Favoriten der Woche:Von kühnen Plänen und Hühnern

Lesezeit: 5 min

Favoriten der Woche: Ein Podcast erklärt: Tauchen in der Literatur Hühner auf, lässt oft jemand Federn, dann drohen Zerfall, Verderben, Unglück, Tod.

Ein Podcast erklärt: Tauchen in der Literatur Hühner auf, lässt oft jemand Federn, dann drohen Zerfall, Verderben, Unglück, Tod.

(Foto: IMAGO/Geisser)

Ein fulminanter Roman, unwiderstehlicher Swing und Kunst in einer Altbauwohnung: Fünf Empfehlungen aus der SZ-Redaktion.

Von SZ-Autoren

Podcast: Hühner in der Literatur

Rom geht unter - und der Kaiser züchtet Hühner. Das Ende des von ihm verachteten Imperiums ist Romulus nur recht, also stellt er sich den Germanen nicht entgegen. Soll die Welt von ihm denken, was sie will. Mit dieser Szenerie aus Dürrenmatts Tragikomödie "Romulus der Große" beginnt Rolf Cantzen sein herrliches, bei DLF Kultur als Podcast abrufbares Feuilleton "Die pickende Katastrophe": Tauchen in der Literatur Hühner auf, lässt oft jemand Federn, drohen Zerfall, Verderben, Unglück, Tod. Belege findet Cantzen viele, unter anderem bei Virginia Woolf ("Orlando"), Michail Bulgakow ("Die verfluchten Eier"), Luigi Malerba ("Die nachdenklichen Hühner") und natürlich Wilhelm Busch ("Max und Moritz"). Wobei, das muss gesagt werden, die Hühner selbst kaum einmal die Schuld trifft an all dem Niedergang um sie her. Stefan Fischer

Ein teilfiktiver Roman: "Der kühnste Plan seit Menschengedenken"

Favoriten der Woche: "Der kühnste Plan seit Menschengedenken", Wagenbach 2022, 480 Seiten, 26 Euro.

"Der kühnste Plan seit Menschengedenken", Wagenbach 2022, 480 Seiten, 26 Euro.

Herman Sörgel, ein Architekt, der bis zu seinem rätselhaften Unfalltod 1952 in München lebte, gehört zu den großen Fantasten. Unter dem Namen "Atlantropa" plante er gigantische Staudämme und Wasserkraftwerke im Mittelmeer, das er um bis zu 200 Meter abgesenkt hätte, um Afrika und Europa zu verbinden. Von Berlin hätte man mit dem Zug bis Kapstadt fahren können. Sörgel wollte mal eben alles: die Welt befrieden, die noch auf die Trümmer des Ersten Weltkriegs starrte; den Hunger besiegen; und fossile Energieträger ersetzen. Wie schade, denkt man heute, die neue Gasrechnung in der Hand, dass Sörgel nie ernst genommen wurde. Was nicht stimmt. Denn der Autor Matthias Lohre hat Herman Sörgel und dessen jüdische Ehefrau, es ist die Kunsthändlerin Irene Villanyi, mit einem teilfiktiven, teilbiografischen, zur Gänze aber fulminanten Roman bedacht: "Der kühnste Plan seit Menschengedenken" ist im Verlag Wagenbach erschienen (480 Seiten, 26 Euro). Es ist fast beängstigend, wie sich eine Liebes- und Technikgeschichte von einst zur puren Gegenwart verdichten: Letztlich geht es um die Energie-, Klima- und Geopolitikkrisen unserer Zeit. Sörgel war ein Seher. Gerhard Matzig

Klassik: Swinging Brahms

Favoriten der Woche: Das Belcea-Quartett hat die Violakönigin Tabea Zimmermann und den brillanten Celloartisten Jean-Guihen Queyras zum süffigen Sechser eingeladen.

Das Belcea-Quartett hat die Violakönigin Tabea Zimmermann und den brillanten Celloartisten Jean-Guihen Queyras zum süffigen Sechser eingeladen.

