt, wenn erst einmal alle geborgen sind und die Trümmer weggeschafft, wie geht es dann weiter? Da ist etwa der kaputte Mülllaster unter den Trümmern, in einem Teil der Stadt könnten sie jetzt fürchten, dass als Nächstes der Müll-Notstand kommt. Und wie wird der Verkehr erst werden, wenn die Ferien vorbei sind?

Auf Twitter verbreitet sich unter #forzagenova eine Illustration, die zeigt, wie es weitergehen könnte. Gezeichnet hat sie Gokcen Eke. Man sieht die Überreste des Ponte, dazwischen zwei Riesen, der eine im Trikot des Genoa CFC, der andere in den Farben von U. C. Sampdoria. Die beiden Fußballklubs der Stadt liegen sich in den Armen. Und schließen so die Lücke.

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