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"Hegel im verdrahteten Gehirn":Wiederholtes Scheitern

Hegel Slavoj Zizek

Der Denker im Hausmantel in seinem Arbeitszimmer. Die Handhaltung deutet einen Vortrag an.

(Foto: imago/Leemage)

Wenn ein Gelehrter seinen Papierkorb über dem Kopf eines Neugierigen ausschüttet: Slavoj Žižek reißt in seinem Hegel-Buch viel an, springt rasch weiter und sorgt für Kurzschlüsse.

Von Thomas Steinfeld

Wer ein Buch des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek zu lesen versucht, macht die Erfahrung, wie es sein mag, wenn der Papierkorb eines Gelehrten über dem Kopf eines Neugierigen ausgeschüttet wird. Halbwegs Ausgearbeitetes, mehr oder minder lose Einfälle und große Mengen schieren Unfugs fliegen wild durch die Gegend. Manchmal erhascht der Neugierige diesen oder jenen vernünftigen Gedanken, worauf er nach einem weiteren Zettel greift. Es könnte ja sein, dass noch etwas Konsistentes vorüberflattert. Doch dann bekommt man die Behauptung zu fassen, Hegel schreibe in Parataxen. Žižek widmet dem Einfall einen mehrseitigen Abschnitt. Er weckt den Verdacht, der Gelehrte habe nie auch nur einen Absatz aus Hegels Werken gelesen. Plausibel, wenngleich schlicht, ist indessen die Idee, der Zwang, sich "alle paar Jahre eine neue prekäre Beschäftigung zu suchen", erscheine nunmehr oft als "Chance", sich "selbst neu zu erfinden".

Mit Hegel, dem Slavoj Žižek die jüngste seiner bislang mindestens drei Dutzend Monografien widmet, hat diese Idee indessen nur insofern etwas zu tun, als sie einen "Kurzschluss" darstellen soll, "den Hegel sich nicht vorstellen konnte".

Das Buch trägt den Titel "Hegel im verdrahteten Gehirn". Das Wort "verdrahtet" ist metaphorisch zu verstehen. Gemeint ist eine unmittelbare Verbindung zwischen Hirn und digitaler Datenverarbeitung, so wie sie der amerikanische Unternehmer Elon Musk mit seiner Firma Neuralink in die Welt setzen will: "Wenn ich dir eine Idee mitteilen will, würden wir im Grunde einvernehmliche Telepathie betreiben. Du müsstest nichts in Worte fassen." Nun ist zwar gewiss, dass aus diesem Einfall nichts werden wird, weil es keine "Ideen" gibt, die nicht in Worte gefasst wären. "Die Sprache", schreibt Hegel in der Vorrede zur "Phänomenologie", ist das "Dasein des Geistes". Erst eine bezeichnete Vorstellung besitzt nicht nur die Festigkeit, sondern auch die Allgemeinheit, die es erlaubt, sie auf andere Vorstellungen zu beziehen.

Und so viel weiß Slavoj Žižek immerhin über Hegel, dass er dieses Argument zumindest von ferne kennt: "Der wahre Inhalt eines Gedankens verwirklicht sich nur durch seine sprachliche Äußerung". Doch einmal abgesehen davon, dass in diesem Referat Etliches durcheinandergeraten ist - was soll ein "wahrer" Inhalt sein, wie unterscheidet sich ein "Inhalt" von einem "Gedanken", gäbe es andere als "sprachliche" Äußerungen? -, trägt es den Philosophen rasch in andere Regionen: Zu Sergej Eisensteins Film "Die Beshin-Wiese", zu den Abenteuern des Sexuallebens, zu TV-Serien. Slavoj Žižek erscheint, wie in vielen seinen Büchern zuvor, weder willens noch fähig, einen Gegenstand auch nur im Blick zu behalten, geschweige denn, ihn einer begrifflichen Klärung zuzuführen.

Das ist schade. Denn die Ankündigungen Elon Musks sind in der Welt, und Versprechungen dieser Art sind nicht nur öffentlichkeitswirksam, sondern haben, unter der Rubrik der künstlichen Intelligenz, eine Industrie in die Welt gesetzt, an deren Zukunft sich das Schicksal ganzer Volkswirtschaften zu entscheiden droht - unabhängig davon, dass der Name eine Hochstapelei ist, weil es darin um ganz andere Dinge als um die Nachahmung von "Intelligenz" mit technischen Mitteln geht.

Cover

Slavoj Žižek: Hegel im verdrahteten Gehirn. Aus dem Englischen von Frank Born. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2020. 288 Seiten, 22 Euro.

Tatsächlich findet man bei Hegel die Elemente einer Theorie des Bewusstseins, mit denen sich solche Versprechungen auf ihren sachlichen Gehalt bringen lassen könnten: angefangen bei der "sinnlichen Gewissheit", über Wahrnehmung und Verstand bis hin zum Selbstbewusstsein. Bald stieße man dabei auf den Umstand, dass mit "Worten", anders als Elon Musk meint, nur wenig erreicht ist. Vielmehr braucht es Sätze, also die Beziehung von Worten aufeinander, und Sätze von Sätzen, bis am Ende so etwas wie Denken aufscheint. "Die Hegel'sche Lehre ist daher in Bezug auf den Versuch, die Welt zu verändern, verzweifelt optimistisch: Derartige Versuche erreichen nie ihr Ziel, ihr wiederholtes Scheitern kann jedoch eine neue Seinsform hervorbringen. Ja, der Chavismus in Venezuela ist gescheitert . . .". Auf Erklärungen hat es Slavoj Žižek nicht abgesehen.

Was tut er stattdessen? Er ist nicht einfach fahrig oder konfus. Er simuliert vielmehr eine akademische Diskussion, verteilt freigebig Zensuren an Zeitgenossen (Peter Sloterdijk, Yuval Noah Harari, Alain Badiou) wie an die Großen der Geistesgeschichte (Fichte, Cantor, Beckett) und mobilisiert auf diese Weise ein großes "Wir": Es tut so, als arbeiteten die Klugen dieser Welt gemeinsam an der Lösung der schwierigsten Probleme, mit ihm an der Spitze. Sein Wir stellt aber nichts anderes dar als den majestätischen Plural einer ebenso allseitigen wie grundlosen Besserwisserei.

© SZ vom 27.08.2020
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