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Debatte um Meinungsfreiheit:Schneeflöckchen gegen Schnee von gestern

Schneeflocke

Alles überempfindliche Schneeflöckchen? Das ist der Vorwurf gegen die identitätspolitisch Wachen.

(Foto: Aaron Burden/Unsplash)

Wie der Streit über die neue moralische Sensibilität zur kulturellen Revolution führt - und wie man die sich immer weiter verhärtenden Fronten wieder zusammenführen könnte.

Von Jens-Christian Rabe

Es zieht sich ein Riss durch das bürgerliche Milieu des Westens, also auch und gerade durch das Milieu, dessen Angehörige traditionell eigentlich einem gemeinsamen, dem liberaldemokratischen Lager zugerechnet werden. Auch viele Leser dieser Zeitung zählen zu diesem Milieu.

Wie zeigt sich der Riss? Was für die einen Wokeness, die Verheißung einer neuen, besseren, gerechteren Welt ist, ist für die anderen bloß Cancel Culture und Politische Korrektheit, der blanke Horror, Anfang vom Ende der über die Jahrhunderte mühsam erkämpften Meinungsfreiheit.

Freunde, die gerade noch der Ansicht waren, in wesentlichen weltanschaulichen Fragen einer Meinung zu sein, kriegen sich plötzlich über die Dringlichkeit von Petra Gersters neuerdings in den ZDF-Nachrichten gesprochenem Binnen-I in die Haare.

Das ist in Tragweite und Ausmaß eine neue, besondere Situation, die man in eine Reihe stellen kann mit der kulturellen Revolution durch Pop in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Mit anderen Worten: Es ist eine mentalitätsgeschichtliche Veränderung im Gang, nach der man vieles (damals etwa eine strenge Sexualmoral und ein eher enger Begriff von individueller Freiheit), was man ethisch-moralisch zuvor für gut und richtig hielt, nicht mehr so einfach für gut und richtig halten können wird. Oder wenigstens nicht aus denselben "guten" Gründen.

Man kann es den "Woke-Moment" nennen.

Die jüngere Vergangenheit und die Gegenwart sind in stetig wachsender Intensität online und offline voller unversöhnlicher Diskussionen, in deren Kern es um eine neue Aushandlung dessen geht, was als Sexismus, Rassismus und Antisemitismus verstanden werden muss.

Es geht darum, die starken Argumente ernster zu nehmen als die schwachen

Die eine Seite fordert dabei ungnädig-ungeduldig immer neue und differenziertere Rücksichten, während die andere, gern als "weiße alten Männer" rubrizierte Seite einen zunehmend mokant-erbosten Abwehrkampf führt gegen die lästigen überempfindlichen "Schneeflöckchen" vom Berge Woke.

Die beiden Seiten, immerhin darauf dürften sie sich jetzt schon einigen können, schenken sich dabei immer weniger. Schneeflöckchen vs. Schnee von gestern - es kann nur einen Sieger geben. Versucht man, um der Übersicht willen, ein paar Schritte zurückzutreten, sind allerdings auch die Widersprüche und die Selbstgerechtigkeit auf beiden Seiten nicht zu übersehen.

Die Woke-Bewegung mag jung und auf dem Weg sein, aber an den Schaltstellen der institutionellen Macht sitzt letztlich noch kaum einer ihrer Vertreter oder kaum eine ihrer Vertreterinnen, weder an den Universitäten, noch in Politik, Behörden oder Wirtschaft. In den USA gibt es für diese Konstellation das Bild der Limousine, die mit Steinchen beworfen wird - "everyone inside is fine". Wer drin sitzt, ist sicher.

Die vielbeschworene "Cancel Culture" der "Gutmenschen", die Menschen (also meist: Männer) reihenweise wegen lächerlicher moralischer Verfehlungen ihre Ämter und Karrieren kostet, ist dementsprechend bei genauer Betrachtung ein Scheinriese. Je näher man ihr kommt, umso kleiner wird sie. Viele Fälle bisher richten sich bei genauer Betrachtung entweder gegen tatsächliche Rechtsbrüche - oder sind nur moralisch motivierter Widerspruch.

