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"Diaz - Don't clean up this blood" auf DVD:Macho-Mentalität und fehlende Kontrolle

Wie erklären Sie sich, dass sich so viele Polizisten und Wärter in der Bolzanetto-Kaserne dazu hinreißen ließen, unschuldige und wehrlose Menschen schwer zu verletzen? Wie kommt es, dass Menschen, die rechtschaffene Bürger sind, schwere Straftaten begehen, sobald sie Uniformen tragen?

Regisseur Daniele Vicari: "Das italienische Strafgesetzbuch kennt keine Klausel, die Folter verbietet."

(Foto: Universal Pictures International)

Die Analyse der Auslöser für diesen Mechanismus und der Motive, die dabei im Spiel sind, ist extrem kompliziert. Dennoch lassen sich einige Auslöser klar benennen. Da wäre zunächst der Umstand, dass das italienische Strafgesetzbuch keine Klausel enthält, die Folter verbietet. Das liegt daran, dass Italien die entsprechende Konvention der Vereinten Nationen von 1984/1985 nach wie vor nicht in nationales Recht umgesetzt hat. Daraus folgt wiederum, dass bei uns bislang niemand wegen Folter verurteilt wurde.

Aber ist es nicht ein Kennzeichen moderner Zivilgesellschaften, dass normal sozialisierte Bürger eine natürliche Hemmung haben, brutal um sich zu schlagen? Kommt diese Hemmung erst mit dem Strafgesetzbuch?

Die Motive, die einem derart gewaltvollen Auftreten zu Grunde liegen, sind sowohl politischer als auch anthropologischer Natur. Die politischen Motive ergeben sich, weil die Politik in Italien kein gesundes Verhältnis zur Gesellschaft hat und als schwach wahrgenommen wird. In der Justiz und den Strafverfolgungsbehörden hat sich daher nicht das Selbstverständnis entwickelt, öffentlicher Kontrolle zu unterliegen. Seit jeher besteht im Sicherheitsapparat eine Tendenz, das politische Machtvakuum auszufüllen.

Was verstehen Sie unter anthropologischen Motiven?

Warum richtete sich die Polizeigewalt in der Diaz-Pascoli-Schule in erster Linie gegen Frauen? Ich denke, dass liegt in erster Linie an der Macho-Mentalität, der ein solches Verhalten zu Grunde liegt.

Nahezu alle Polizisten in Ihrem Film mit der Ausnahme des "guten" Max scheinen pathologische Schläger zu sein, während sie die Globalisierungsgegner im Wesentlichen als nette junge Leute darstellen, die nicht gewaltbereit sind. Sie zeigen zu Beginn des Filmes zwar Aktionen des Schwarzen Blocks, aber ist das nicht dennoch eine zu einseitige Verallgemeinerung?

Zunächst einmal: Es gibt nicht nur Gut und Böse. Wenn wir diese einfache Unterteilung machen könnten, würden wir in einer viel besseren Welt leben. Bemerkenswert ist aber doch, dass alle Polizisten, die in der Diaz-Schule und in der Bolzanetto-Kaserne als Vertreter des Staates zuschlugen, durch ihre Schutzkleidung und Helme vollständig maskiert waren. Es war unmöglich, sie zu identifizieren. Warum wirkt Max denn wie ein Guter? Weil er seinen Helm abnimmt, dadurch verwundbar ist und seine Menschlichkeit zurückgewinnt. Die zusammengeprügelten Opfer hingegen waren einer gigantischen Maschinerie unterworfen - es gab keinen einzigen Fall des Widerstands. Sie hatten keine Chance, zu reagieren. Hätten sie Waffen gehabt, hätten sie sich vermutlich gewehrt.

"Diaz - Don't clean up this blood", Italien/Rumänien/Frankreich 2012 - Regie: Daniele Vicari. Buch: Daniele Vicari, Laura Palolucci. Kamera: Gherardo Gossi. Musik: Teho Teardo. Mit: Claudio Santamaria, Jennifer Ulrich, Elio Germano. Universal Pictures International, 127 Minuten.

© Süddeutsche.de/pak/mkoh/rus
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