bedeckt München 17°

Serie: "Welt im Fieber" - USA:Der perfekte Ort, um eine Pandemie zu überstehen

In den Wintermonaten ist an der Küste von Massachusetts wenig los - wie auf diesem Archivfoto am Strand von Truro, in der Nähe von Provincetown.

(Foto: AP)

Literaten aus sechs Ländern führen eine globale Chronik. Heute: Im Küstenort Provincetown ließe sich der Shut-Down eigentlich gut ertragen. Doch dann brachten Ferienhausbesitzer aus der Stadt das Virus auch hierher.

Ich lebe in Provincetown, Massachusetts, an der Spitze von Cape Cod, wo meine Verlobte, Callie, ein Schreibstipendium hat. Mein Vater ist ein verrenteter Arzt, und als er uns besuchen kam, unmittelbar bevor alles geschlossen wurde, sagte er, dies sei der perfekte Ort, um eine Pandemie heil zu überstehen. Normalerweise ist es eine Touristenstadt - leer im Winter, überfüllt im Sommer. Wir sind weit von der Stadt entfernt und es gibt viel Platz, um nach draußen zu gehen und sich zu bewegen; trotzdem sind Lebensmittelgeschäfte, Apotheken und so weiter in unmittelbarer Nähe.

Als es allerdings ernst wurde, kamen die Leute aus der Stadt, die hier Sommerhäuser besitzen, und brachten das Virus mit. Wir hatten schon fünfzehn Fälle in diesem Ort, der nur wenige medizinische Einrichtungen besitzt, und es gab einige verständliche Spannungen. Aber bis jetzt geht es uns soweit gut.

Wie fast überall im Land herrschen in Massachusetts Ausgangsbeschränkungen. Alle nicht-lebenswichtigen Betriebe sind geschlossen und man soll nicht grundlos reisen, aber man darf noch das Haus verlassen, um spazieren zu gehen und solche Sachen, solange man zu anderen Menschen sechs Fuß Abstand hält. Callie und ich haben beide ohnehin von zu Hause gearbeitet und die meisten Läden und Restaurant in der Gegend waren noch in der Winterpause, von daher hat sich unser Alltag nicht ungeheuer verändert.

Aber vor drei Wochen musste Callies Mutter mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus. Callies Eltern leben in Texas, mein Vater und mein Bruder in Alaska, meine Schwester und ihre Familie sind in New York City, und meine Mutter reiste zu jener Zeit in einem Wohnmobil durchs Land. Wir mussten uns mit der Tatsache auseinandersetzen, dass wir wegen der Distanz- und Quarantäneregeln wahrscheinlich nicht bei unseren Liebsten sein können, wenn sie krank werden.

Die unmittelbare Angst ist einer unterschwelligen Besorgnis gewichen

Diese ersten Tage des Shut-Downs, in denen es keine Möglichkeit gab, herauszufinden, ob einer von ihnen sich mit dem Virus angesteckt hatte, oder was wir tun würden, falls es so sein sollte, gehörten zu den unheimlichsten meines Lebens. Aber Callies Mutter wurde mittlerweile entlassen und erfreut sich guter Gesundheit und auch alle anderen bleiben zu Hause und treffen ernsthafte Vorsichtsmaßnahmen, weshalb die unmittelbare Angst einer unterschwelligen Besorgnis gewichen ist. Ich vermisse meine Familie und meine Freunde, aber es gelingt mir, mich auf die Bereiche zu konzentrieren, in denen wir Glück haben: Wir können arbeiten, wir haben eine Unterkunft und wir haben einander.

Ich halte mich an sämtliche Regeln, es ändert sich nur alles so schnell. Was gestern noch wie ein panikbedingter Exzess wirkte - die Desinfizierung der Post oder das Tragen einer Maske im Lebensmittelgeschäft - ist heute schon eine allgemein anerkannte Vorsichtsmaßnahme.

Vor einem Monat habe ich zwei Pferde entdeckt, die in einem Laufstall nahe dem Naturwanderweg hinter unserem Haus gehalten werde. Ich habe angefangen, ihnen Besuche abzustatten, sie mit Karotten zu füttern und mich mit ihnen anzufreunden. Ihren Besitzern bin ich nie begegnet oder sonst irgendjemandem in der Gegend. Aber dann fing ich an, mir Sorgen zu machen, ich dachte: "Was, wenn ich das Virus habe und es nicht weiß, und dann bleibt das Virus an der Mähne des Pferdes hängen und dann reitet der Besitzer das Pferd und wird krank und es ist meine Schuld...". Anstatt sie zu streicheln, gebe ich den Pferden ihre Karotten jetzt also aus der ausgestreckten (gewaschenen) Handfläche und beobachte sie dann aus der Distanz. Vielleicht wird schon nächste Woche auch das zu riskant sein. Aber trotz - oder wegen - dieser Unsicherheit sind die Pferde im Moment der beste Teil meines Tages.

Kristen Roupenian, geboren 1982 in Plymouth, ist eine amerikanische Schriftstellerin. Bekannt wurde sie 2017 mit ihrer Kurzgeschichte "Cat Person", auf Deutsch erschienen in dem Erzählband "Cat Person. Storys." (Blumenbar Verlag).

Aus dem Englischen von Felix Stephan.

© SZ.de/luch

Serie: "Welt im Fieber" - Senegal
:"Wir sprechen uns nach der Krise!"

Literaten aus sechs Ländern führen eine globale Chronik. Heute: Kaum einer glaubt, Afrika könnte glimpflich davonkommen. Das ist die alte rassistische Herablassung, die die Wirklichkeit verkennt.

Gastbeitrag von Felwine Sarr

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite