bedeckt München 27°

Desaster-Comic "Im Schatten keiner Türme":Überlagert vom Grauen des Holocaust

Nirgendwo sonst gibt es diese unglaubliche Menge an Taumel und Stürzen, an Momenten des freien Falls: In seinem phantastischen Desaster-Comic-Buch zum 11. September sucht der New Yorker Cartoonist Art Spiegelman sein verlorengegangenes Gleichgewicht - und findet es auf persönlich-neurotischer Ebene.

Fritz Göttler

Desaster ist meine Muse, bekennt Art Spiegelman in seinem Vorwort, Desaster, die verlässliche Muse der Comic-Autoren. Das Desaster, um das sein Buch kreist und wirbelt, ist das vom 11. September 2001, der Crash der Twin Towers in New York, der hat Spiegelman, dessen Familien- und kreatives Leben in unmittelbarer Nähe, in Lower Manhattan stattfindet - seine Heimat nennt er es tatsächlich mal -, völlig verstört, für Tage, Wochen, Monate.

"Nichts lässt die Leute so sehr zusammenrücken wie ein Weltuntergang." Szene aus Art Spiegelmans Im Schatten keiner Türme.

(Foto: Art Spiegelman)

Aber Anfang 2002 fängt er an, seine Erinnerungstrümmer - Feuer und Staub, Zerstörung und Tod, wirre Beschuldigungen und politische Verzerrungen - aufzuarbeiten, in zehn zeitungsgroßen Comic-Tafeln, die zwei Jahre später in einem Band zusammengefasst werden, "In the Shadow of No Towers".

Ein Desaster-Buch, das die Spuren des Einschlags trägt, den 9/11 für Art Spiegelman bedeutete, das wirr ist und brutal, sarkastisch und phantasievoll, despektierlich und desaströs . . . und allenfalls auf persönlich-neurotischer Ebene Sinn ergeben könnte: wenn der Schrecken von New York, den Spiegelman und seine Familie erlebten, überlagert wird von dem Schrecken seiner Eltern, den er in seinem berühmten Buch "Maus" verarbeitet hatte, den Schrecken des Holocaust, der KZs.

Wenn der Rauch in Auschwitz, so "unbeschreiblich", der Luft gleicht im südlichen Manhattan nach Brand und Einsturz der Towers. Als Maus taucht der Autor immer wieder auf, von Osama bin Laden mit seinem Blutschwert wie von George W. Bush mit seiner Flagge gleichermaßen schikaniert.

Sein Gleichgewicht finden wollte Art Spiegelman mit diesen zehn Seiten - auch wenn es nur ein provisorisches Gleichgewicht sein konnte, ein prekäres. Keine Kunst ist dazu besser geeignet als der Comic, der sich aufs einzelne Bild konzentriert und doch nie in ihm ruhen will, der immer auf dem Sprung ist und weiterdrängt ins nächste Bild, die nächste Zeile hinein. Der die Kontinuität feiert und sie gleichzeitig ad absurdum führt. Und nirgendwo sonst gibt es diese unglaubliche Menge an Taumel und Stürzen, an Momenten des freien Falls.

Kaum auszumachen in ihrer Phantomexistenz

Die alten Weggefährten von Spiegelmans Karriere wollten ihm diesmal nicht folgen, die New York Review of Books oder der New Yorker - Spiegelman hat zahlreiche seiner Titelbilder gestaltet, auch das zur Ausgabe nach 9/11, die zwei Türme schwarz auf schwarzer Nacht, kaum auszumachen in ihrer Phantomexistenz - es gibt auch das Titelbild des vorliegenden Bandes ab.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite