"Black Widow" im Kino:Superheldin mit Burn-out

BLACK WIDOW

Die Black Widow, bürgerlich Natasha Romanoff (Scarlett Johansson), im Kampfeinsatz.

(Foto: Jay Maidment/Marvel/Disney)

Wenn Marvel-Filme doch nur öfter so aussähen wie dieser: Scarlett Johansson als sehr menschliche "Black Widow".

Von Susan Vahabzadeh

Superheldenfilme sind wie Fußball-Europameisterschaften: Man muss schon irgendjemandem wünschen, dass er bis zum Ende dabei sein wird, damit es als Zuschauer Spaß macht. Es ist eine gewisse Wurschtigkeit eingezogen im Marvel-Universum, wo das Personal zu Staub zerfällt und wieder aufersteht - da sind Charakterisierungen oft Nebensache.

Nicht so bei der australischen Regisseurin Cate Shortland. Mit einer kurzen Einsstellung macht sie in "Black Widow", dem 24. Film des "Marvel Cinematic Universe", ganz greifbar, wer Nathasha Romanoff alias Black Widow ist. Natasha zieht sich um nach einem Kampf in Budapest, und man sieht einen Moment lang ihren nackten Rücken, von dunkelblauen Flecken übersät. Natasha Romanoff ist ein Mensch, sie besteht aus einer Seele voller Kampfgeist und schmerzlicher Erinnerung und einem zerbrechlichen Körper aus Fleisch und Blut.

Mehr als ein Jahrzehnt verging zwischen der Idee, der "Black Widow" Scarlett Johansson einen eigenen Platz im Marvel-Universum zu geben, und dem fertigen Film. Die erste Frau mit ihrem eigenen Superhelden-Kinofilm sollte sie werden, aber "Wonder Woman" aus dem DC-Universum war schneller. Die Pandemie hat das Erscheinen um ein weiteres Jahr verzögert.

Der Oberbösewicht bildet kleine Mädchen zu Mordmaschinen aus

Zum Glück ist "Black Widow" ein Film, der das ganze Marvel-Universum gar nicht hinter sich braucht, er könnte für sich bestehen, als Familiengeschichte, als Emanzipationsallegorie, als ein ganz und gar von seinen Hauptfiguren getriebener Film. Das Warten hat sich gelohnt. Cate Shortland führt die Superhelden aus einer erzählerischen Sackgasse.

Die Geschichte beginnt als ländliches Idyll im amerikanischen Hinterland. An einem Sommerabend schwirren die Glühwürmchen durch die Luft, während Melina (Rachel Weisz) mit ihren beiden kleinen Mädchen ins Haus geht, Natasha, mit einer blau gefärbten Mähne, und der winzigen blond gelockten Yelena. Es wird Zeit fürs Abendessen. Vater Alexei (David Harbour) ist ganz still, als er aufkreuzt. Melina versteht sofort: Alles bleibt zurück, nur die beiden Kinder nehmen sie mit auf ihrer Flucht. Melina wird angeschossen, aber die beiden Mädchen hätten ohnehin nicht bei ihr bleiben dürfen. Die ältere, Natasha, schlägt wild um sich und schnappt sich sogar eine Waffe, als die kleine Yelena weggebracht werden soll - da sind sie schon an einem Stützpunkt des Oberbösewichts Dreykov angekommen. Die Mädchen, das findet man bald heraus, werden von ihm zu Mordmaschinen ausgebildet. Dreykovs Trupp von schwarzen Witwen.

"Black Widow" im Kino: Falsche Familie: Scarlett Johansson, David Harbour und Florence Pugh in "Black Widow".

Falsche Familie: Scarlett Johansson, David Harbour und Florence Pugh in "Black Widow".

