Genderdebatte Sprache lenkt die Wahrnehmung von Menschen

Nun gibt es hiervon berühmte Ausnahmen: das Mädchen, das Fräulein, das Weib, die Schwuchtel, die Memme, der Vamp. Sie werden oft bemüht, um diesen Genus-Sexus-Zusammenhang zu widerlegen. Schaut man jedoch genauer hin, dann bestätigen sie diesen Zusammenhang sogar auf geradezu frappierende Weise: Sie markieren nicht das Geschlecht, sondern Geschlechterrollen, also die sozialen Erwartungen daran, wie sich die Geschlechter zu verhalten haben. Bei all diesen "Ausnahmen" handelt es sich nämlich um gesellschaftlich missbilligte Verstöße gegen Geschlechtsrollen. Die betreffenden Personen werden aus ihrer "richtigen" Genusklasse verbannt, weil sie sich "falsch" verhalten, der soziale Verstoß wird durch einen grammatischen geahndet. Das betrifft zum einen homosexuelle Männer, die aus Sicht einer solchen Gesellschaft dasjenige Geschlecht begehren, das "normalerweise" Frauen begehren. Deswegen stehen ihre Bezeichnungen häufig im Femininum (die Schwuchtel, die Tunte, die Tucke). Der feige Mann wird durch die Memme ausgestellt. Umgekehrt geriert sich der Vamp im Maskulinum durch die Macht über Männer "wie ein Mann".

Im Neutrum werden hingegen verachtete, abstoßende Frauen (das Weib, das Luder) bezeichnet, zum anderen noch nicht "voll entwickelte", also in der alten Geschlechterordnung solche, die noch unverheiratet sind: das Dirndl, das Wicht, das Fräulein, das Girl. Jungen erscheinen von Anfang an, auch in den Dialekten, im maskulinen Genus: der Kerl, der Bub, der Junge. Mehr noch: Verkleinerte Männernamen wie Peterle scheuen in vielen Dialekten das Neutrum, indem sie trotz ihrer Diminutivendung im Maskulinum verbleiben (der Peterle). Umgekehrt bekommen Mädchen und Frauen sehr viel häufiger und oft auch lebenslang diminuierte Namen, die immer im Neutrum stehen ('s Annele).

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Diese Praxis hat in manchen Dialekten dazu geführt, dass auch die vollen Namen neutral geworden sind (das Anna). In einem Forschungsprojekt an der Universität Mainz wurde unter anderem ermittelt, dass es früher die unter männlicher Familienherrschaft stehenden Frauen (vor allem Ehefrauen, Töchter und Mägde) waren, die durch das Neutrum gebannt wurden, während fremde, selbständige und sozial höherstehende Frauen das Femininum erhielten. Noch heute wirkt das Neutrum bei weiblichen Vornamen in vielen Dialekten familiär, vertraut und durchaus freundlich, das Femininum entsprechend abweisend-distanzierend.

Dass es sich dabei um Reflexe alter, heute weitgehend überkommener Geschlechterordnungen handelt, liegt auf der Hand - dennoch haben sich diese Verhältnisse grammatisch verfestigt. Tief in der Sprache, genauer: in solchen Genuszuweisungen lebt die alte Geschlechterordnung fort. Genus verweist also nicht nur auf Sexus, es leistet noch viel mehr: Es verweist auf soziale Erwartungen an die Geschlechter (Gender) und damit auf Geschlecht im umfassenden Sinn.

Diese und andere Forschungsergebnisse zeigen, dass Sprache die Wahrnehmung von Menschen zwar nicht festlegt, aber doch lenkt, und dass in der Sprache grundlegende soziale Verhältnisse kodiert sind. Deshalb kann durch Sprache auch eine bestimmte Weltwahrnehmung verstärkt, eine andere abgeschwächt werden. Wenn etwa Berufe sowohl in einer männlichen als auch in einer weiblichen Form (Ingenieurinnen und Ingenieure) vermittelt werden, schätzen Kinder typisch männliche Berufe als erreichbarer ein und trauen sich selbst eher zu, diese zu ergreifen, wie eine andere Untersuchung ergeben hat. Offenbar wird bei den Kindern das Selbstvertrauen, entsprechende Berufe ergreifen zu können, durch die geschlechtergerechten Bezeichnungen erhöht. Bei Erwachsenen wiederum lässt sich nachweisen, dass die Verwendung des generischen Maskulinums in Stellenanzeigen zu einem geringeren Anteil weiblicher Bewerbungen führt.

Das generische Maskulinum macht Frauen besser unsichtbar als jede Burka

Vor diesem Hintergrund ist es also nicht nur ein Gebot der Höflichkeit, mit und über Menschen in der öffentlichen Kommunikation so zu sprechen, dass Männer und Frauen explizit benannt sind - allein das sollte ja eigentlich schon Grund genug sein, dies zu tun. Es ist darüber hinaus geradezu eine demokratische Pflicht, die Entfaltung von Chancengleichheit und -gerechtigkeit nicht schon durch die Ablehnung geeigneter sprachlicher Mittel zu behindern. "Das generische Maskulinum macht Frauen besser unsichtbar als jede Burka", hat Luise Pusch einmal gesagt. Es ist die Pflicht der Linguistik, in der Debatte um die geschlechtergerechte Sprache darauf zu verweisen, dass eben dieses generische Maskulinum genauso eine Idealisierung darstellt wie die "Genus ist nicht Sexus"-These - beides hat mit der Sprachrealität wenig zu tun.

An dieser Stelle tritt aus unserer Sicht sogar ein grundsätzlicher Auffassungsunterschied zutage: der zwischen System und Gebrauch. Die Sprachwissenschaft war lange Zeit geprägt durch eine Verabsolutierung des Sprachsystems, das in Gestalt von Grammatikregeln, Deklinationstabellen und anderen Strukturvorgaben als ein fest gefügtes Gerüst der Kommunikation angesehen wurde. Aufgrund riesiger digitaler Sammlungen von Texten unterschiedlichster Art wissen wir heute aber, wie vielfältig, mit wie vielen Varianten und Alternativen Sprache im Gebrauch tatsächlich realisiert wird. Das Gerüst von Regeln ist nur eine Abstraktion des Gebrauchs, und ein Bild der Sprache, das zu diesem Befund viel besser passt, ist das eines Gewässers, dessen Lauf, Strömungsgeschwindigkeit und Wasserzusammensetzung sich immer wieder den Umgebungsbedingungen anpasst.

Eine solche Umgebungsbedingung des Gewässers der deutschen Sprache ist heute die Sichtbarmachung der verschiedenen Gruppen unserer pluralistischen Gesellschaft. Nicht jedem Wunsch nach Sichtbarkeit kann mit sprachlichen Mitteln adäquat begegnet werden. Gerade das Genus-System jedoch ist darauf zugeschnitten, eindeutig auf Männer und Frauen zu verweisen. Deshalb ist und bleibt der Gebrauch geschlechtergerechter Sprache eine einfache, direkte und wirkungsvolle Möglichkeit, an der Gleichstellung der Geschlechter mitzuwirken.

Henning Lobin ist Sprachwissenschaftler an der Universität Gießen. Im August wird er Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim und Professor für Germanistische Linguistik an der dortigen Universität. Demnächst erscheint von ihm "Digital und vernetzt. Das neue Bild der Sprache" (Metzler-Verlag). Damaris Nübling ist Professorin für Historische Sprachwissenschaft des Deutschen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Konrad-Duden-Preisträgerin 2014. Im Herbst erscheint von ihr und Helga Kotthoff "Genderlinguistik. Eine Einführung in Sprache, Gespräch und Geschlecht" (Narr-Verlag).

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