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Serie: "Welt im Fieber" - Brasilien:Umarmungen in kollektiver Hypnose

Auf dem Graffito in Rio de Janeiro trägt Präsident Bolsonaro eine Maske. Im wahren Leben tut er das nicht immer.

(Foto: Silvia Izquierdo/AP; Bearbeitung SZ)

Brasilianer tun es ihrem Präsidenten gleich und gehen ohne Masken in Lokale, machen Ausflüge und treffen Freunde. Es ist bitter, Zeuge dieses selbstmörderischen Verhaltens zu sein.

Gastbeitrag von Katherine Funke

Brasilien lag in der vergangenen Woche auf der Liste der Staaten mit Covid-19-Toten auf Platz 14. Trotzdem sind viele Menschen zurück auf die Straßen gekehrt. Sie befolgen die Praxis der sozialen Distanz nicht mehr. Das Gesetz schreibt dies auch nicht mehr vor, weder auf staatlicher Ebene noch in einigen Bundesstaaten. Auch nicht in Santa Catarina, wo ich wohne. Unglücklicherweise.

Die Abstandsregel ist unter dem Druck der ökonomischen Mächte gefallen. Aber noch eine andere, stärkere Kraft bringt die Menschen zurück auf die Straße, eine Art kollektive Hypnose: Als es in Brasilien schon 941 Corona-Tote gab, am 9. April, besuchte Präsident Bolsonaro eine Bäckerei, kaufte ein Erfrischungsgetränk und umarmte wieder viele Menschen, berührte sie für Selfies und Videos ohne Handschuhe, ohne Maske.

Und so verlassen die Brasilianer ihre Wohnungen nicht nur, um ihre Arbeit zu behalten. Sie gehen in Lokale an der Ecke, um etwas zu trinken, um Ostereier zu kaufen, Ausflüge zu machen und Freunde wiederzusehen. All das tun sie ohne Masken und posten jeden Augenblick auf der Straße in den sozialen Netzwerken. Es ist bitter, Zeuge dieses selbstmörderischen Verhaltens zu sein.

Die Schule meines Sohnes bat mich, Schulbücher abzuholen, damit er am Online-Unterricht teilnehmen könne. Ich ging nicht hin. Obwohl die Schule am anderen Ende der Straße liegt. Mit meinem Mann, der immer noch in einem Zimmer isoliert ist, weil er sich vielleicht infiziert hat, wollte ich kein Risiko eingehen. Durch das Fenster sehe ich, dass die meisten Passanten keine Masken tragen. Es sind Dutzende. Was würde es bringen, wenn ich eine verwendete?

In der Nacht schlief ich nicht, es war eine Nacht der Stille, die Luft schien anzuhalten nach einem sehr windigen Tag. An solchen Tagen glaube ich fast, den Virus-Partikelchen zusehen zu können, wie sie sich immer schneller ausbreiten. Es war ein angespannter Tag, den ich mit geschlossenen Fenstern und absurden Nachrichten verbracht hatte. Doch die Nacht war auf eine eigenartige Weise auch wunderschön. Der Himmel klar, ohne Wolken. Fast Vollmond.

Gegen zwei Uhr morgens ging ich in den Garten. Einer unserer Hunde leistete mir Gesellschaft. Plötzlich spitzte er die Ohren. Irgendwo gab es eine Party. Etwa vier Häuser entfernt lachten und sangen ein Dutzend Leute. Jemand spielte Gitarre. Sie hatten wohl die Tür offengelassen und nun drangen die Geräusche nach draußen. Vielleicht rauchte einer der Gäste eine Zigarette. Schon wenige Minuten später hörte man nichts mehr.

Ich blieb wach, legte mich aufs Sofa, um zu schreiben. Eine ignorante Ruhe hat die Brasilianer erfasst, viele von ihnen haben Bolsonaro gewählt und verehren ihn noch immer. Es sind Leute, die einen Clown vergöttern und die das Gesundheitssystem schon in kurzer Zeit überlasten werden.

Aber all das wurde schon oft gesagt. Wir wiederholen die gleichen Sätze, erscheinen wie Verrückte, die allein in der Menge diese Dinge aussprechen. Vielleicht muss unsere Nachricht auf einem anderen Weg ankommen. Vielleicht muss der Tod vorbeiziehen, um die offensichtlichen Dinge begreiflich zu machen.

Am 10. April erwachte ich durch einen lauten Knall. Der Lärm kam aus der Richtung des Strommastes vor unserem Haus. Noch schlaftrunken sah ich den Körper eines Weißbüscheläffchens auf den Bürgersteig fallen. Es hatte in die Stromleitung gebissen und einen tödlichen Schock erlitten.

Der Strom in unserer Straße fiel aus. Ich weiß nicht, wer den Kadaver wegschaffte. Ein paar Stunden später recherchierte mein Sohn im Internet über diese Äffchen und fand heraus, dass sie eine invasorische Spezies sind. Sie gehören nicht zur Fauna in Santa Catarina, vermehren sich stark und sind letztlich eine Bedrohung für das Überleben anderer Affenarten. Sie sind gierig und fressen alles, was sie finden.

Katherine Funke aus Brasilien, Felwine Sarr aus dem Senegal, Khaled al-Khamissi aus Ägypten, Kristen Roupenian aus den USA, V. Ramaswamy aus Indien, Zukiswa Wanner aus Kenia und Sayara Murata aus Japan. Literaten aus verschiedenen Ländern führen eine globale Chronik.

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An diesem Morgen lief ein anderes Weißbüscheläffchen die Straße entlang, es kam aus einem nahe gelegenen Teil des Regenwaldes, auf den ich von unserem Garten aus blicke. Dieses Äffchen war kräftiger, vielleicht der Vater des anderen. Es begann laut zu schreien, schrill und lang. "Wo bist du?", schien es zu rufen. Es schrie den ganzen Tag, bis zum Abend. Wir versuchten, es zu ignorieren. Mit Musik, mit Fernsehen. Aber das Geschrei blieb und wurde vom Wind weitergetragen.

Als das Tier durch unseren Garten lief, sah es mich mit stumpfen Augen an. Als es sein Maul öffnete, sah ich seine kleinen spitzen Zähne. Ich könnte ein schönes exotisches Foto machen und es posten. Aber wofür?

Schon in wenigen Tagen werden Tausende Brasilianer, die sich jetzt an der Schwelle des Todes umarmen, einen Realitätsschock erleiden. Sie werden schreien, ohne die Körper der Toten zu sehen und ohne zu verstehen, was passiert ist. Von diesen Brasilianern möchte ich fernbleiben. Alles was ich tun kann, ist zuhause zu bleiben. Wir sind jetzt, am Ostermontag, 32 Tage in Quarantäne.

Katherine Funke, geboren 1981 im brasilianischen Joinville, ist Autorin und Gründerin des Verlags "Micronotas".

Aus dem Portugiesischen von Michaela Metz.

© SZ.de/cag

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