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S. Fischer und Autorin Maron:Kein gutes Zeichen

Monika Maron

Der Hund kommt auch vor im neuen Roman der Schriftstellerin Monika Maron.

(Foto: Jonas Maron)

Monika Maron redet öffentlich vom "Rausschmiss" aus dem Verlag, der fast 40 Jahre ihre publizistische Basis war: S. Fischer. War die Trennung von der - zu Recht umstrittenen - Autorin die richtige Entscheidung?

Von Marie Schmidt

Manchmal sieht man ein Buch und hofft. Weil man weiß, was darin stehen müsste, um ein schwieriges Rätsel zu lösen. So eines ist der in der Verlagsvorschau von S. Fischer für das Frühjahr 2021 angekündigte Essayband von Monika Maron, der dort möglicherweise gar nicht erscheinen wird. Der Titel: "Was ist eigentlich los?"

Jetzt redet Maron öffentlich vom "Rausschmiss" aus dem Verlag, der fast 40 Jahre ihre publizistische Basis war, und die Verlegerin Siv Bublitz formuliert sparsam, man wolle über das Buch hinaus "keine neuen Verträge" mit der Autorin schließen, die zu den kanonischen im Verlagsprogramm gehört. Dieses Tischtuch ist zerschnitten. Ein Skandal ist das nicht, eher ein Trauerspiel.

Schriftsteller sind keine Angestellten der Verlage, in denen ihre Bücher erscheinen. Verträge bestehen über einzelne Bücher. Sie müssen immer neu geschlossen werden, und manchmal werden sie es eben auch nicht. Man kann sich trennen. Üblich ist allerdings, dass lange Jahre an einen Verlag gebundene Autoren und Autorinnen relativ automatisch einen Vertrag für ihr nächstes Buch bekommen, wenn eines abgeschlossen ist. "Rausschmiss" bedeutet hier also, dass der Fischer-Verlag versucht hat, die Beziehung zu seiner Autorin im Sande verlaufen zu lassen.

Es war aber nicht zu erwarten, dass Monika Maron das einfach geschehen lassen würde. Seit Jahren redet sie öffentlich von einer "Deutungsmacht", die unbequeme Meinungen diffamiere und auch sie als Autorin ausgrenze. Um das zu markieren, hat sie in diesem Jahr bereits einen Essayband im Verlag des Buchhauses Loschwitz herausgegeben, der in einer "Exil" benannten Reihe erschien. Als sei die Position Marons in der Bundesrepublik von heute vergleichbar mit dem Schicksal der großen Exilanten der deutschen Literaturgeschichte. Wie zum Beispiel Gottfried Bermann Fischer, der als Schwiegersohn des Verlagsgründers Samuel Fischer 1936 Nazideutschland verließ und es unter den Bedingungen des Exils ermöglichte, dass die Bücher von Stefan Zweig und Carl Zuckmayer wenigstens außerhalb Deutschlands weiter erscheinen konnten. Der Reihentitel "Exil" ist Maron inzwischen selber peinlich, sie sagt das bei jeder Gelegenheit. Dass das aber vor allem auch für den Publikums- und Konzernverlag S. Fischer eine peinliche Konstellation ist, liegt auf der Hand.

Man macht sich nicht gemein, man passt sich nicht an. Diese Haltung hat sie immer beibehalten

Zur Haltung von Monika Maron gehört es außerdem, in bestimmten Dingen nicht mit sich reden zu lassen. Die Herausgeberin der "Exil"-Reihe, ihre Freundin Susanne Dagen, in deren Buchhaus sich völkische und rassistische Positionen unters konservative Bürgertum mischen, bezeichnet sie als eine "Oppositionelle", als gebe es heute und hier eine Zentralmacht, gegen die nur die eine Opposition möglich ist. Überhaupt durchzieht die Romane und Essays von Monika Maron in den letzten Jahren die Überzeugung von einer diffusen Gegnerschaft. Sie schreibt von einer Notwendigkeit zur Selbstverteidigung, dem Risiko, einem "Denunziantentum" zum Opfer zu fallen, der Frage, "ob die alle irre sind", die von erneuerbarer Energie, geschlechtergerechter Sprache und der Einwanderungsgesellschaft reden. Natürlich kann man einer Schriftstellerin, die so routiniert mit Fiktionen und rhetorischen Strategien umgeht, nicht platt vorwerfen, sie vertrete rechte Positionen. Sie schreibt aber über rechte Positionen, weil die ihrer Ansicht nach gegen den Mainstream stehen. Wenn man ihre Bücher liest, kann man oft kaum glauben, dass die Gesellschaft, von der Maron spricht, das ständig mit Meinungsverschiedenheiten und Debatten beschäftigte Deutschland von heute sein soll.

