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Theater im Künstlerhaus:Neuer Brandner Kaspar will mehr als "Dahoam ist dahoam" sein

Hexen umschwirren den Brandner Kaspar (Armin Stockerer). Die neue Inszenierung rückt Mystisches und Übersinnliches in den Vordergrund.

(Foto: Brigitte Sporrer)

Der Brandner Kaspar ist der Bayern liebstes Märchen. Eine Neuproduktion will die Geschichte universeller erzählen: mit Musik, Gesang und einem befrackten Edelmann als Tod.

Alle paar Jahre, scheint es, braucht München einen neuen "Brandner Kaspar". Einen, den es umarmen und lieb haben kann. So, wie es die Inszenierung von Kurt Wilhelm aus dem Jahr 1975 am Residenztheater jahrzehntelang lieb hatte. Toni Berger spielte darin den Tod, Gustl Bayrhammer anfangs den Petrus, mehr als tausend Vorstellungen gab es bis 2000. Dann kam Christian Stückl und inszenierte 2005 einen neuen Brandner Kaspar am Volkstheater. Mit ihm kam Maximilian Brückner als Boandlkramer, der gerade mal Mitte zwanzig war und so fidel und schräg umher hopste, dass er sofort einen gleichberechtigten Platz neben Toni Berger in den Münchner Herzen fand. Die Inszenierung läuft immer noch.

Jetzt, 2019, inszeniert Regisseur Thomas Stammberger am Künstlerhaus einen neuen Brandner Kaspar, eine Art Singspiel, das sich natürlich mit den genannten Produktionen messen lassen werden muss. Autor Karl-Heinz Hummel schrieb den Text, Komponist Christian Auer die Musik dazu. Die Grundlage dafür bildet die Brandner-Kaspar-Oper, die die beiden vor ein paar Jahren schufen und die mehrere Sommer lang bei den Festspielen auf Gut Immling in einer sehr großen Produktion zu sehen war.

Auer und Hummel hatten danach Lust, den Stoff wieder einzudampfen, sich auf die einzelnen Figuren zu konzentrieren und deren Geschichte auf einer kleineren Bühne zu erzählen. Da bot Künstlerhaus-Präsidentin Maja Grassinger an, einen neuen musikalischen Brandner in ihrem Haus zu inszenieren. Am 26. Dezember ist die Uraufführung dieser Neuschöpfung. Koproduzent ist das Theater an der Rott in Eggenfelden, dort ist der Brandner dann im Januar zu sehen.

So kommt es, dass Armin Stockerer (Brandner) den Andreas Bittl (Boandlkramer) auf der kleinen Bühne im wunderschönen Festsaal mit dem berüchtigten Kerschgeist abfüllt und ihn dann beim Kartenspiel austrickst. Bei der Inszenierung wechseln sich Gesang und Text ab, alle Schauspieler sind auch gute Sänger. Auf der Bühnenseite sitzen die Musiker der Landshuter Band Flez Orange und begleiten live das Spiel mit einer Mischung aus Jazz, neuer bayerischer Volksmusik und himmlischen Klängen - für die Paradiesszenen, versteht sich.

Regisseur Thomas Stammberger sagt in der Probenpause: "Ich habe in meinem Leben sicher 70 Brandner-Kaspar-Inszenierungen erleben, manche auch durchleiden dürfen. Wenn eine Amateurtheatergruppe kein Geld mehr hat, spielen sie den Brandner, weil sie wissen, dann ist die Bude schon mal halb voll." Daher müsse man sich schon viel Gedanken machen, ehe man den Brandner inszeniert. Was aber gibt es noch Neues zu erzählen von diesem bayerischen Lieblingsmärchen über einen Mann, der den Tod überlistet, um ein paar Lebensjahre zu gewinnen? "Die meisten setzen sehr auf die Komik des Todes. Für mich entsteht sie aber aus dem verzweifelten Versuch, dass der Brandner leben will und für sein Ziel kämpft." Auch wenn das Ende der Geschichte von Anfang an klar ist - der Brandner stirbt - will Stammberger in seiner Inszenierung einen Helden haben, der wirklich ein Abenteuer erlebt. Es soll eine Komödie sein, natürlich, aber bitte auch eine Berg- und Talfahrt zwischen harten und lustigen Szenen.

Das künstlerische Team will die Geschichte universeller erzählen

Um das herauszuarbeiten, setzte sich auch Autor Hummel noch einmal an den Text. "Für mich ist das Entscheidende: In dem Moment, in dem der Brandner den Boandlkramer überlistet, ist er eigentlich zu alt für sein Leben." Was also hat er von seinem Weiterleben? Tod und Leben, Jungsein und Altsein, das sind Themen des Stückes von Franz Kobell, die die Menschen noch immer beschäftigen. Der Tod sei heute medial ständig präsent, real aber noch immer ungreifbar und daher etwas Angsteinflößendes, finden die Künstler.

Ihre Version konzentriert sich auf Brandners Dilemma des Nicht-Loslassen-Könnens. Komponist Auer sagt: "Der Tod ist ein Tabu, aber das Aufgeben und Loslassen ist auch ein Tabu. Du darfst nichts loslassen - deinen Wohlstand nicht, deine soziale Stellung nicht." Der Brandner will deshalb auch nicht gehen, er habe gar keine Zeit zu sterben, es gibt so viel zu tun. Die Natur braucht ihn, das Kerschgeist-Business auch. Das künstlerische Team will Brandners Erkenntnisgewinn zelebrieren, zeigen, wie ein Mensch reift. "Unser Brandner lernt: Das ist zwar der Tod, aber nicht das Ende", sagt Auer. Auch Andreas Bittl als Boandlkramer wird nicht in schwarz umher hüpfen, nicht als zerzauster Kobold, wie so oft. Bittl trägt einen Frack aus dem vorletzten Jahrhundert, er ist eine Art Edelmann, dessen glorreiche Zeiten schon eine Weile zurückliegen. Er soll mehr sein als eine bemitleidenswerte Witzfigur, nuancierter und auch bedrohlicher.

Die Ausstattung von Georg Jenisch ist schlicht gehalten, die wenige Requisiten werden in unterschiedlichen Funktionen eingesetzt. Auf Pomp und bajuwarischen Nippes verzichtet sie komplett. Über die Rückwand laufen teils abstrakte Projektionen von Himmel und Erde, Fantasiebilder. In sehr vielen Kulturen gäbe es schließlich eine Heldenfigur wie den Brandner, sagt Jenisch, einer, der den Tod überlistet, und Märchen, die davon berichten. Das künstlerische Team will die Geschichte universeller erzählen. Es soll einen Kontrast geben zwischen dem Dialekt, den die Figuren sprechen, und den abstrakten Bildern. Also mehr sein als ein gemütliches "Dahoam ist dahoam".

Für das Ende haben sich die Künstler noch einen eigenen Dreh überlegt, der geheim bleiben muss. Autor Hummel sagt nur: "Wenn's mit einem zu Ende geht, kann man die diesseitige und die jenseitige Welt nicht mehr so klar unterscheiden."

Der Brandner Kaspar, 26. Dezember, 19 Uhr, Künstlerhaus

© SZ vom 23.12.2019/huy
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