Biennale: Italienischer Pavillon Die Kunst ist nicht die Mafia

Peinlich berührt wandten sich viele Kunstkritiker vom italienischen Biennale-Pavillon ab, der mit einer Pornodarstellerin eröffnet wurde. Dabei ist er ein großer Angriff auf die Kunst der Gegenwart - und zugleich eine Lektion darüber, was Silvio Berlusconis Italien wirklich zusammenhält.

Von Thomas Steinfeld

Peinlich berührt wandten sich viele Kunstkritiker vom italienischen Pavillon auf der Biennale in Venedig ab, redeten von Kitsch, "Minestrone" und leeren Gesten, während die Kritikerin der New York Times gar von "unredeemable still-born schlock" sprach - von "heillosem, totgeborenen Ramsch". Das alles sind ästhetische Urteile. Diese Ausstellung aber ist über die Ästhetik hinaus.

Porno-Darstellerin Vittoria Risi wälzte sich zur Eröffnung des italienischen Pavillons auf einem Thron aus Kunststoffschläuchen.

(Foto: Getty Images)

Sie ist eine Offenbarung: an Bosheit und Rohheit, an Intriganz und an politischer Ranküne. Wer durch sie gegangen ist, hat das Ende der zeitgenössischen Kunst gesehen, buchstäblich. An nur einem Ort gewiss, aber die Biennale ist eine ihrer zentralen Schauplätze. Der Besucher könnte, nach dieser Erfahrung, die Art Basel, die größte Kunstmesse der Welt, nicht mehr ohne das Bewusstsein betreten, dass da in Venedig jemand kam, um dem Gewerbe die Grundlage zu entreißen. Und dass ihm dieses Attentat auf die Kunst gelang. Zugleich hat der Besucher eine Lektion darüber erhalten, was Silvio Berlusconis Italien tatsächlich zusammenhält.

Die Werke von zweihundertsechzig Künstlern sind in der langen Halle am nordöstlichen Rand des Arsenale ausgestellt, in einem wilden Sammelsurium, das etablierte Künstler neben völlig unbekannte stellt - und allen den Anspruch auf Bedeutung nimmt, sowohl durch die Organisation der Ausstellung wie durch ihre Präsentation. Diesen Punkt erreicht zu haben als repräsentative, die gesamte Nation umfassende ästhetische Anstrengung, ist das Verdienst des Kulturpolitikers und Fernsehmoderators Vittorio Sgarbi, des sogenannten Kurators dieser Veranstaltung.

Nach dem Modell der billigen TV-Shows

Wobei es ihm gar nicht darauf ankam, die zeitgenössische Kunst als prätentiöses, eitles, aber hohles Getue eigens zu diffamieren - vielmehr will er sie, nach dem Modell der billigen Shows, von denen das italienische Fernsehen lebt, als Spektakel des persönlichen Ehrgeizes und seiner Niederlagen vergesellschaften.

Es war dieser Mann, ein langjähriger Vertrauter des Ministerpräsidenten, der dem Biennale-Pavillon den Namen "L'arte non è cosa nostra" gab und ihn zum Zentrum von Hunderten von Kunstausstellungen machte, die gleichzeitig im ganzen Land stattfinden.

Der Titel ist doppeldeutig. "Die Kunst ist nicht unsere Sache" ist nur seine einfache Übersetzung. Denn "cosa nostra" ist ein Ausdruck für die Mafia. Und so bedeutet die Formel, dass die Kunst nicht "unsere Sache" sei, auch, dass sie bislang die Sache einer Mafia war, von der sie nun befreit werden soll. Die Mafia aber ist in Italien keine Metapher, sondern ein Problem staatlicher Autorität.

Wenn die Ausstellung die Mafia im Titel trägt und wenn Vittorio Sgarbi in mehreren Reden die zwei prominentesten Vertreter der italienischen Kunstkritik - Germano Celant, eine der Zentralfiguren der Arte povera, und Achille Bonito Oliva, einen der wichtigsten Kuratoren für Gegenwartskunst - direkt angreift, kriminalisiert er also die Repräsentanten und den Betrieb. Diese Angriffe ad personam geben der populistischen Zurückweisung der Gegenwartskunst, wie Marco de Michelis, Architekturhistoriker an der IUAV Universität in Venedig, erläutert, einen neuen Charakter.

Denn die Mafia - das sind in diesem Fall die Kuratoren, die Kritiker, die Sachverständigen, die Intellektuellen und, überhaupt, das gesamte gebildete Publikum. Sie sind das Kreuz, an das - wie in einer Skulptur, die es am kurzen Ende der gigantischen Halle verdeutlicht - das lebendige Italien als blutige Masse genagelt ist.

Aus diesem ebenso militanten wie geistfeindlichen Ressentiment bezieht das Projekt seine Kraft, und um sie zu illustrieren, eröffnete Vittorio Sgarbi den italienischen Pavillon zusammen mit einer Freundin, der Porno-Darstellerin Vittoria Risi. Nackt wälzte sie sich vor zehn Tagen auf einem Thron aus bunten, prallen, glitschig wirkenden Kunststoffschläuchen, während Vittorio Sgarbi zu ihren Füßen erklärte, Italien habe von jeher viel mehr große Künstler besessen als jede andere Nation der Welt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wen der Kurator eliminiert hat.

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