Favoriten:Lächerlich, aber mit Würde

Comiczeichner Charles M. Schulz mit Figur Charlie Brown

Charlie Brown und sein Erfinder Charles M. Schulz.

(Foto: dpa/UPI)

Eine Doku über den Zeichner Charles M. Schulz, ein minimalistischer "Ring", ein Film aus dem Gazastreifen - und Münchens neue Palmen.

Doku "Wer ist Charlie Brown"

Ein Leben ohne die "Peanuts" ist möglich, aber sinnlos - das ist die Essenz des Dokumentarfilms "Wer ist Charlie Brown?" Die einstündige Doku ist bei Apple TV+ zu sehen und lässt Hollywoods größte Snoopy-Fans von ihrer Leidenschaft erzählen, Drew Barrymore zum Beispiel. Außerdem gibt es Archivinterviews mit dem verstorbenen "Peanuts"-Erfinder Charles M. Schulz zu sehen und neue Interviews mit seiner Witwe Jean Schulz, aus denen man erfährt, wie aus einem schüchternen Außenseiter aus dem Mittleren Westen einer der berühmtesten Comic-Zeichner der Welt wurde. Schulz hatte schon als junger Mann ein bewegtes Leben, wurde zum Militärdienst eingezogen, war im Zweiten Weltkrieg an der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau beteiligt. Erfahrungen, die er wie kaum ein zweiter in melancholischen Comic-Strips zu verstecken verstand, ohne jemals platt direkt darauf zu verweisen. Ein Film für Fans und Neueinsteiger. David Steinitz

Gaza mon amour

Wunderbare Solidarität im Gazastreifen: Der Film "Gaza mon amour" der Brüder Arab und Tarzan Nasser.

(Foto: Verleih)

Gaza mon amour

Heute verkehrt kein Bus, sagt der Fahrer des Wagens, der gerade vorbeikommt, also dürfen der Mann und die Frau, die an der Haltestelle warten, bei ihm auf dem Rücksitz Platz nehmen. "Sie haben ein Parfüm benutzt", sagt er zu dem Mann, dem einfachen Fischer Issa (Salim Daw), der fühlt sich irgendwie ertappt. "Riecht gut ... Ein bisschen viel ... Ich kann meine Falafel nicht mehr schmecken ..." Es gibt eine wunderbare Solidarität in dem Film "Gaza mon amour" unter den Menschen dieses Orts im Gazastreifen, ein Gefühl von Gemeinschaft, das in der Inszenierung der Brüder Arab und Tarzan Nasser aber immer natürliche Contenance wahrt. Noch in seinem Schaukelstuhl gibt Issa eine würdevolle Figur ab, und abends hockt er gern bei einem Freund in dessen Krämerladen (daher das Parfüm!), der eigene Pläne hat: "Eines Tages werde ich dich aus Europa anrufen ...", dabei blitzt es kurz auf in seinen Augen.

Das mit dem Parfüm ist leicht erklärt, Issa will eines Tages doch noch heiraten. Auf dem Markt, der so weiträumig gefilmt ist wie eine Bühne, bietet er der Erwählten, der Witwe Siham, seinen Schirm an, und die beiden sind dabei so würdevoll platziert, als wären sie tatsächlich in einem klassischen französischen Theater.

Das nicht ganz einfache Ritual der Annäherung wird weiter angespannt durch allerlei Irritationen, tägliche Stromsperren und Polizeikontrollen, die Pläne der Hamas für die Palästinenser und den Druck Israels, außerdem rückt Issas besorgte Schwester mit einem Trupp handverlesener Heiratskandidatinnen an. Und dann gibt es eine Hausdurchsuchung, weil der Kommissar der Stadt mitgekriegt hat, dass Issa bei einem seiner nächtlichen Fischzüge eine antike Statue des Gottes Apollo im Netz hatte.

Hiam Abbass ist wunderbar als die verwitwete Siham, ihre geschiedene und aufmüpfige Tochter lebt bei ihr. Siham wischt den Boden und streckt dann, mit graziöser Müdigkeit, die Beine auf einem Hocker aus. Schließlich kommt Issa in ihren Kleiderladen und lässt sich eine Hose kürzen. Darin schaut er lächerlich aus, aber mit Würde.

Er wird wegen der Statue eingesperrt. "Issa Nasser, 60 Jahre", steht auf dem Erkennungsfoto, "Besitzer von Kunstobjekten". Als ihm die Statue zu Hause umstürzte, brach der hervorstehende Körperteil ab. In der Zelle hat Issa dann einen glühenden feuchten Traum ... Fritz Göttler

FILE PHOTO: People place flowers during a ceremony at a monument commemorating the victims of Babyn Yar in Kiev

Jedes Jahr im September legen Menschen Blumen nieder in Babyn Jar im ukrainischen Kiew.

