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Nacktszenen in Filmen:Warum auf der Leinwand noch Tabus brechen, wenn es doch das Internet gibt?

Ob das schlimm ist? Na, irgendwie schon. Zum einen spart das Kino ja tatsächlich einen Teil des Lebens aus. Zum anderen muss man ja aber fragen, warum das so ist. Es gibt dafür ganz sicher mehr als einen Grund. Der Guardian hat den amerikanischen Filmjournalisten Stephen Galloway befragt, der meint, es stünden ökonomische Gründe im Vordergrund, also der Versuch, möglichst viele Filme auf einen gemeinsamen Publikumsnenner zu bringen: Hollywood wolle Alt und Jung, Männer und Frauen in jeder Produktion gleichermaßen bedienen.

Die Nacktszenen waren früher in ihrer Sichtbarkeit auf die Filmtheater beschränkt

Und natürlich ist da noch das Internet, das auf unterschiedliche Arten auf die Filmemacher einwirkt. Bis vor Kurzem konnte man sehen, wie das Kino sich immer weiter an die Grenze zur Hardcore-Pornografie herangetastet hat, von Bertoluccis "Der letzte Tango in Paris" (1972), wo Marlon Brando tatsächlich Maria Schneider zu nahe trat, über das marketingtechnisch geschickt gestreute Gerücht zum Film "Wenn der Postmann zweimal klingelt" (1981), dass Jack Nicholson und Jessica Lange bei ihrer Sexszene gar nicht geschauspielert hätten. Regisseure wie Catherine Breillat und Lars von Trier engagierten dann öfter mal leibhaftige Pornostars und zeigten sie in Aktion.

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Das Netz hat nun aber zu einer Omnipräsenz der echten Pornografie bis in die Kinderzimmer geführt, da wirkt es seltsam sinnlos, auf der Leinwand noch Tabus zu brechen, vielleicht fehlt den Filmemachern die Herausforderung. Mut beweisen können sie eher, wenn sie queere Bilder in den absoluten Mainstream integrieren - das Elton-John-Biopic "Rocketman" etwa ist der erste Blockbuster mit Sexszenen zwischen Männern. Ein letztes Stückchen filmisches Neuland.

Ein weiteres Problem ist die völlig neue Verfügbarkeit der Bilder. Galloway mutmaßt im Guardian, für Werbeverträge könnten Nacktszenen Schauspielern das falsche Image verleihen. Vielleicht gibt es Firmen, für die das eine Rolle spielt, aber die Kosmetikmarke Lancôme hat sich beispielsweise von Juliette Binoches filmischer Vergangenheit nicht abschrecken lassen.

Die großen Sex- und Nacktszenen in der Vergangenheit des Kinos waren in ihrer Sichtbarkeit noch auf die Filmtheater beschränkt. Wenn der Film dort nicht lief, war er auch nicht zu sehen - ein wichtiger Anreiz für den Kinobesuch und sogar für den Siegeszug des europäischen Films im prüderen Amerika. Gerade die besonders freizügigen Filme brauchten auch eine ganze Weile, bis sie dem einzigen weiteren Glied der Verwertungskette zur Verfügung gestellt wurden, dem Fernsehen. Fernsehbilder konnte man damals noch nicht aufzeichnen, und mit der Einführung des Videorekorders begann zunächst nur die private Wiederholbarkeit.

Jede Nacktaufnahme ist, wenn es schlecht läuft, für jeden auf der Welt jederzeit zugänglich

Heute dagegen kann jede Szene zu einem endlos reproduzierbaren Standbild werden, das aus dem Netz nicht mehr herauszubekommen ist. Und diese Bilder hat dann fast jeder auf dem gesamten Erdball über sein Smartphone in der Tasche. Jede Nacktaufnahme ist, wenn es schlecht läuft, für jeden auf der Welt jederzeit zugänglich. Und da ist es eigentlich kein Wunder, dass immer weniger Schauspieler Lust darauf haben, solche Szenen zu drehen. Nicht, weil sie sich um Werbeverträge Sorgen machen, sondern aus Angst um die eigene Würde. Und dann ist da noch ein Perfektionswahn, dem Julie Christie und Donald Sutherland seinerzeit noch nicht verfallen waren. Schon im Alltag ist es ein Druck, mit surrealen, bearbeiteten Bildern zu konkurrieren - ein Druck, den Schauspieler noch sehr viel stärker spüren.

All das mag dazu geführt haben, dass das Kino sich aus dem Geschäft mit den Liebesszenen zurückgezogen hat und heute sehr oft wegschneidet, sobald zwei Paar Lippen sich berühren. Aber Filme werden davon nicht einfach nur ein bisschen langweiliger. Es sind auf diese Weise die bis ins Detail auserzählten Liebesgeschichten gleich ganz verschwunden. Das Kino hat der Pornografie das Feld überlassen, es hat die Gestaltungshoheit über unsere Wahrnehmung von Sex verloren. Das ist der eigentliche Verlust für eine Gesellschaft, wenn das Kino sich prüde gibt: industriell gefertigter Sex statt leidenschaftlicher Liebesszenen. In der unvergesslichen Szene mit Day-Lewis und Olin aus "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" liegt der Spiegel auf dem Fußboden und sie kriecht darüber. Wohin schaust du denn, will sie dann wissen; und er antwortet: in deine Augen.

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