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Nacktszenen in Filmen:Wenn die Lover Kleider tragen

Ein Kopulationsfest: Würde ein Film wie "Basic Instinct" heute noch gedreht werden?

(Foto: Imago Stock&People)

Mainstream-Filme sind heutzutage geradezu keusch - Sexszenen wie in "Basic Instinct" oder "Neuneinhalb Wochen" sucht man vergebens. Über die neue Prüderie des Kinos.

Es könnte dem Kino besser gehen, sogar dem amerikanischen. Dass es gelegentlich noch Rekordergebnisse zu verkünden gibt, liegt vor allem daran, dass Hollywood traditionell lieber Einspiel-Dollars zählt als verkaufte Eintrittskarten. Das Branchenblatt Variety vermeldete soeben fürs bisherige Jahr 2019 einen Rückgang um zehn Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2018 an den amerikanischen Kinokassen - nicht in Geld, aber in Besuchern. Es ist unumstritten, dass das nicht nur mit Konkurrenz von Streamingdiensten zu tun hat - es wird schon auch an den Filmen liegen. Was ist los mit dem Kino, hat es den Kontakt zum Publikum verloren? Eine These konnte man unlängst in der Washington Post und im Guardian lesen: Das Kino ist prüder geworden; und das tut ihm nicht gut.

Die Filmkritikerin Ann Hornaday beklagte in der Washington Post, dem Kino sei die Erotik abhandengekommen, und damit gleich der ganze Bezug zum Leben. Nun würden mehr Sexszenen sicher nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Film in Wahrheit seelenlose, einfallslose Massenware ist, das war aber auch gar nicht gemeint: Laut Hornaday hat sich das Kino eines traditionellen, reizvollen Teils seiner selbst entledigt. Es sei, als habe Hollywood "es aufgegeben, in amerikanischen Erwachsenen mehr zu sehen als in ihrer Entwicklung stehen gebliebene Halbwüchsige, deren einziges Interesse es ist, auf die Unterhaltung ihrer Jugend zurückzugreifen."

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Die absehbaren Sommerhits des Jahres 2019 sind Marvel-Filme, dazu "John Wick 3" und "Toy Story 4". An der These könnte also etwas dran sein. Das Kino, besonders das amerikanische, hat sich vom Sex verabschiedet, ganz gelegentlich findet er noch auf die Leinwand, überwiegend in europäischen Filmen. Im Großen und Ganzen aber hat der Film, was den Sex angeht, nur noch eine große Klappe: Er bedient sich viel derberer Sprache als früher, aber das ist nicht erotisch. Gewaltszenen sind kein Problem, Nacktheit schon. Das ergibt ein seltsames Missverhältnis: Die Gesellschaft ist freizügiger geworden - ihr Kino aber nicht.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass die "Me Too"-Bewegung viel mit der Sache zu tun hat

Und natürlich liegt der Verdacht erst einmal nahe, es habe vielleicht irgendwie mit der "Me Too"-Bewegung zu tun, dass es kaum noch Sexszenen gibt. Hornaday befürchtet, es sei die Angst vor dem "männlichen Blick", die Hollywood zurückschrecken lässt - und vor dem Skandal, wie es ihn gab, als sich Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux beschwerten, wie Regisseur Abdellatif Kechiche am Set von "Blau ist eine warme Farbe" behandelt habe.

Es gibt für beides Abhilfe. Weder muss man von Erotik immer nur aus männlicher Sicht erzählen, noch ist es unmöglich, Schauspieler am Set mit Respekt zu behandeln, sogar, wenn sie gerade eine Sexszene drehen. Über die Arbeit an Philip Kaufmans "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" (1988), in dem das Dreigespann aus Juliette Binoche, Lena Olin und Daniel Day-Lewis miteinander im erotischen Clinch liegt, hat sich ja auch keiner beklagt. Auch nicht über die wunderbare Szene mit Olin, Day-Lewis und einem Spiegel.

Überhaupt ist es eher unwahrscheinlich, dass die Anklagen gegen Harvey Weinstein und Konsorten viel mit der neuen Prüderie zu tun haben - diese Entwicklung ist kaum anderthalb Jahre alt, Filme werden langsamer entwickelt und produziert, das dauert, bis ein neues Bewusstsein darin sichtbar wird. Und es gibt ja schon seit einigen Jahren nichts Vergleichbares mehr zu der plötzlichen Erregung eines Ehepaars auf Venedigreise, wie sie Julie Christie und Donald Sutherland in "Wenn die Gondeln Trauer tragen" (1973) so wunderbar spielten, eine der berühmtesten Sexszenen im Kino überhaupt. Auch hochglänzende Kopulationsfeste wie "Basic Instinct" oder "Neuneinhalb Wochen" sucht man vergebens. Sexszenen gibt es auch heute noch, aber mit der nicht immer besonders rühmlichen Ausnahme von "Game of Thrones" führen sie ein Nischendasein. Der Mainstream bleibt keusch.

Warum auf der Leinwand noch Tabus brechen, wenn es doch das Internet gibt?

