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Hegels 250. Geburtstag:Bücher zur Geburtstagsparty

Bücher des Monats 09.2020

Bücher des Monats 09.2020 Bücher des Monats 09.2020

(Foto: Reclam, C.H. Beck, Meiner, Blessing, Propyläen)

Dietmar Dath rettet die Ehre der Bandwurm- und Schachtelsätze, Klaus Vieweg erhellt den politischen Kontext: Neue Bücher über den Philosophen und sein Denken.

Dass Deutschlands witzigster Anti-Antiintellektueller eine hyperkurze Einführung geschrieben hat, macht die Hegel-Geburtstagsparty perfekt. Den ganzen Hegel in einem Reclamheft zu erklären, geht natürlich nicht, nur Dietmar Dath kann es mit gezielten Abschweifungen trotzdem schaffen (Ditzingen 2020. 100 Seiten, 10 Euro). Er gibt, zur Einstimmung ins Hegeljahr, eine fantastische Ehrenrettung der Bandwurm- und Schachtelsätze, eine praktische Zusammenfassung der Dialektik ("die Verneinung der Verneinung eines Ausgangszustands erreicht einen neuen Zustand") und viel Kontextwissen über systematisches Denken und Hegels Zeit. "Wer sich ein Büchlein von 100 Seiten über Hegel kauft", schreibt Dath, "sucht eher Anregung zum Blick durch Hegels Begriffsapparat hindurch auf die Welt als akademische Spickzettel".

Als solcher wäre aber die Einführung aus der "Beck Wissen"-Reihe in "Hegels Philosophie" von Günter Zöller geeignet (München 2020. 127 Seiten, 9,95 Euro). In aller Nüchternheit gibt der Münchner Philosophieprofessor Wegweiser durch Hegels Werke. Die eignen sich vor allem für Leser, die im Grunde schon verstanden haben, worum es in dieser Philosophie geht und sich orientieren wollen, wo darin was zu suchen ist: Das kompakteste Hegel-Handbuch auf dem Markt.

Unter den Biografien, die zum 250. Jubiläum erschienen sind, erhellt besonders die von Klaus Vieweg den politischen Kontext: "Hegel. Der Denker der Freiheit" (C.H. Beck, München 2019. 824 Seiten, 34 Euro). Dass es gerade das Denken ist, das den Menschen seine eigene Welt hervorbringen lässt und ihn frei machen kann, habe Hegel als Zeitgenosse der Revolution erfahren. Diese Idee führt vom Leben ins Werk Hegels.

Welche Art der Kontiguität da überhaupt besteht, ist die große Frage, der sich Denker-Biografen zu stellen haben. Da nimmt Sebastian Ostritsch in seinem Buch "Hegel. Der Weltphilosoph" (Propyläen, Berlin 2020. 314 Seiten, 26 Euro) einen originellen Ausgangspunkt: vom Dialekt zur Dialektik. Dem in Stuttgart geborenen, charakterlich eher gemütlichen Georg Friedrich Wilhelm seien "philosophische Schwabismen" nahegelegen: "Nix isch omsonscht, bloß dr Tod, und der koscht's Läba". Und auch von dieser Pointe abgesehen, versucht sich Ostritsch an einer möglichst einfachen, dem heutigen Ohr eingängigen Darstellung von Hegels Denken.

Die berühmteste Episode aus Hegels Leben spielt im Tübinger Stift und handelt von seinen Kommilitonen Friedrich Schelling und Friedrich Hölderlin. Davon erzählt auch der Journalist und Schriftsteller Eberhard Rathgeb: "Zwei Hälften des Lebens. Hegel & Hölderlin. Eine Freundschaft" (Blessing, München 2019. 464 Seiten, 24 Euro). Dabei ist er sehr verliebt ins Stimmungsvolle: "So dunkel ist Hegel, und sein Freund Hölderlin ist manchmal nicht viel zugänglicher, als hätten die beiden darum gewettet, wem es besser gelinge, ihre Verfolger und Ausleger abzuhängen oder einzuspinnen." Da geht es eher um eine Vorstellung vom deutschen Geistesleben, als um dieses selber.

Also lieber Hegel selber lesen? Da bekommt man es, neben Schachtelsätzen, mit der Frage zu tun, was von ihm genau überliefert ist. Der "Verein von Freunden des Verewigten", der nach Hegels Tod 1831 seine Werke herausgab, hat den Textkorpus geglättet, um den Systemcharakter der Philosophie hervorzuheben. Vieles Aussortierte ist verloren gegangen. Manch berühmte Schlagworte stammen dagegen nur aus mehr oder weniger zuverlässigen Vorlesungsmitschriften und womöglich weniger von Hegel. Ein wissenschaftliches Editionsprojekt erarbeitet seit Jahrzehnten historisch-kritisch Hegels "Gesammelte Werke", die im Felix-Meiner-Verlag erscheinen und die Probleme dieser Textüberlieferung mit darstellen. Spannende Wendungen der modernsten Editionspraxis enthält ein neuer Aufsatzband des Herausgebers und langjährigen Direktors des Hegel-Archivs Walter Jaeschke (Felix Meiner, Hamburg 2020. 431 Seiten, 25 Euro).

Dazu kommen die durch den Leipziger Philosophen Pirmin Stekeler mit einem sogenannten "dialogischen Kommentar" versehenen Ausgaben, zuletzt etwa der "Wissenschaft der Logik" (Felix Meiner, Hamburg 2020. Band 1: 1296 Seiten, 98 Euro). Darin sind die Stellenkommentare in den Hegel-Text eingeschoben. Was ihn vielleicht nicht einfacher, aber jedenfalls zeitgemäßer lesbar macht.

© SZ vom 27.08.2020
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