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Filmfestspiele:Der Film mit der Goldenen Palme hatte die lautesten Lacher im Wettbewerb

Exakt dasselbe Spannungsfeld umgibt "Aus dem Nichts", den deutschen Beitrag von Fatih Akin, der das Versagen der Strafverfolgungsbehörden in Sachen NSU-Morde zum Ausgangspunkt nimmt. Auch dieser Film möchte eigentlich ein Genrefilm sein - Typus "Verzweifelte Mutter rächt ermordeten Mann und Sohn" -, wogegen man höchstens einwenden könnte, dass solche Rachefilme halt immer simpel und etwas platt wirken. Dafür spielt Diane Krüger, erstmals in ihrer Muttersprache, diese Verzweiflung schon wirklich sehr gut. Sie gewann den Preis als beste Darstellerin und dankte ihrem "Bruder" Fatih Akin, "der Stärken in mir entdeckt hat, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe."

Mann und Sohn im Film aber sterben durch eine von Neonazis gelegte Bombe, und deshalb ist es mit Genrekino und Verzweiflung hier nicht getan. Der längste Teil des Films handelt von einem Prozess, der vorgibt, einen genauen Blick auf das deutsche Rechtssystem zu werfen. Wollte Akin das tatsächlich tun, müsste er alle Genre-Ambitionen aufgeben, denn so funktioniert die Wirklichkeit eben nicht. Das will er aber nicht, also muss er wichtige Realitäten unterschlagen.

Vielleicht hat die Jury deshalb auch Filme herausgehoben, die der grassierenden Düsternis etwas entgegensetzen, so fragil es auch sein mag. Robin Campillos "120 Battements Par Minute" (Grand Prix) handelt zwar ebenfalls von einem harten Thema - Aids-Aktivisten im Frankreich der frühen Neunzigerjahre, viele sind selbst infiziert, einige sterben - aber die gelebte Energie und Solidarität dieses Kampfes, an dem der Regisseur damals selbst teilnahm, wirken als positiver Impuls doch sehr stark. Und Ruben Östlund mit "The Square", der Gewinner der Goldenen Palme, war der Film mit den lautesten Lachern im Wettbewerb. Zwar liegt auch hier einiges im Argen, es geht um Zweifel und Sinnlosigkeit im absoluten Herzen der Wohlstandsgesellschaft, sogar im Zentrum der Political Correctness. Schauplatz ist ein schwedisches Kunstmuseum und seine superreichen Gönner - über die kann man sich aber auch wunderbar lustig machen, und darin ist Östlund wirklich sehr kreativ.

Insgesamt jedoch vermittelte weder die Liste der Preise (Sofia Coppola gewann noch für die Beste Regie, nicht zu Unrecht, Nicole Kidman bekam eine Art Jubiläumspreis für starke Präsenz in zwei Wettbewerbsfilmen) noch die Auswahl des Wettbewerbs den Eindruck einer Richtung, einer Fortentwicklung des Films. Und vielleicht liegt das am Zustand der Welt. Das Kino liebt bleierne Zeiten und Verhältnisse, scheinbar in Stein gemeißelt, an denen es rütteln kann - in dem es sichtbar macht, zuspitzt, emotionalisiert, übertreibt. Wenn aber die Verhältnisse radikal im Fluss sind, wenn Zuspitzer, Emotionalisierer, Übertreiber überall an die Macht kommen, was dann?

Dann könnte es sein, dass die Aufgabe plötzlich Differenzierung ist - im Leben wie in der Kunst. Also die mühsame Arbeit, gerade den besten Geschichten nicht zu glauben, den stärksten Emotionen zu misstrauen und die eindeutigsten Schlussfolgerungen in Zweifel zu ziehen. Niemand soll sagen, dass das Kino dazu nicht in der Lage sei - als seismisches Instrument ist es so präzise, dass es all das in einem einzigen Gesicht in Großaufnahme registrieren kann. Filmemacher aber, die diese Chance begriffen haben - die waren zumindest auf diesem Festival noch nicht zu sehen.

Bester Film: "The Square" von Ruben Östlund (Schweden)

Großer Preis der Jury: "120 Beats per Minute" von Robin Campillo

Preis der Jury: "Nelyubov (Loveless)" von Andrej Swjaginzew

Beste Schauspielerin: Diane Kruger für "Aus dem Nichts"

Bester Schauspieler: Joaquin Phoenix für "You Were Never Really Here"

Beste Regie: Sofia Coppola für "The Beguiled"

Bestes Drehbuch: Lynne Ramsay für "You Were Never Really Here" und Giorgos Lanthimos für "The Killing of a Sacred Deer"

Bester Kurzfilm: "Katto" von Teppo Airaksinen und "A Gentle Night" von Qiu Yang

Sonderpreis zum 70. Jubiläum der Festspiele: Nicole Kidman

© SZ vom 29.05.2017/vit/cat
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