Süddeutsche Zeitung

Buchmesse-Abschluss:Die Rechten stilisieren sich nach dem Buchmesse-Eklat zu Opfern

Eine Lesung des kleinen neurechten Antaios-Verlags ist fast zur Saalschlacht eskaliert. Doch diese Art der Gegenwehr bestärkt die Rechten nur in ihrem Selbstbild.

Von Alex Rühle, Frankfurt am Main

Eigentlich hätte hier ein kleiner Abschiedsbericht stehen können. Ein bisschen was Resümierendes über das strahlende Herbstwochenende und die Cosplayer, die zu Tausenden ihre fiktionalen Lieblingsfiguren verkörpern und die Messe zu ihrer eigenen Faschingsparty machen. Über Verlagsgeraune (die Lage ist schlümm) und Übernahmegerüchte (noch vül schlümmer). Und unbedingt natürlich über die Franzosen.

Diese haben als Abgesandte des Gastlands einen souveränen Auftritt hingelegt. Sie kamen mit einer beeindruckenden Phalanx an Autoren - Leute, lest Annie Ernaux und Catherine Millet, Gaël Faye und Christian Boltanski! Sie hatten den charmantesten Ehrengastpavillon seit Langem, mit lichter, transparenter Holzarchitektur und einem Lesecafé, das permanent rappelvoll war. Und am Main ankerte als wohl schönster Lesungsort ein alter Kahn, den der fabelhafte Autor und Berufsreisende Olivier Rodin vom Elsass hergeschippert hatte.

Dass dieser Text eine etwas andere Wendung nehmen würde, wurde dann am Samstagnachmittag am Ende der Halle 4 langsam klar. Da hielt ein junger Mann einen Selbsthilfe-Optimierungsvortrag vor leeren Reihen, die sich dann aber immer mehr auffüllten, obwohl er nur Plattitüden über den rasant gewandelten Arbeitsmarkt und die Liebe zum Job aneinanderreihte. Etwas ganz anderes braute sich da zusammen.

Zwei Lesungen konnten stattfinden, die dritte nicht mehr. Ein Erfolg?

Denn im Anschluss an das Marketinggequatsche hatte der Antaios-Verlag die Bühne für drei Lesungen gebucht. Zwei konnten stattfinden, die dritte nicht mehr, und vielleicht schreiben diejenigen, die diese letzte Veranstaltung verhindert haben, sich das jetzt auf ihre Fahnen. Dann haben sie aber irgendetwas nicht verstanden. Sicher ist nämlich, dass die Veranstaltung in Sachen Aufmerksamkeitsökonomie durch diesen Eklat ein voller Erfolg für Antaios war - schließlich steht auch in der SZ jetzt schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage der Name des ja eigentlich recht kleinen neurechten Verlags.

Der gehört dem Ehepaar Götz Kubitschek und Ellen Kositza, das nebenbei noch einen gut laufenden Journalistenbewirtungsbauernhof im sachsen-anhaltinischen Schnellroda betreibt. Die Veranstaltung war aber auch in Sachen Selbstbildbestätigung ein voller Erfolg: Björn Höcke, Martin Lichtmesz, Götz Kubitschek, Caroline Sommerfeld, Martin Sellner, da saß die Crème de la Crème des neudeutschen Opferkultes. Und dann kamen die anderen und machten sie - zu Opfern.

Aber von vorne. Es waren noch keine fünf Minuten vergangen, da zeigte Martin Lichtmesz gleich mal die rhetorische Grundstrategie der als Buchvorstellung angekündigten Veranstaltung. Ersten Zwischenrufern dankte er ruhig lächelnd für die "bolschewistischen Wortmeldungen, die zeigen, wie wichtig diese Veranstaltung ist. Wir mögen uns vielleicht nicht, aber wir müssen lernen, miteinander zu leben."

Mit diesem und ähnlichen Moderationssätzen gerierte er sich als Schiedsrichter eines Streits, den er mit seinen Positionen und Texten permanent selbst anheizt. Auf der Bühne wirkt dieser Trick nach den ersten Störaktionen aber anscheinend auf viele so souverän, dass eine Frau im Publikum kopfschüttelnd sagt, man sehe ja, die dürften einfach nie ihre Meinung sagen.