Manche behaupten, das Streichsextett sei eine Art explodiertes Streichquartett, komplizierter im Satz, orchestraler im Klangeffekt. Wenn überhaupt, stimmt das erst bei den beiden Sextetten, die Johannes Brahms schrieb und die neben Peter Tschaikowskys "Souvenirs de Florences" die berühmtesten Stücke des Genres geworden sind, nicht zu vergessen die "Verklärte Nacht" von Arnold Schönberg. Dass es im Jazz Sextette in verschiedener Kombination gibt, versteht sich von selbst, es ist dort eine Besetzung quasi auf dem Weg zur Big Band.

Die Geschichte des Streichsextetts beginnt im 18. Jahrhundert bei Luigi Boccherini. Doch es sind die Sextette op. 18 und op. 36, die der junge Brahms komponierte, die das Genre gleichsam monumental definiert haben: herrlich strömende, sich wiegende Musik in unwiderstehlichem Swing. Brahms hatte damit richtigen und anhaltenden Erfolg, der später dem älteren, rauschbärtigen Knurrhahn aber suspekt wurde, er hat abwinkend von zwei "sentimentalen langen" Stücken gesprochen. Um die Besetzung - zwei Geigen, zwei Violen, zwei Celli - zu erfüllen, liegt es nahe, zum Quartett eine Viola und Cello dazuzuholen. Aber es ist nicht einfach, zwei Fremde in ein gründlich entwickeltes und eingespieltes Team halbwegs zu integrieren. Daher gibt es auch berühmte Aufführungen, in denen sich sechs tolle Einzelspieler zusammengefunden haben, etwa um den Großcellisten Pablo Casals oder um den Großgeiger Jascha Heifetz.

Das feurige Belcea-Quartett (Corina Belcea, Axel Schacher, Violinen; Krzysztof Chorzelski, Viola; Antoin Lederlin, Cello) hat die Violakönigin Tabea Zimmermann und den brillanten Celloartisten Jean-Guihen Queyras zum süffigen Sechser eingeladen (Alpha Classics). Obwohl die beiden hörbar ihre eigene Tongebung und Klangentfaltung haben, ist es doch zu einem geistvollen, durchartikulierten, vitalen, aber nicht lärmigen symphonischen Miteinander gekommen. Sentimental und lang, hat der alte Brahms gebrummelt. Das Gegenteil ist aber wahr, wenn diese Sextette so hell timbriert und lichterfüllt musiziert werden. Da klebt nichts erdenschwer oder ist treudeutsch gewichtig, sondern die Stücke werden so zu puren Lebens- und Freudenfeiern. Harald Eggebrecht

Gut versteckte Comedyserie: "Fett und Fett"

Favoriten der Woche: Funktioniert auch ohne Worte: Jaksch (Jakob Schreier) und Amara (Samira El Ouassil) beim ersten Kuss in der Silvesternacht.

Funktioniert auch ohne Worte: Jaksch (Jakob Schreier) und Amara (Samira El Ouassil) beim ersten Kuss in der Silvesternacht.

(Foto: Nikolas Tusl/ZDF)

"Fett und Fett" ist so etwas wie der Hidden Champion unter den deutschen Comedyserien, die zweite Staffel läuft seit diesem Sommer gut versteckt in der ZDF-Mediathek. Auf den ersten Blick geht es um Jaksch (Jakob Schreier) und seine Freunde, lauter Anfang-dreißiger in München, auf den zweiten Blick um viel mehr - Sinnsuche, Großstadtmelancholie, so was. Die Dialoge sind so realistisch, dass man sie jederzeit auch im Hausflur oder an der Bushaltestelle hören könnte. Als Jaksch und seine Freundin eine Bekannte auf einer Vernissage treffen, klingt das zum Beispiel so: "Fandet ihr die Performance nicht auch so wunderschön, oder was sagst du als Mann vom Theater dazu?" - "Ja, äh, voll dramatisch." - "Ah, ja stimmt, du bist beim Theater, gell? Voll cool. Ich hab Theater ja grad wieder voll für mich entdeckt. Ich find halt, das hat halt auch so einen ganz anderen Stellenwert mittlerweile. Ähm, ich bin gleich wieder bei euch, wir sehen uns." Die sechs Folgen der neuen Staffel haben wunderbar zeitgeistige Titel wie "Irgendwie schon" und "Bisschen viel". Und sind so schnell vorbei, dass man am liebsten noch mal von vorne anfangen möchte. Kathrin Müller-Lancé

