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Diktaturerfahrung der Deutschen:Wie machen wir das wieder gut?

Exportschlager Erinnerungskultur: Sind Völkermord und Diktatur zu bewältigen, werden oft die Deutschen konsultiert. Die haben vor allem symbolische Gesten wie den Kniefall Willy Brandts in Warschau oder pragmatische Institutionen wie die Stasi-Unterlagenbehörde zu bieten.

Einen Monat bevor im April 1994 der grausame Völkermord in Ruanda losbrach, hatte ein katholischer Priester begonnen, seine Übersetzung von Hitlers "Mein Kampf" ins ruandische Kinyarwanda zu verbreiten. Bevor die Hutu-Mehrheit in nur 100 Tagen 800.000 Tutsis und gemäßigte Hutus liquidierte, hatten die Initiatoren des Genozids im örtlichen Radio Mille collines eine Propagandaoffensive gegen die Volksgruppe der Tutsi gestartet, die sich explizit an den Hetz-Techniken der Nationalsozialisten orientierte: "Tutsis sind unser Unglück! Jeder Hutu hat die Pflicht, Tutsis zu töten!"

Kniefall Willy Brandts in Warschau, 1970

Inbegriff des Demutsbeweises: Kniefall Willy Brandts vor dem Mahnmal für die Opfer des Warschauer Ghettos.

(Foto: AP)

Drei Monate später eroberte die "Ruandische Patriotische Front" die Macht im Land zurück, installierte eine Übergangsregierung und machte sich die Aussöhnung zwischen den Volksgruppen und den moralischen Wiederaufbau des Landes zur dringlichsten Aufgabe.

Bei der Aufarbeitung der Gräueltaten beriefen sich die Ruander erneut auf das "deutsche Modell". Sollte die Einzigartigkeit eines Menschheitsverbrechens die Täternation etwa gleichsam zu einem Vorbild für dessen Aufarbeitung qualifizieren?

Wohl kaum. Dennoch fällt Deutschland bei der gesellschaftlichen und juristischen Bewältigung von Diktaturen und Völkermorden aufgrund seiner eigenen Geschichte eine besondere Rolle und Verantwortung zu. In Ruanda bieten Mitarbeiter deutscher NGOs und Regierungsbeamte ihre Beratung bei der Besetzung der 10.000 Dorfgerichte an, die bis heute etwa 1,2 Millionen Verfahren gegen Verantwortliche und Mitläufer des Genozids abgewickelt haben.

Vertreter ruandischer Erinnerungs- und Versöhnungsinitiativen zeigen seit Jahren reges Interesse am Konzept der "Wiedergutmachung", dem politischen und gesellschaftlichen Prozess der Bewältigung der Diktaturerfahrungen sowie an Erinnerungskultur in Museen, Gedenkstätten, Archiven und Schulen.

Zweifel am Vorbild

Ob die "Umsetzung des deutschen Modells" in Ruanda wirklich als "Erfolgsgeschichte" zu bezeichnen ist, wie es unlängst ein ruandischer Oberstaatsanwalt tat, ist dennoch ungewiss. Die Aufarbeitung der Geschehnisse im öffentlichen Diskurs, nach der es nur eine einzige offiziell gültige Version der Bürgerkriegswirren der neunziger Jahre gibt, wird von der autoritären Regierung unter Präsident Paul Kagame auch durch die Beschneidung der Presse- und Meinungsfreiheit verteidigt.

Diese "pragmatische Lösung" entspreche dem ruandischen Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität und fördere den gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie den beeindruckenden Wirtschaftsaufschwung des Kleinstaates, meint Gerd Hankel, Wissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung und juristischer Berater in Ruanda. Dass Onesphore Rwabukombe, einer der mutmaßlichen Drahtzieher des Völkermords, jahrelang unbehelligt in Mannheim lebte, bevor nun am Oberlandesgericht Frankfurt Anklage gegen ihn erhoben wurde, befördert weitere Zweifel an der Vorbildfunktion Deutschlands bei der Genozid-Aufarbeitung.

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