Ob das schlimm ist? Na, irgendwie schon. Zum einen spart das Kino ja tatsächlich einen Teil des Lebens aus. Zum anderen muss man ja aber fragen, warum das so ist. Es gibt dafür ganz sicher mehr als einen Grund. Der Guardian hat den amerikanischen Filmjournalisten Stephen Galloway befragt, der meint, es stünden ökonomische Gründe im Vordergrund, also der Versuch, möglichst viele Filme auf einen gemeinsamen Publikumsnenner zu bringen: Hollywood wolle Alt und Jung, Männer und Frauen in jeder Produktion gleichermaßen bedienen.

Die Nacktszenen waren früher in ihrer Sichtbarkeit auf die Filmtheater beschränkt

Und natürlich ist da noch das Internet, das auf unterschiedliche Arten auf die Filmemacher einwirkt. Bis vor Kurzem konnte man sehen, wie das Kino sich immer weiter an die Grenze zur Hardcore-Pornografie herangetastet hat, von Bertoluccis "Der letzte Tango in Paris" (1972), wo Marlon Brando tatsächlich Maria Schneider zu nahe trat, über das marketingtechnisch geschickt gestreute Gerücht zum Film "Wenn der Postmann zweimal klingelt" (1981), dass Jack Nicholson und Jessica Lange bei ihrer Sexszene gar nicht geschauspielert hätten. Regisseure wie Catherine Breillat und Lars von Trier engagierten dann öfter mal leibhaftige Pornostars und zeigten sie in Aktion.

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Das Netz hat nun aber zu einer Omnipräsenz der echten Pornografie bis in die Kinderzimmer geführt, da wirkt es seltsam sinnlos, auf der Leinwand noch Tabus zu brechen, vielleicht fehlt den Filmemachern die Herausforderung. Mut beweisen können sie eher, wenn sie queere Bilder in den absoluten Mainstream integrieren - das Elton-John-Biopic "Rocketman" etwa ist der erste Blockbuster mit Sexszenen zwischen Männern. Ein letztes Stückchen filmisches Neuland.

Ein weiteres Problem ist die völlig neue Verfügbarkeit der Bilder. Galloway mutmaßt im Guardian, für Werbeverträge könnten Nacktszenen Schauspielern das falsche Image verleihen. Vielleicht gibt es Firmen, für die das eine Rolle spielt, aber die Kosmetikmarke Lancôme hat sich beispielsweise von Juliette Binoches filmischer Vergangenheit nicht abschrecken lassen.

Die großen Sex- und Nacktszenen in der Vergangenheit des Kinos waren in ihrer Sichtbarkeit noch auf die Filmtheater beschränkt. Wenn der Film dort nicht lief, war er auch nicht zu sehen - ein wichtiger Anreiz für den Kinobesuch und sogar für den Siegeszug des europäischen Films im prüderen Amerika. Gerade die besonders freizügigen Filme brauchten auch eine ganze Weile, bis sie dem einzigen weiteren Glied der Verwertungskette zur Verfügung gestellt wurden, dem Fernsehen. Fernsehbilder konnte man damals noch nicht aufzeichnen, und mit der Einführung des Videorekorders begann zunächst nur die private Wiederholbarkeit.

Jede Nacktaufnahme ist, wenn es schlecht läuft, für jeden auf der Welt jederzeit zugänglich

Heute dagegen kann jede Szene zu einem endlos reproduzierbaren Standbild werden, das aus dem Netz nicht mehr herauszubekommen ist. Und diese Bilder hat dann fast jeder auf dem gesamten Erdball über sein Smartphone in der Tasche. Jede Nacktaufnahme ist, wenn es schlecht läuft, für jeden auf der Welt jederzeit zugänglich. Und da ist es eigentlich kein Wunder, dass immer weniger Schauspieler Lust darauf haben, solche Szenen zu drehen. Nicht, weil sie sich um Werbeverträge Sorgen machen, sondern aus Angst um die eigene Würde. Und dann ist da noch ein Perfektionswahn, dem Julie Christie und Donald Sutherland seinerzeit noch nicht verfallen waren. Schon im Alltag ist es ein Druck, mit surrealen, bearbeiteten Bildern zu konkurrieren - ein Druck, den Schauspieler noch sehr viel stärker spüren.

All das mag dazu geführt haben, dass das Kino sich aus dem Geschäft mit den Liebesszenen zurückgezogen hat und heute sehr oft wegschneidet, sobald zwei Paar Lippen sich berühren. Aber Filme werden davon nicht einfach nur ein bisschen langweiliger. Es sind auf diese Weise die bis ins Detail auserzählten Liebesgeschichten gleich ganz verschwunden. Das Kino hat der Pornografie das Feld überlassen, es hat die Gestaltungshoheit über unsere Wahrnehmung von Sex verloren. Das ist der eigentliche Verlust für eine Gesellschaft, wenn das Kino sich prüde gibt: industriell gefertigter Sex statt leidenschaftlicher Liebesszenen. In der unvergesslichen Szene mit Day-Lewis und Olin aus "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" liegt der Spiegel auf dem Fußboden und sie kriecht darüber. Wohin schaust du denn, will sie dann wissen; und er antwortet: in deine Augen.

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