(Foto: Gleb Garanich/Reuters)

Babyn Jar

Wenn es schlecht läuft, wird der Ort des Todes ein "Holocaust-Disneyland". Wenn es gut läuft ..., aber was heißt das in Babyn Jar? Die Zeitschrift Osteuropa hat der Ermordung von 34 000 Juden in zwei Tagen im September 1941 durch SS, Wehrmacht, Polizei und durch einheimische Milizionäre ein ganzes Heft gewidmet. Babyn Jar, die "Altweiberschlucht" bei Kiew, war Schauplatz des größten Einzelmassakers im Zweiten Weltkrieg. Wie das überhaupt geht - 34 000 Morde in zwei Tagen -, ist nachzulesen in der Zeugenaussage der Überlebenden Dina Pronitschewa beim Prozess in Darmstadt 1968. Man liest außerdem, dass das Verbrechen früh bekannt war und dennoch verschwiegen, verschleiert, verzerrt wurde in der Sowjetunion und auch in der frühen Bundesrepublik, trotz mutiger künstlerischer Versuche. Die Ukraine hat keine umfassende Erinnerungspolitik entwickelt, auch nicht in Babyn Jar. 2016 wurde Ilja Chrschanowskij, der Schöpfer des monströsen Großprojektes DAU, zum künstlerischen Leiter eines Gedenkzentrums ernannt, seitdem herrscht Sorge vor einer Disneyfizierung der Erinnerung. Babyn Jar ist ein Unort bis heute. Sonja Zekri

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Ganzer "Ring" auf zwei Klavieren

Ein Klavier, ein Klavier! - zwei Klaviere also für Richard Wagner, nicht fürs Bayreuther Festspielhaus. Dort beginnt am Sonntag Deutschlands prominentestes Musikfestival, wo das unsichtbare Orchester, das wollte Wagner so, abgedeckt "mystisch" aufspielt. Nur die Sänger bleiben sichtbar. Aber weder Orchester noch Sänger müssen überhaupt sein, zwei Klaviere schaffen das Symphonische ganz allein, zum Beispiel den gigantischen "Ring des Nibelungen". Ihn hat der Hamburger Komponist Hermann Behn, ein Schüler Anton Bruckners, 1914 bis '17 in die Tasten zweier Klaviere hineinarrangiert. Behn war seinerzeit mit dem gleichaltrigen Hamburger Musikgeneraldirektor Gustav Mahler eng befreundet, reduzierte dessen "Auferstehungssymphonie" auf zwei Klaviaturen, bevor er den Wagner-Kosmos entdeckte. Behn bezwang ihn nach den Regeln genialer Übergriffigkeit. "Dazu setzte er", schreibt der Pianist Cord Garben, der früher mit Arturo Benedetti Michelangeli musizierte, "geschickt die Verdopplungen von Akkordfolgen und geradezu aberwitzig weite Griffe der linken Hand ein, die nur in 'gebrochener' Spielweise, also durch das schnelle Anreißen der Akkorde von unten nach oben, überhaupt darstellbar sind." Cord Garben, Thomas Hoppe und Justus Zeyen vollbringen wahre Wunder an zarter bis massiger Klangstrukturierung und Klangschattierung - auf zwei Steingraeber-Flügeln in Bayreuth, denen auch Nachbar Richard Wagner einst zugetan war. Virtuos nutzen sie an den Instrumenten des Typs E-272 alle Pedal-, Register- und Modulationsstrategien, sind besonders dankbar für den "Dämpfer", der in einem der zwei Flügel eingebaut ist und dem "Waldweben" im "Siegfried" die sanfte Magie schenkt. Die Aufnahme auf zwei CDs (Musicaphon) vereint, mit betörender Einverleibung der Gesangsstimmen in die Klaviersymphonik, die Filetstücke des "Rings": angefangen mit dem tiefen Zauber des "Rheingold"-Vorspiels - Alberich und die Rheintöchter, Nibelheim und Walhall-Einzug der Götter; über die Highlights der "Walküre" - beklemmend die Winterstürme samt Todesverkündigung; und "Siegfried" bis hin zur "Götterdämmerung" mit Trauermarsch und Brünnhildes Schlussgesang. Richard Wagners unerhörter Klang- und Seelenraum lässt sich sogar orchester- und sängerlos erspüren. Wolfgang Schreiber

Favoriten: München, das neue Neapel.

München, das neue Neapel.

(Foto: RJB)

Palmen für München

Wenn der Mensch nicht zur Palme kommt, dann kommt die Palme zum Menschen. Unruhe in einer kleinen Straße im Münchner Süden: Arbeiter rücken an mit Wägen und Kran, danach ist die Straße nicht wiederzuerkennen. Riesenblumenkübel mit Palmen und Stahlstühle hindern jetzt die Autos am Parken. Schnell wird die neue Partyzone angenommen. Die Moscheebesucher grüßen die Biertrinker, Kinder malen auf den Asphalt, dienstags wird Tischtennis gespielt, ein Sommerkiosk eröffnet. Durch die städtische "Sommerstraßen"-Aktion kommen sich viele näher, der gemeinsame Feind Auto verbindet, einer will die Straße in einen Kanal verwandeln: Konkurrenz zu Venedig! Die Palmen sollen wieder verschwinden. Das wird nicht ohne Widerspruch der Anwohner möglich sein. Reinhard J. Brembeck

© SZ/jhl
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