Berliner Staatsballett:Streit um Tschaikowskis "Der Nussknacker"

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Berliner Staatsballett: Frohes zum Fest: Clara (Iana Salenko) und der Nussknacker (Marian Walter) in einer Inszenierung der Deutschen Oper in Berlin.

Frohes zum Fest: Clara (Iana Salenko) und der Nussknacker (Marian Walter) in einer Inszenierung der Deutschen Oper in Berlin.

(Foto: Stephanie Pilick/picture alliance / dpa)

In Berlin pausiert der Weihnachtsklassiker gerade wegen rassistischer und kolonialistischer Szenen. Sofort schaltet sich der russische Botschafter ein. Was ist da los?

Von Dorion Weickmann

Dass der Botschafter der Russischen Föderation in kultureller Mission öffentlich die Stimme erhebt, kommt nicht alle Tage vor. Kürzlich lieferte Moskaus Gesandter Sergej J. Netschajew der Berliner Zeitung jedoch einen Gastbeitrag. Thema: der Verzicht des Berliner Staatsballetts auf eine "Nussknacker"-Aufführung zur Weihnachtszeit. Netschajew las dem "Klub der auserwählten Moralapostel" die Leviten und zielte dabei vor allem auf Christiane Theobald, die kommissarische Intendantin der Hauptstadtkompanie, und ihren Beschluss, den Klassiker wegen erklärungsbedürftiger Szenen vorerst im Depot zu lassen. Worunter hauptsächlich ein paar getanzte Miniaturen aus dem zweiten Akt fallen. Darin werden karnevaleske Figuren aus China und Arabien herbeizitiert, um die Herkunft regionaler Spezereien - namentlich Tee und Kaffee - zu bebildern. Aber wer schaut schon so genau hin? Wer kennt "Nussknackers" Schicksal jenseits der wunderprächtigen Partitur von Tschaikowsky und der Choreografie "nach Petipa/Iwanow", wie es auf den meisten Programmzetteln heißt?

Als der "Nussknacker" am 18. Dezember 1892 im Sankt Petersburger Marientheater erstmals über die Bühne ging, hagelte es Verrisse. Augenzeugen wie der Maler Alexandre Benois ließen kein gutes Haar an der Aufführung: "Das Ganze war einfältig, grob, schwer und düster", die Musik erinnere "zeitweise an eine Freiluft-Militärskapelle" und leide unter "scheußlicher Wiedergabe", notierte Benois in sein Tagebuch. Der Librettist und Erste Ballettmeister des Zaren, Marius Petipa, hatte den Reinfall womöglich früh gewittert und sich krankheitshalber rasch aus den Proben verabschiedet. Die Inszenierung besorgte sein Stellvertreter Lew Iwanow. Wie viel der eine, wie viel der andere zum Endergebnis beigetragen hat, lässt sich nicht mit letzter Gewissheit ermitteln. Sicher ist nur: Petipa legte seiner Handlungsvorlage nicht E. T. A. Hoffmanns 1816 veröffentlichte schwarzromantische Erzählung "Nussknacker und Mausekönig" zugrunde. Vielmehr bevorzugte der Franzose die puderzuckrige Variante aus der Feder seines Landsmanns Alexandre Dumas, die 1844 erschienene "Histoire d'un casse-noisette".

Worum geht es da? Heiligabend bei Familie Silberhaus: Zahlreiche große und kleine Gäste finden sich ein, darunter zu später Stunde Drosselmeier, Pate der beiden Kinder. Sein Geschenk für Klara und Fritz ist ein hölzerner Nussknacker, den der Bub im Übermut zerbricht. Kaum hat sich die Festgesellschaft in alle Winde zerstreut, schleicht Klara zurück in den Salon, um dem geschundenen Nussknacker beizustehen. Schlag Mitternacht erscheint Drosselmeier, dazu eine Schar bewaffneter Mäuse. Unter den Augen des Mädchens ziehen die Nager ins Feld - gegen eine Zinnsoldaten-Armee und den Nussknacker. Schlussendlich verwandelt der mysteriöse Pate den Holzkameraden in einen Prinzen, dann geht's im Trio auf die Reise: zuerst in den Winterwald, dann zur Konfitürenburg, wo die Besucher mit Glanz und Gloria empfangen werden. Drosselmeier betätigt sich als Zeremonienmeister, lässt exotische Köstlichkeiten in Form eines "Divertissements" kredenzen, verpackt als Spanischer, Arabischer und Chinesischer Tanz. Zuletzt wird Klara zur Zuckerfee promoviert und strahlt an der Seite des Prinzen im krönenden Finale.

Schon in den 1980er-Jahren war gegen die stereotype Darstellung geklagt worden

Soweit das Original von 1892, das Vasily Medvedev und Yuri Burlaka 2013 mit dem Berliner Staatsballett neu aufgelegt haben. Während die Urfassung bereits nach Iwanows Tod von der Bühne verschwand, gelangten Notizen und Skizzen 1917 in den Westen und Teile der Choreografie wurden von einer Tänzergeneration zur nächsten vererbt. Trotzdem kann niemand auf orthodoxe Werktreue pochen, lässt sich doch die ursprüngliche Ausgestaltung allenfalls passagen- und annäherungsweise bestimmen. Dagegen steht die Intention der Autoren zweifelsfrei fest: Aufgrund intensiver Recherchen verkündeten Medvedev und Burlaka 2013, dass der "Nussknacker" einst als "großes Spektakel" für "vergnügungssuchendes Publikum" das Rampenlicht erblickte - ein Amüsierballett der Extraklasse sozusagen. Kaum war die Botschaft des Regieteams in der Welt, entbrannte der bis dato schwelende Konflikt um das Delikatessen-Divertissement in voller Schärfe.

Berliner Staatsballett: Auf Chinoiserien und Haremserotik lässt sich in Inszenierungen verzichten - doch was ist mit den Husaren? Tanzszene aus dem Berliner "Nussknacker".

Auf Chinoiserien und Haremserotik lässt sich in Inszenierungen verzichten - doch was ist mit den Husaren? Tanzszene aus dem Berliner "Nussknacker".

(Foto: Stephanie Pilick/picture alliance / dpa)

Schon in den 1980er-Jahren hatte ein Kanadier, dessen Vorfahren aus Fernost eingewandert waren, gegen die stereotype Darstellung geklagt - ohne Erfolg. Wer immer den "Nussknacker" choreografierte, präsentierte auch weiterhin Trippelschrittchen (für Mann und Frau) mit abgespreizten Zeigefingern und kombinierte dazu lackschwarze Perücken, Bambushüte und Fu-Manchu-Bärtchen. Die Kaffee-Episode wurde mit schwüler Haremserotik gewürzt und in Pluderhosenoptik serviert. Traditionalisten stört das bis heute nicht, Postkolonialisten dagegen möchten die Karikaturen am liebsten für immer entsorgen. Hierzulande wird der Streit im Stil eines Glaubenskrieges inklusive persönlicher Schmähungen ausgetragen. Das führt nicht nur auf den Holzweg, sondern wirkt im internationalen Vergleich ziemlich provinziell. Ausgehend von den USA hat sich im angelsächsischen Raum ohne große Diskussion die Praxis durchgesetzt, dass am "Nussknacker" herumgeschraubt werden darf. Weil, wie der Chef des Royal Ballet in London kürzlich erklärte, die klassische Tanzkunst "für Diversität, Inklusion und Gleichheit" einstehe, weshalb "jedermann respektvoll repräsentiert werden" müsse.

Es geht nicht um Cancel Culture oder die Verbannung orientalistischer Fantasien

Einmal mehr lautet die Frage: Wer spricht über wen, mit welcher Absicht und vor welchem Hintergrund? Petipa und Iwanows "Nussknacker"-Choreografie illustriert Kulturen, die ihre Urheber nicht kannten. Sinn und Zweck der Schöpfung war ein Mega-Event, dargeboten für großmächtige Honoratioren, für Bedienstete und Bürger eines feudalen und imperialistischen Staatsgebildes, das vom Zarenthron aus regiert wurde. Man muss das alles nicht wissen, um sich vom "Nussknacker" verzaubern zu lassen. Wohl aber, um dem Anspruch eines aufgeklärten und mündigen Umgangs mit der Kunst zu genügen. Es geht nicht um Cancel Culture oder die Verbannung orientalistischer Fantasien. Es geht um die Erweiterung des Horizonts und die Befreiung des Balletts vom Ruch eines reinen Oberflächenphänomens.

Das New York City Ballet hat sich bereits 2017 auf den Weg gemacht und den für sakrosankt gehaltenen "Nussknacker" seines Gründervaters George Balanchine sachte neu modelliert. Vorausgegangen war eine Reklamationsflut, die das Direktionsbüro mit Tausenden von Beschwerden gegen die Ethnoklischees überschwemmte. Die Solistin Georgina Pazcoguin gründete daraufhin mit dem Tanzexperten Phil Chan die Organisation "Final Bow for Yellowface", deren Antidiskriminierungsappell bislang an die 100 Tanz-VIPs unterzeichnet haben - aus dem deutschsprachigen Raum allerdings nur Aaron Watkin, der das Dresdner Semperoper Ballett leitet. Erstaunlich, denn in den letzten Jahren ist eine stattliche Anzahl von "Nussknackern" auf den Markt gekommen, die spielerisch mit dem historischen Material verfahren und die Rassismus-Falle konsequent meiden. Der Belgier Jeroen Verbruggen brachte 2014 in Genf eine hochtourige Sci-Fi-Variante heraus, der künftige Berliner und derzeitige Zürcher Ballettdirektor Christian Spuck ging 2017 zurück zu den Wurzeln bei E. T. A. Hoffmann und beeindruckte mit einem eleganten Ballet Noir. Demis Volpi hat seine feinsinnige Fassung gerade erst beim Ballett am Rhein neu einstudiert, das Hessische Staatsballett zeigt aktuell Tim Plegges ebenso gewitzte wie verschmitzte Deutung der Ballett-Feerie.

Das schönste aller "Nussknacker"-Porträts aber stammt von Hamburgs Ballettintendant John Neumeier. Sein hellsichtiger Wurf aus den frühen 1970ern nimmt jeder Kritik den Stachel, weil er das Divertissement als genau das kennzeichnet, was es ist: eine Erfindung von Marius Petipa (alias Drosselmeier), der zu Neumeiers Personentableau gehört und Klaras Reifeprozess begleitet. Auf diese Weise gelingt das Paradox einer Hommage an die Danse d'École bei gleichzeitiger Dekonstruktion ihrer Fassaden.

Ein Trip nach Hamburg lohnt unbedingt und eignet sich als Detox-Kur für Gesinnungsaktivisten jeder Couleur - also auch für den russischen Botschafter.

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