"Fury- Herz aus Stahl" im Kino Raserei des Tötens

"Wardaddy" Brad Pitt und seine Panzerbesatzung. Die Losung der Stunde - Fury, Raserei - haben sie auf ihr Geschützrohr gepinselt.

(Foto: Columbia/Sony)

Im neuen Kinofilm "Fury" darf Brad Pitt das Bild der amerikanischen Befreier im Zweiten Weltkrieg einschwärzen. Aber dann nimmt die Ästhetik des Krieges überhand.

Von David Steinitz

An seinem ersten Arbeitstag muss der junge amerikanische Soldat Norman erst mal die Reste seines Vorgängers aus dem Panzer putzen. Den hat es bei einem Bombardement erwischt, ins Innere des Panzers geschleudert und dort an die Innenwände verteilt.

Norman (Logan Lerman) ist eigentlich Armee-Schreiber, ausgebildet, um 60 Wörter pro Minute zu tippen - nur wird in den letzten Kriegswochen im Frühjahr 1945 jeder Mann für den Kampf durchs schlammige deutsche Hinterland Richtung Berlin gebraucht. Die Niederlage der Deutschen ist längst in Sicht, aber auf den Schlachtfeldern und in den Dörfern verheizen die Nazis noch ein paar Tausend Jugendliche und Senioren, um den Alliierten den Einmarsch so schmerzhaft wie möglich zu machen. Dieses Desaster bekommt Norman, mit Waschkübel in der Hand, brüllend von seinem neuen Chef erklärt. Der heißt genauso wie er ist, sein Spitzname lautet "Wardaddy", und Brad Pitt spielt ihn mit seinem grimmigsten Gesichtsausdruck: "Ich habe Nazis in Afrika, Frankreich und Belgien getötet, jetzt töte ich eben Nazis in Deutschland!"

Auch der Panzer hat einen Spitznamen: "Fury", Raserei. So lautet der Originaltitel des Films, und so haben es die Jungs in weißen Lettern aufs verrußte Panzerrohr gekrakelt. In Deutschland hatte wohl jemand vom Verleih einen poetischen Moment, hier heißt der Film "Herz aus Stahl". Das ist zwar etwas kriegskitschig, fasst aber gut zusammen, was Regisseur und Drehbuchautor David Ayer verhandeln will, während Blut und Gedärme spritzen, so heftig, wie man es selten im Mainstream-Kino zu sehen bekommt: Kann ein Mensch die Grausamkeiten und Demütigungen des Krieges ertragen, ohne korrumpiert und deformiert zu werden?

Mystifizierung fürs amerikanische Gewissen

Das mag für europäische Ohren ziemlich naiv klingen, nur muss man berücksichtigen, dass der Zweite Weltkrieg in den USA vielerorts immer noch als der Krieg gilt, aus dem die amerikanischen Soldaten durchweg als strahlende Helden und Befreier herausmarschiert sind. Eine Mystifizierung, die mit allen folgenden Kriegen und den Schocknachrichten von Gräueltaten der US-Armee, von Vietnam bis Afghanistan, immer notwendiger fürs kollektive amerikanische Gewissen wurde.

Aber Wardaddy und seine vier Männer von der 2nd Armored Division - selbst der anfangs so verschüchterte Norman - tragen in der ersten Filmhälfte einen guten Teil zum Gesamtgrauen bei, während sie mit ihrem M4 Sherman-Panzer von Kaff zu Kaff donnern und die letzten Widerständler hinrichten. Trotzdem war "Herz aus Stahl" in den USA ein ziemlicher Publikumshit, der vierterfolgreichste Film des Sony-Studios 2014, und das will bei so einem Big Player natürlich was heißen. Trotzdem - das muss man in diesem Fall aber dazu sagen. Nicht nur, weil der Film an alten Heldenmythen kratzt, sondern weil er in seinem weiteren Verlauf auch ziemlich schizophren geraten ist.

David Ayer hat bereits ein paar ziemlich eindrucksvolle Filme gemacht. Zum Beispiel hat er als Autor von "Training Day" und Regisseur von "End of Watch" das Genre des knallharten Cop-Thrillers mit einer Rohheit und Geradlinigkeit reanimiert, die im großen Hollywood-Studiobetrieb selten sind. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass er diesmal seiner eigenen Geschichte nicht so recht traut. Denn mit der gleichen Lust, mit der er anfangs seine Entmystifizierung der US-Armee betreibt, ergötzt er sich ab der Hälfte in aller Ruhe an der Ästhetik des Krieges und schwenkt von den zermürbenden Wackel-Nahaufnahmen seiner Soldaten im Panzerinneren aufs große Panorama: die Bombengeschwader und ihre weißen Kondensstreifen am rot schimmernden Himmel bei Sonnenuntergang; die Panzer, denen er in seiner Inszenierung jegliche Plumpheit ihres 30-Tonnen-Daseins nimmt, um sie in beinahe erotischen Balz-Choreografien im Kampf umeinander kreisen und schießen zu lassen - großes Überwältigungskino.

Und als würden diese bombastischen Bilder ausgerechnet bei dem Menschen, der sie inszeniert hat, eine Art Gehirnwäsche vornehmen, huldigt Ayer im letzten Filmdrittel schließlich genau jenen patriotischen Siegerposen und jener in Camouflage verpackten Macho-Coolness, die er anfangs so überdidaktisch angeprangert hat. Da verteidigen seine fünf Jungs ihren kaputtgefahrenen Panzer an einer Straßenkreuzung gegen eine 300-Mann-Einheit der Waffen-SS. Zur Ermutigung gibt es die letzte Flasche Schnaps und Erbauungsparolen, die direkt aus den Rekrutierungsbüros in der Heimat stammen könnten.

Fury, USA 2014 - Regie, Buch: David Ayer. Kamera: Roman Vasyanov. Mit: Brad Pitt, Logan Lerman, Shia LaBeouf, Jon Bernthal. Sony, 134 Minuten.

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