Wes Anderson in Cannes:Kino ohne Abstandsregeln

Lesezeit: 3 min

"The French Dispatch" von Wes Anderson, Premiere in Cannes am 12.7.21; © Festival de Cannes

All-Star-Ensemble: Elisabeth Moss, Owen Wilson, Tilda Swinton, Fisher Stevens und Griffin Dunne in "The French Dispatch".

(Foto: Festival de Cannes)

In Cannes grassiert Corona, Léa Seydoux sagt ihre Teilnahme nach einem Positivtest ab. Wes Andersons wunderbarer Film "The French Dispatch" feiert trotzdem endlich Weltpremiere.

Von Tobias Kniebe

Man kann nicht permanent daran denken in diesen sommerlichen Kinotagen, aber natürlich ist dieses Corona-Cannes auch ein Risiko. Wenn etwa die Nachricht kommt, dass die französische Schauspielerin Léa Seydoux trotz Impfung positiv auf das Virus getestet wurde, noch in Paris, und jetzt wohl nicht auf dem Roten Teppich erscheinen wird. Oder bei den täglichen Massentests der Besucher, bei denen es durchaus Positivbefunde gibt.

Könnte ein möglicher Anstieg der Zahlen zum Abbruch führen? Solche Gerüchte schwirren herum, aber das scheint unwahrscheinlich, denn über allem steht hier die Liebe der Franzosen zum Kino. Sie sorgt zum Beispiel dafür, dass die Säle in dichter Premierenstimmung vollgepackt sind, ohne Abstandsregeln in den Sitzreihen. Und dass eine junge russische Kritikerin, die trotz Quarantänepflicht aus Moskau via Griechenland die Anreise riskierte, beim Café im Pressezentrum von einer Beamtin am Flughafen berichten kann, die beide Augen zudrückte, um ihr die Teilnahme an Cannes nicht zu ruinieren.

Beim Festival gab es nun endlich "The French Dispatch" zu sehen, den neuen Film von Wes Anderson. Der sollte eigentlich schon vor einem Jahr Cannes eröffnen, aber weil die Ausgabe 2020 ausfiel, beschloss der Regisseur, lieber zu warten. Nirgendwo anders als an der Croisette durfte seine Weltpremiere sein - und man versteht schon nach den ersten Filmminuten, warum. Der Film ist eine satirische, aber durchweg liebevolle Hommage an alles Französische, gesehen durch amerikanische Augen, praktisch bis in die kleinste Nebenrolle mit Stars besetzt. Und über allem schwebt der wie immer unverzichtbare Bill Murray.

Tilda Swinton spielt eine Kunstkritikerin, die sich zugleich auch als erotische Muse ihrer Protagonisten versteht

Er spielt einen fernwehgeplagten Verlegersohn aus dem tiefsten Kansas, der eines Tages beschlossen hat, die Farbbeilage des elterlichen Provinzblattes kurzerhand von Frankreich aus zu machen, und in der Metropole Ennui-sur-Blasé eine neue Heimat gefunden hat, die in ihrer detailreichen Retro-Schrulligkeit hier herrlich zum Leben erwacht. So hat er The French Dispatch geschaffen, ein Magazin, dass in Design und weltläufiger Spleenigkeit stark an den von Wes Anderson geliebten New Yorker erinnert - und eine Reihe von unschlagbaren Edelfedern beschäftigt, die zum Teil auf realen New Yorker-Schreibern basieren.

Wer würde nicht gerne Chefredakteur sein, wenn der fahrradfahrende Straßenpoet Herbsaint Sazerac (Owen Wilson) seine Stadtimpressionen abliefert? Oder die extravagante Kunstkritikerin J. K. L. Berensen (Tilda Swinton), die sich nicht nur als Kunstrichterin, sondern auch als erotische Muse ihrer Protagonisten versteht? Oder Lucinda Krementz (Frances McDormand), die hartgesottene Reporterin mit den ultralinken Ideen, die auch mal das Manifest eines sexy Studenten-Revoluzzers (Timothée Chalamet), über den sie eigentlich berichten soll, gleich mitverfasst? Murray nimmt ihre persönlichen und stilistischen Eigenheiten mit einer tiefen und schicksalergebenen Liebe entgegen. Nur manchmal wirft er einen Änderungsvorschlag ein, der den Text natürlich sofort viel besser macht.

Hach ja, der Mann macht da ein absolutes Blatt der Träume, und er ist ein Traumchef für jeden, der schreibt. Die Liebe zu Texten und der Arbeit daran durchzieht den ganzen Film. Passagenweise werden die Reportagen im Voice-over auch vorgelesen, so schnell allerdings, dass man ihre Feinheiten kaum ganz goutieren kann. Bald möchte man deshalb den ganzen Film ablegen wie eine geliebte Magazinausgabe, die man wieder und wieder hervorholen und darin schmökern kann.

Zugleich mit den Texten aber sieht man natürlich auch die unterschiedlichsten Welten, die sie beschreiben - und wird dann zum Beispiel in das Atelier des dämonisch zerzausten Malers Moses Rosenthaler (Benicio del Toro) hineinversetzt, der ein nacktes weibliches Modell auf ein Podest gestellt hat und in wilder Abstraktion porträtiert. Beim näheren Hinsehen entpuppt sich die Nackte als die oben bereits erwähnte Léa Seydoux, und die Art, wie der Maler sich ihr nähert und ihr Farbpunkte auf den Bauch malt, lässt an alte Klischees von künstlerisch-erotischer Machtungleichheit denken. Bis das Modell dem Maler den Pinsel einfach herrisch aus der Hand schlägt.

Da kehrt sich die ganze Szene um, die Nackte schlüpft in eine schmucke Uniform mit Barett und entpuppt sich als Gefängniswärterin, anschließend bringt sie den Maler zurück in seine Zelle. Rosenthaler sitzt in Ennui-sur-Blasé lebenslänglich als Doppelmörder ein. Solche Überraschungen sind es, in denen sich Andersons unerschöpflicher Erfindungsreichtum immer wieder zeigt. Der Platz reicht hier nicht für die ganzen Verwicklungen, die daraus noch folgen, ganz zu schweigen von den wilden Storys der anderen Episoden. Ultimative Testfrage 2021: Bei einer Fifty-fifty-Chance, entweder sofort diesen Film zu sehen oder zehn Tage in Quarantäne zu müssen, würde man das Spiel wagen? Im Fall von "The French Dispatch" lautet die Antwort eindeutig: ja.

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