Kunst in der Wohnung: Wilhelm Klotzek

Favoriten der Woche: Wilhelm Klotzek: Liegende, 2022, liegt zurzeit im Mittelpunkt der Sammlung Klosterfelde, Hamburg

Wilhelm Klotzek: Liegende, 2022, liegt zurzeit im Mittelpunkt der Sammlung Klosterfelde, Hamburg

(Foto: Volker Renner)

Wer Wesentliches nicht verpassen will, muss ja dieser Tage ohnehin nach Hamburg, wo an diesem Wochenende das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel wieder losgeht, das an dieser Stelle aber gar nicht mal im Mittelpunkt der Empfehlung stehen soll, denn das erledigt sich auch von alleine mit einem Blick auf das wie immer ziemlich bombastische Programm. Aber wenn man eh schon mal in der Stadt ist, bitte am besten auch gleich mal unter office@klosterfeldeeditionen.de melden und einen Besichtigungstermin ausmachen. Dann darf man in die Präsentationswohnung des Sammlerpaares Klosterfelde, wo der Künstler Wilhelm Klotzek die eher kanonischen Bestände mit Arbeiten von seiner eigenen Generation ein wenig aufgemischt hat. Da trifft zum Beispiel der bockige Bretterbudencharme der Bildhauerei von Manfred Pernice aus den Neunzigern auf die ebenfalls merkwürdig heiter-spröden Betonarbeiten der Pernice-Schülerin Marta Dyachenko, die da nun wie kleine Lastkähne durch die Hamburger Altbauwohnung schwimmen. Und wem bei diesem Anblick Isa Genzken in den Sinn kommt, sieht sie plötzlich: auf einem Foto von Wolfgang Tillmans. Es ist ein mehrdimensionales Sinn-und-Form-Domino, das Klotzek da durch die Räume gelegt hat. Und deswegen darf man sich auch nicht wundern, wenn man etwa von dem konzeptuellen Humor eines John Baldessari oder Sigmar Polke immer relativ schnell bei den Werken von Klotzek selber ist. Seine das Wohnzimmer beherrschende große "Liegende" ist eine Zigarette, die selbst sehr lässig eine Zigarette raucht. Zugleich ist es aber natürlich auch eine Paraphrase auf Wieland Försters "Große Liegende", eine der bekanntesten Freiplastiken Ostberlins. Und um Berlin, daher stammt Klotzek nun einmal und da leben auch die meisten der anderen Künstler, ist auch in Hamburg kein Herumkommen. Aber immerhin ist es ein idealeres Berlin. In einer Serie von Plakaten für wünschenswerte Events hat Klotzek unter anderem die bisher sympathischste Veranstaltung imaginiert, die bisher für das sogenannte Humboldt Forum avisiert worden ist: Es lädt zur "Ü-Eier Börse Berlin-Mitte". Und es gibt eigentlich keinen Grund, warum die Realität den Ratschlägen aus der Kunst nicht mal Folge leisten könnte. Peter Richter

Zur SZ-Startseite

Favoriten der Woche
:Laue, laute Abende

Ein Computerspiel spürt der Liebe nach, ein Dirigent nimmt's genau, ein französischer Superminister imitiert seine literarische Adaption: Fünf Empfehlungen der SZ-Redaktion.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB