Filmfestival Venedig Ein Goldener Löwe garantiert nicht mal mehr einen Verleih

Es gibt einen drei Jahre alten Überblick über die weltweiten Einspielergebnisse, die die Sieger der großen Festivals seit der Jahrtausendwende zusammenbrachten, dabei kam auch damals schon heraus, dass die Cannes-Sieger zwischen 2001 und 2010 weltweit 505 Millionen an der Kinokasse verdient haben, die venezianischen Löwen es aber auf insgesamt nur 377 Millionen Dollar brachten. 178 davon entfallen auf einen einzigen Film, Ang Lees "Brokeback Mountain" von 2004.

Sollte man diese Liste noch mal auf den neuesten Stand bringen, kämen noch Alexander Sokurov mit "Faust" (2011), Kim-Ki Du mit "Pietá" (2012) und Gianfranco Rosi mit "Sacro GRA" im vergangenen Jahr als Sieger dazu - "Pietá" hat das Gesamtergebnis um ein weltweites Einspielergebnis von drei Millionen Dollar erhöht, die anderen beiden sind so schlecht gelaufen, dass es gar kein weltweites Einspielergebnis gibt. Ein Goldener Löwe garantiert nicht mal mehr einen Verleih, geschweige denn einen nennenswerten Erfolg an den Kinokassen.

Ein Grund dafür ist es, dass die Mechanik dieser Preise in Venedig aus der Balance geraten ist. Wenn man Löwen, Bären oder Palmen Filmen gibt, die für ein größeres Publikum interessant sind, dann können sie, wenn sie gelegentlich einmal an einem cineastischen Außenseiter gehen, diesem eine Aufmerksamkeit verschaffen, die er sonst nicht bekäme.

Wenn man die Außenseiter zur Regel macht - dann werden die Preise zu einem Prädikat für schwer nachvollziehbare filmische Anstrengungen, von denen sich das Publikum lieber fernhält. Egal, ob man "Sacro GRA" nun gut gemacht findet oder nicht: Ein Dokumentarfilm über eine italienische Autobahn ist von Haus aus einfach kein Straßenfeger, und es ist niemand ein Banause, wenn er sich einen solchen Film nicht im Kino ansieht.

Warum die Jurys so entscheiden, ist schwer zu sagen - man hört immer wieder, dass es in Italien die Sehnsucht gibt, die eigenen Filme prämiert zu sehen, was in den letzten beiden Jahren auch tatsächlich passierte. Wie das zustande kommt, wissen nur die Juroren. Grundsätzliche Vorbehalte gegen alles, was amerikanisch ist oder aus anderen Gründen unter Popularitätsverdacht steht, spürt man aber manchmal auch in den Kinosälen.

Die roten Teppiche sind nun mal wichtig

Das Festival darf nicht nur auf Glamour wert legen, aber es muss ihn im Blick behalten - ein puristischer Kulturbetrieb hat keine Überlebenschance. Die roten Teppiche sind nun einmal wichtig, sie bringen Aufmerksamkeit. Und nur dorthin, wo die Aufmerksamkeit liegt, wollen die großen Filmemacher hin.

Es ist zunehmend so, dass Cannes alle großen Festival-Filme an sich bindet und für die anderen Festivals nur wenig übrig bleibt. Vielleicht wären kleinere Wettbewerbe ein Gegenmittel - wenn der Preis nichts mehr gilt und die Paparazzi nicht genug zu tun haben, hilft aber auch das nicht. Es gäbe dann keinen Grund mehr für eine Filmfirma, riesige Summen in eine Premiere in einem Wettbewerb zu investieren, den sie sowieso nicht gewinnen werden.

Das ist ein Teufelskreis: Wenn ein Festival keine Startrampe zum Erfolg mehr ist, bekommt es die Filme nicht mehr, die es dazu machen würden.

Wer nicht viel von Monopolen hält, sei es in der Wirtschaft, in der Meinungsbildung oder in der Kunst, muss Venedig wünschen, dass es sich in der Oberliga der Filmfestivals halten kann. Nicht, weil es die Mutter aller Festivals ist, sondern weil die Kinolandschaft es immer noch braucht - im Namen der Vielfalt.