Provokation, Reaktion, Opferrolle rückwärts

Genau dieselbe Strategie wenden Sommerfeld und Lichtmesz in ihrem Buch "Mit Linken leben" an, der im Ton eines objektiv moderierenden Ratgebers für den Umgang mit dem angeblich verbohrten "Mainstream" daherkommt. "Mit Linken leben" ist schon im Titel als Antwort auf "Mit Rechten reden", das wohl meistdiskutierte Buch der diesjährigen Messe, konzipiert. Darin arbeiten der Historiker Per Leo, der Philosoph Daniel-Pascal Zorn und der Historiker Max Steinbeis heraus, dass die neuen Rechten mit uns allen ein lang geübtes Sprachspiel spielen, indem sie jedesmal so lange provozieren, bis man verbal zurückschlägt.

In dem Moment können sie sich hinstellen und sagen: Seht ihr, wir werden die ganze Zeit diffamiert. Dann von vorne: Provokation, Reaktion, Opferrolle rückwärts - kurzum: Man muss aufpassen, dass man durch plumpen Protest ihre Performance nicht befeuert und vergrößert. Die Veranstaltung war ein derart beeindruckender Beleg für die Richtigkeit dieser These, dass man meinen könnte, Leo, Steinbeis und Zorn hätten sich das anschwellende Spektakel als performativen Beleg ihrer Buchthesen ausgedacht.

Die wahren Faschisten sind grundsätzlich immer die anderen

Natürlich ist es unverschämt, wenn Ellen Kositza sich die ganze Veranstaltung über als Buchmessenverfolgte inszeniert, obwohl sie doch gerade im Rahmen dieser Buchmesse ihre Lesung moderieren darf, oder wenn sie jammert, die Bildungsstätte Anne Frank sei "sehr garstig" zu ihr gewesen. Aber es zeugt eben auch von vollkommen lächerlicher Opferhybris.

Man könnte das durch gezielte Gegenfragen genauso dekonstruieren wie Lichtmesz' rhetorische Taschenspielertricks: Es ist ja Kreidezeit bei der neuen Rechten, man schenkt das alte Gift namens Identitin in neuen Schläuchen aus, einfach indem man biedermännischen Neusprech proklamiert. Ihm Fremdenfeindlichkeit vorzuwerfen, sei voll unfair, sagt Lichtmesz: "Es geht uns nicht um den Hass auf andere. Sondern um die Begeisterung für unsere Heimat. Wir sind nicht gegen die anderen, sondern für uns."

Dass auf derlei Sätze Hohnprotest kommen würde, war in die Veranstaltung von vornherein eingepreist: Sobald er von einem Sprechchor aus dem Publikum unterbrochen wurde, entzündeten Lichtmesz und seine Co-Autorin Sommerfeld Wunderkerzen, die sie dann wie lächelnde Konfirmanden hin- und herschwenkten. Ihr eigenes Publikum - viele junge Männer mit straffen Frisuren, Frauen in Identitären-Shirts - skandierten dazu "Jeder hasst die Antifa". Als es zum dritten Mal zu solch einem Minieklat kam, murmelten das dann auch ein älterer, grauhaariger Herr im Lodenjanker und die kopfschüttelnde Dame vom Anfang dieses Textes mit.

Als kurz darauf Björn Höcke das Wort ergriff, fing es im Publikum derart zu brodeln an, dass man sich erstmals fragen konnte, warum hier eigentlich so wenig Security stand. Höcke hatte sein Kommen auf Facebook angekündigt - es war doch eigentlich klar, dass es hier rundgehen würde. Er wurde von den einen niedergebrüllt und von den anderen frenetisch gefeiert, Kosiza nannte ihn "unsere Hoffnungsfigur". Höcke dankte herzlich dafür, an diesem "Ort der freien Meinung und des freien Wortes" reden zu dürfen, und inszenierte sich erwartungsgemäß als über den alten Links-rechts-Gegensätzen schwebenden Tribun. Ich weiß, was das Volk will, stören tun uns alle ja leider nur die Linksfanatiker. Blöd, wenn in dem Moment als Einwand wirklich nur Gebrüll kommt.