(Foto: Jay Maidment/AP)

"Black Widow" ist die Origin-Story der früheren KGB-Agentin im Avengers-Team. Weil hier so viel Zeit auf die Dynamik zwischen den vier Hauptfiguren verwendet wird, braucht es Ruhepausen. Es gibt durchchoreografierte Superheldinnen-Kämpfe, gigantische Explosionen, große Showdowns in der Luft - aber dazwischen auch Ruhe und Raum, die Figuren zu entwickeln, bis sie ans Herz wachsen und es so richtig bedauerlich ist, dass Natasha Romanoffs schönster Auftritt dann wohl auch ihr letzter sein wird (es wäre ja, Zeitreisen sei Dank, noch alles denkbar, aber ihr Ende hat der Marvel-Film "Avengers: Endgame" bereits vor diesem Solo vorweggenommen). Überhaupt spricht es sehr für Scarlett Johansson, dass sie - als Schauspielerin hier in Höchstform - zugelassen hat, dass diese Geschichte zum Ensemblefilm wird und kein Vehikel für sie allein.

Cate Shortland webt die Kindheitserinnerungen in einen Erzählstrang in der Gegenwart ein: Die erwachsene Natasha hat sich, fern der Avengers, in Norwegen in der Einöde in einem Wohnwagen eingerichtet. Sie ist auf der Flucht und will nicht nur inkognito bleiben, sondern richtig allein sein. Bis sie ein Paket erreicht. Kleine, rot leuchtende Phiolen sind darin. Sie weiß gar nicht, was das ist, aber weil ein Schurke versucht, ihr die Phiolen wieder abzujagen, geht sie der Sache nach und findet ihre Familie von damals wieder, die nicht ihre Familie war. Das war bloß Tarnung, ein bisschen etwas von einem Agentenfilm steckt auch in "Black Widow".

Wie Schwestern miteinander umgehen, zeigt dieser Actionfilm nach den Regeln des Genres

Zunächst begegnet sie Yelena wieder, die nicht mehr klein ist und auch nicht niedlich, verkörpert von der herrlich burschikosen Florence Pugh. Die beiden liefern sich erst einmal einen Kampf, und die Schwestern-Dynamik zeichnet Shortland mit wenigen Strichen, wenn Yelena Natashas Posen nachäfft, die beiden sich anzicken und doch zusammenhalten. Yelena hat die Phiolen geschickt: Verstäubt man den Inhalt über die schwarzen Witwen, werden sie wieder sie selbst, sie gewinnen die Kontrolle über ihre Körper zurück, Dreykovs Gehirnwäsche wird unwirksam, und sie sind frei. Mädchen, sagt Dreykov, davon hat die Welt doch sowieso zu viele ...

Cate Shortland hat sich tatsächlich Gedanken gemacht, was das heißen könnte: Superheldin. Scarlett Johanssons Natasha war in den Avengers-Filmen vorwiegend sexy und furchteinflößend - und diese Natasha widerspricht dem gar nicht, der Film schaut ihr in die Seele, in die Traumata, die sie hart haben werden lassen.

Um den Red Room, Dreykovs Hauptquartier zu finden, brauchen sie Unterstützung. Die falschen Eltern von damals beispielsweise. Also wird Alexei aus einem russischen Gefängnis geholt und ist von da an für den comic relief in diesem Familiendrama zuständig. Yelena und Natasha sind nämlich noch sauer, aber etwas, was einem Vater ähnlicher wäre als Alexei, ist halt nicht im Angebot.

Vielleicht ist der größte Reiz an "Black Widow", dass Natasha so wundervoll irdisch ist, eine Superheldin ohne spezielle Superkräfte, ein Star unter den Avengers, aber ohne Allüren, eine Kämpferin und dabei doch nur ein Mensch auf der Suche nach Halt. Am schönsten sind die ersponnenen Geschichten aus dem All, der Fantasie und der Comicwelt eben immer dann, wenn ihre Protagonisten fühlen wie wir.

Black Widow, USA 2020 - Regie: Cate Shortland. Drehbuch: Eric Pearson. Kamera: Gabriel Beristain. Mit: Scarlett Johansson, Florence Pugh, Rachel Weisz. Disney, 133 Minuten. Ab 8. Juli im Kino. Ab 9. Juli gegen Gebühr bei Disney+.

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