Zudem wird der Begriff von Meinungsfreiheit auf der Schnee-von-gestern-Seite immer wieder seltsam patriarchal ausgelegt. Ungern wird gesehen, dass sie eben - wenn schon - allen zusteht, also auch und gerade denen, die es wagen, zu kritisieren. Ein rätselhafter blinder Fleck, den man sofort versteht, wenn man einmal erlebt hat, wie schwer sich Menschen mit Kritik tun, die sich selbst - und bestimmt oft zu Recht - ihr Leben lang als Teil der Befreiung von falschen Autoritäten verstanden, weil sie selbst in den Sechzigern und Siebzigern gegen noch ältere Autoritäten gekämpft haben. Und dann ist da noch der reflexhafte Anti-Moralismus, gerne getarnt als neunmalkluge Altersweisheit, die oft die eigene Unbeweglichkeit rechtfertigt.

Was von der Gegenseite als Essenzialisierung beklagt wird, ist die düstere Seite der Identitätspolitik

Auf der anderen Seite herrscht - aus dem oft allzu schnell verspürten Gefühl der Ohnmacht - immer wieder ein rechthaberischer moralischer Rigorismus, der erschaudern lässt und gar nicht schneeflöckchenhaft fragil ist, sondern robust bis über die Grenze zur Gewissenlosigkeit, man steht ja auf der guten Seite der Geschichte.

Der an anderer, taktisch günstigerer Stelle (etwa, wenn es darum geht, die eigene Stimme ins Spiel zu bringen) gern vorgebrachte Einwand, dass die Geschichte doch endlich auch von den Unterlegenen mitgeschrieben werden sollte, wird dann gerne mal vergessen. Und natürlich gab es - etwa an verschiedenen amerikanischen Universitäten - längst fragwürdige Fälle und erschreckend systematische Versuche von Cancel Culture jenseits der guten Sitten, als deren neuer Anwalt man doch eigentlich verstanden werden will.

Am schwersten jedoch wiegt auf der Schneeflöckchen-Seite sicher das, was von der Gegenseite als Essenzialisierung beklagt wird. Die düstere Seite der Identitätspolitik. Gemeint ist, dass in einem kritischen Denken, dem jeder Universalismus verdächtig erscheint (weil anfällig für Missbrauch durch die je herrschende Macht), jede und jeder immer wieder auf seine Identität qua Geburt (als Schwarzer, Weiße, Frau, Trans) zurückgeworfen wird. Das diverse moderne Leben muss aber auch die Möglichkeit bereithalten, etwas anderes aus sich zu machen als man am Anfang ist - ohne später immer wieder unfreiwillig auf die zufällige Anfangsidentität festgelegt zu werden. Eine schwarze deutsche Schriftstellerin wie Jackie Thomae oder ein schwarzer deutscher Literaturkritiker und Essayist wie Ijoma Mangold etwa bestehen energisch darauf, nicht vornehmlich "schwarze" deutsche Autoren zu sein.

Für Vertreterinnen und Vertreter der radikaleren Wokeness sind das freilich bloß Freiheiten einzelner, die sich als Feigenblätter ("Tokens") des Mainstreams instrumentalisieren lassen und es der jeweilig diskriminierenden Mehrheit so noch leichter machen, zu denken, sie hätte schon genug getan, immerhin ließen sie doch auch "solche Autorinnen" zu Wort kommen. Bewegungen wie der sogenannte Afropessimismus in den USA oder deutschjüdische Autoren wie Max Czollek fordern deshalb mit kühlem, trotzigen Zorn Verweigerung und Desintegration. Czollek meint damit ausdrücklich auch alle woken Deutschen ohne Migrationshintergrund. Nicht mehr mitmachen beim defizitären und bestenfalls halbherzigen Kampf gegen Diskriminierung.

