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Buchmesse-Abschluss:Die wahren Faschisten sind grundsätzlich immer die anderen

Natürlich ist es unverschämt, wenn Ellen Kositza sich die ganze Veranstaltung über als Buchmessenverfolgte inszeniert, obwohl sie doch gerade im Rahmen dieser Buchmesse ihre Lesung moderieren darf, oder wenn sie jammert, die Bildungsstätte Anne Frank sei "sehr garstig" zu ihr gewesen. Aber es zeugt eben auch von vollkommen lächerlicher Opferhybris.

Man könnte das durch gezielte Gegenfragen genauso dekonstruieren wie Lichtmesz' rhetorische Taschenspielertricks: Es ist ja Kreidezeit bei der neuen Rechten, man schenkt das alte Gift namens Identitin in neuen Schläuchen aus, einfach indem man biedermännischen Neusprech proklamiert. Ihm Fremdenfeindlichkeit vorzuwerfen, sei voll unfair, sagt Lichtmesz: "Es geht uns nicht um den Hass auf andere. Sondern um die Begeisterung für unsere Heimat. Wir sind nicht gegen die anderen, sondern für uns."

Dass auf derlei Sätze Hohnprotest kommen würde, war in die Veranstaltung von vornherein eingepreist: Sobald er von einem Sprechchor aus dem Publikum unterbrochen wurde, entzündeten Lichtmesz und seine Co-Autorin Sommerfeld Wunderkerzen, die sie dann wie lächelnde Konfirmanden hin- und herschwenkten. Ihr eigenes Publikum - viele junge Männer mit straffen Frisuren, Frauen in Identitären-Shirts - skandierten dazu "Jeder hasst die Antifa". Als es zum dritten Mal zu solch einem Minieklat kam, murmelten das dann auch ein älterer, grauhaariger Herr im Lodenjanker und die kopfschüttelnde Dame vom Anfang dieses Textes mit.

Als kurz darauf Björn Höcke das Wort ergriff, fing es im Publikum derart zu brodeln an, dass man sich erstmals fragen konnte, warum hier eigentlich so wenig Security stand. Höcke hatte sein Kommen auf Facebook angekündigt - es war doch eigentlich klar, dass es hier rundgehen würde. Er wurde von den einen niedergebrüllt und von den anderen frenetisch gefeiert, Kosiza nannte ihn "unsere Hoffnungsfigur". Höcke dankte herzlich dafür, an diesem "Ort der freien Meinung und des freien Wortes" reden zu dürfen, und inszenierte sich erwartungsgemäß als über den alten Links-rechts-Gegensätzen schwebenden Tribun. Ich weiß, was das Volk will, stören tun uns alle ja leider nur die Linksfanatiker. Blöd, wenn in dem Moment als Einwand wirklich nur Gebrüll kommt.

Zweiter Akt: Akif Pirinçci. Das ist der, der mal im Dresdner Dunkel bedauerte, dass Muslime "Ungläubige mit ihrem Moslemsaft vollpumpen" würden, solange, bis Deutschland zu einer "Moslemmüllhalde" verkomme. So etwas sagte er im Frankfurter Licht natürlich nicht, er pochte nur darauf, dass er damals ja alles vorausgesehen habe: Köln, Silvesternacht, ich hab's euch gesagt. Und dass er ein Opfer ist, weil ja keiner mehr seine Bücher kaufen kann, Hashtag Zensur.

Tja, und dann sollten die beiden Identitären Martin Sellner und Mario Müller reden. Das Ganze ging dann aber im Tumult unter, von links wurde geschrien, von rechts wurde geschrien, und als endlich ein Vertreter der Buchmesse mit einem Haufen Polizisten anrückte, lag ein Hauch von Dreißiger-Jahre-Bierkeller über der Halle 4. Absurder Höhe- und Schlusspunkt: Der verstörte Messevertreter, der sagt, die Veranstaltung sei beendet, den aber niemand hört, weil sich über eine massive Polizeiphalanx hin zwei verfeindete Gruppen mit genau denselben Worten, in ein und demselben Rhythmus, anschreien: Der bunte Haufen der Linken und die strammrechten Identitären, sie skandieren im Hass vereint aufeinander ein: "Nazis raus! Nazis raus!" Denn die wahren Faschisten, das sind heute grundsätzlich immer die anderen.

Ein rechter Zuschauer schlug einen Verleger und setzte sich dann wieder

Einige hätten sich sicher über Handgreiflichkeiten gefreut, so wie am Tag zuvor, als der 74-jährige Münchner Trikont-Verleger Achim Bergmann verletzt worden war: Bergmann hatte bei einer Veranstaltung des Verlags Junge Freiheit gerufen, der Vortragende solle "die Fresse halten". Daraufhin stand ein Zuschauer auf, versetzte ihm einen Faustschlag und setzte sich ruhig wieder hin. Bergmanns Frau Eva Mair-Holms schrieb danach auf Facebook, ihre Fassungslosigkeit rühre gar nicht so sehr von dem Faustschlag her: "Es ist dieses neue rechte Selbstbewusstsein, diese Arroganz und diese Gewissheit, dass so was wieder möglich ist."

Wie schade, dass die beiden Ex-Identitären, die nach dem Halle-4-Eklat enttäuscht abzogen, nicht zu Wort kamen. Sie hätten, sagten sie, Martin Sellner gern unbequeme Fragen gestellt. Die gäbe es zuhauf, er hätte ihnen Antworten geben müssen auf seine früheren engen Kontakte in die Neonazi-Szene. So aber ging Sellner als Opfer und damit als Sieger vom Platz. Man hatte ihn schließlich zum Schweigen gebracht, so wie er es immer behauptet.

Kubitschek, Lichtmesz, Höcke, Sellner, das sind die Gegner, mit denen die Demokratie es fortan zu tun hat. Wenn das, was am Samstag veranstaltet wurde, die Mittel sind, mit denen sie darauf reagiert, ist sie elend schlecht gerüstet. Andererseits: Viele schreiben im Netz, das Debakel sei die gerechte Quittung dafür, dass man sie überhaupt auf die Messe gelassen habe. Denen sei dann doch mal ein Blick ins Grundgesetz geraten. Man kann einen Stand nur verbieten, wenn er sich strafrechtlich schuldig macht. Bleibt die bohrende Frage, wie man in Zukunft mit Rechten redet.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version dieses Textes wurde behauptet, Akif Pirinçci habe "bedauert, dass die KZ ja derzeit außer Betrieb seien". Das ist nicht richtig. Tatsächlich insinuierte Pirinçci mit dem zitierten Halbsatz, dass die Regierung unter Merkel es bedauern würde, dass es keine KZ mehr gebe - für alle Andersmeinenden.

© SZ vom 16.10.2017/jsa
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