Zweiter Akt: Akif Pirinçci. Das ist der, der mal im Dresdner Dunkel bedauerte, dass Muslime "Ungläubige mit ihrem Moslemsaft vollpumpen" würden, solange, bis Deutschland zu einer "Moslemmüllhalde" verkomme. So etwas sagte er im Frankfurter Licht natürlich nicht, er pochte nur darauf, dass er damals ja alles vorausgesehen habe: Köln, Silvesternacht, ich hab's euch gesagt. Und dass er ein Opfer ist, weil ja keiner mehr seine Bücher kaufen kann, Hashtag Zensur.

Tja, und dann sollten die beiden Identitären Martin Sellner und Mario Müller reden. Das Ganze ging dann aber im Tumult unter, von links wurde geschrien, von rechts wurde geschrien, und als endlich ein Vertreter der Buchmesse mit einem Haufen Polizisten anrückte, lag ein Hauch von Dreißiger-Jahre-Bierkeller über der Halle 4. Absurder Höhe- und Schlusspunkt: Der verstörte Messevertreter, der sagt, die Veranstaltung sei beendet, den aber niemand hört, weil sich über eine massive Polizeiphalanx hin zwei verfeindete Gruppen mit genau denselben Worten, in ein und demselben Rhythmus, anschreien: Der bunte Haufen der Linken und die strammrechten Identitären, sie skandieren im Hass vereint aufeinander ein: "Nazis raus! Nazis raus!" Denn die wahren Faschisten, das sind heute grundsätzlich immer die anderen.

Ein rechter Zuschauer schlug einen Verleger und setzte sich dann wieder

Einige hätten sich sicher über Handgreiflichkeiten gefreut, so wie am Tag zuvor, als der 74-jährige Münchner Trikont-Verleger Achim Bergmann verletzt worden war: Bergmann hatte bei einer Veranstaltung des Verlags Junge Freiheit gerufen, der Vortragende solle "die Fresse halten". Daraufhin stand ein Zuschauer auf, versetzte ihm einen Faustschlag und setzte sich ruhig wieder hin. Bergmanns Frau Eva Mair-Holms schrieb danach auf Facebook, ihre Fassungslosigkeit rühre gar nicht so sehr von dem Faustschlag her: "Es ist dieses neue rechte Selbstbewusstsein, diese Arroganz und diese Gewissheit, dass so was wieder möglich ist."

Wie schade, dass die beiden Ex-Identitären, die nach dem Halle-4-Eklat enttäuscht abzogen, nicht zu Wort kamen. Sie hätten, sagten sie, Martin Sellner gern unbequeme Fragen gestellt. Die gäbe es zuhauf, er hätte ihnen Antworten geben müssen auf seine früheren engen Kontakte in die Neonazi-Szene. So aber ging Sellner als Opfer und damit als Sieger vom Platz. Man hatte ihn schließlich zum Schweigen gebracht, so wie er es immer behauptet.

Kubitschek, Lichtmesz, Höcke, Sellner, das sind die Gegner, mit denen die Demokratie es fortan zu tun hat. Wenn das, was am Samstag veranstaltet wurde, die Mittel sind, mit denen sie darauf reagiert, ist sie elend schlecht gerüstet. Andererseits: Viele schreiben im Netz, das Debakel sei die gerechte Quittung dafür, dass man sie überhaupt auf die Messe gelassen habe. Denen sei dann doch mal ein Blick ins Grundgesetz geraten. Man kann einen Stand nur verbieten, wenn er sich strafrechtlich schuldig macht. Bleibt die bohrende Frage, wie man in Zukunft mit Rechten redet.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version dieses Textes wurde behauptet, Akif Pirinçci habe "bedauert, dass die KZ ja derzeit außer Betrieb seien". Das ist nicht richtig. Tatsächlich insinuierte Pirinçci mit dem zitierten Halbsatz, dass die Regierung unter Merkel es bedauern würde, dass es keine KZ mehr gebe - für alle Andersmeinenden.

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Quelle:
SZ vom 16.10.2017/jsa
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