Die Forderung nach größerer Sensibilität gegenüber subtilen Diskriminierungen ist liberaldemokratisch zu zwingend

Von - meist deutlich älteren - Pionierinnen und Pionieren des antikolonialistischen und antirassistischen Diskurses wie Paul Gilroy oder Barbara Fields fangen sie sich damit den Vorwurf ein, blind und tatenlos gegenüber Phänomenen (Rassismus, Antisemitismus) zu sein, die nicht wesenhaft zu den Diskriminierten gehören, sondern erst und allein durch Handlungen der Diskriminierenden entstehen. Um des - im besten Fall - starken Symbols der Verweigerung willen nehmen sie es in Kauf.

Wovon die stärkere Wirkung ausgeht in einer Auseinandersetzung, die in Zeiten der sozialen Medien auch extrem über starke Symbolaktionen geführt wird, ist keineswegs schon entschieden. Zumal die Sozialen Medien in diesem Zusammenhang - auch hier nichts als kaum auflösbare Widersprüche - eben nicht nur Katalysator der Verrohung, sondern auch wesentlicher Motor des Diskurses sind; Abgrund voller Hass und Verzerrungen und hellwacher, detailgenauer neuer Streitraum, der die etablierten medialen und politischen Kraftzentren öffentlichkeitswirksam herausfordern und hier und da sogar zu eigenem symbolischen Handeln bringen kann.

Was lässt sich aus dieser Situation Gutes, also immerhin die Lager und Generationen nicht noch weiter Trennendes schaffen? Durch eine Offenlegung vielleicht vor allem erst einmal ein kompletteres Profil der Positionen. Und damit womöglich die Bedingung der Möglichkeit zu einer dialogischen, weniger undialektischen Vernunft - also dazu, die starken Argumente der jeweils anderen Seite wichtiger zu nehmen als die schwachen. Das klingt unspektakulärer als es ist.

Der Kern des Schneeflöckchen-Denkens, die Forderung nämlich zu deutlich größerer Sensibilität gegenüber subtilen Diskriminierungen aller Art, ist liberaldemokratisch zu zwingend, um gleich wieder zu verschwinden. Abgesehen davon ist es der logische zweite Teil des Schnee-von-gestern-Lebenswerks, die - wenn es denn gelingt - tatsächlich umfassende gesellschaftliche Befreiung.

Moral ist ein Mittel, Handlungen zu plausibilisieren, die man für wünschenswert hält

Die unangenehm anstrengende Konsequenz ist allerdings, dass das erst einmal mehr Ansprüche produzieren wird, die nicht elegant ideologisch und schon gar nicht elegant machtpolitisch auflösbar sein werden, sondern ausgehalten werden müssen.

Und es ist der große Unterschied zur guten alten Pop-Revolution, die ja vor allem darum kreiste, dass der einzelne weniger Ansprüchen gerecht werden musste. Was umgekehrt natürlich auch die Aversion vieler Älterer gegen den neuen Moralismus erklärt. Ihnen ist die neue Lage strukturell weniger vertraut als sie glauben. Moral ist ja, nüchtern systemtheoretisch betrachtet, nicht in erster Linie eine nervig-selbstgerechte Pose, sondern ein Mittel, Handlungen zu plausibilisieren, die man für wünschenswerter hält als den Status quo. Und dieser Status quo ist angesichts immer größerer Ungleichheit und der Gefahr eines kollabierenden Weltklimas ein grundlegend ganz anderer als vor 50 Jahren.

Abkürzungen gibt es in diesem Konflikt leider nur beim autoritären Nationalradikalismus von Trump, Orban, Erdogan und AfD. Und da ist es dann sowohl um die Sensibilität für subtile Diskriminierung als auch um die Meinungsfreiheit ganz schnell geschehen.

© SZ vom 24.10.2020/khil
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