Ist es vielleicht auch nicht. Um das zu verstehen, wäre jetzt ein sorgfältig edierter Sammelband mit Texten von und über Monika Maron aus den vergangenen Jahrzehnten gut. Darin müsste zum Beispiel zu lesen sein, wie herablassend die Kulturfunktionäre der DDR erklärten, warum ihr erster Roman "Flugasche" nicht erscheinen durfte: "Es wäre möglich gewesen, wenn noch etwas daran gearbeitet worden wäre." Wenn man den eisigen Hauch eines solchen Satzes spürt, wundert man sich etwas weniger, dass Maron es "komisch" findet, dass ihr Verlag sie vor dem Erscheinen ihres Romans "Munin oder Chaos im Kopf" 2018 "vor mir selbst zu beschützen" versuchte. Eines Romans, in dem sie die rassistisch grundierten Ängste ihrer Hauptfigur ausmalte. Gegen Eingriffe in ihre Literatur hart zu bleiben, war der Anfang von Monika Marons Schriftstellerkarriere. "Flugasche" erschien dann ja 1981 doch, im Westen bei S. Fischer, und das war der Beginn der Beziehung von Verlag und Autorin. Dass die kurz vor ihrem 80. Geburtstag jetzt kalt endet, hätte man allein um dieser gemeinsamen Vergangenheit willen unbedingt verhindern müssen. Ein heftiges Bemühen darum ist aus den Erklärungen der Verlegerin Siv Bublitz nicht herauszuhören.

Wenn man Monika Marons politische Texte über die Jahre nachlesen könnte, würde man sehen, mit welchem Schwung sie sich immer zwischen alle Fronten geworfen hat. Als Beispiel kann der Essay "Das neue Elend der Intellektuellen" herhalten, der im Februar 1990 inmitten des Einheitstaumels in der taz erschien. Maron, inzwischen in Hamburg lebend, machte sich lustig über Schriftstellerkollegen aus der DDR, die enttäuscht waren, dass diejenigen, die gerade noch für die Freiheit demonstriert hatten, danach zu Hertie einkaufen gingen. Dass sie gerade noch "Wir sind das Volk" und gleich darauf "Wir sind ein Volk" gerufen hatten. "Die deutsche Geschichte berechtigt zu jedem Misstrauen", schrieb Maron, "aber zur deutschen Geschichte gehört auch der Zwiespalt zwischen Intellektuellen und Volk." Sie selber stand damals verwundert und allein dazwischen: "... ich finde mich auf der Seite derer, als deren Partei ich mich bislang nicht verstanden habe. Oder anders: Ich teile nicht die Meinung von Menschen, als deren Verbündete ich mich bisher ansah."

Man macht sich nicht gemein, man passt sich nicht an. Diese Haltung hat sie immer beibehalten. Aber die Welt passt nicht mehr dazu, heute wirkt das nicht mehr wahrhaftig, es lässt ihren Blick auf die Menschen und ihre Anliegen schräg wirken. Warum das so ist, wäre eine so viel interessantere Frage, als die, ob und wie viel man mit Rechten reden soll. Um sie zu stellen, müsste man Marons Bücher lesen. Und einem Verlag wie S. Fischer wäre es absolut zuzutrauen, diesem Werk einen würdigen, möglicherweise auch kommentierenden Ort zu geben. Dass er es nicht mehr schafft, dieser Verantwortung für das Werk einer solch bedeutenden Autorin nachzukommen, ist kein gutes Zeichen für das literarische Leben in Deutschland.

© SZ vom 20.10.2020/tmh

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