Interview mit Bernd Scherer"Unser gesamtes Weltbild ist nicht mehr aktuell"

Lesezeit: 7 Min.

Bernd Scherer ist seit 2006 Intendant des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin. Mit dem "Anthropozän-Projekt" hat er das HKW ab 2013 zu einer Art Think Tank für die Forschung zur neuen Erdepoche gemacht.
Bernd Scherer ist seit 2006 Intendant des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin. Mit dem "Anthropozän-Projekt" hat er das HKW ab 2013 zu einer Art Think Tank für die Forschung zur neuen Erdepoche gemacht. (Foto: SZ Photo)

Wir leben in einem neuen Erdzeitalter, dem Anthropozän. Doch was bedeutet das - und was verändert sich dadurch? Ein Gespräch mit Bernd Scherer, Intendant des Berliner Hauses der Kulturen der Welt.

Von Jörg Häntzschel

In der vergangenen Woche hatte Bernd Scherer die "Anthropocene Working Group" zu Gast im Haus der Kulturen der Welt, die Geologen, die versuchen nachzuweisen, dass ein neues Erdzeitalter, das Anthropozän, begonnen hat. Im HKW beschäftigt er sich schon seit Jahren mit der neuen Erdepoche, ihren Konsequenzen für unser Denken und unser Weltbild. Eben hat er auch ein Buch über die historischen Ursachen des Anthropozäns geschrieben.

SZ: Herr Scherer, wie gehen Geologen bei der Erforschung des Anthropozäns konkret vor?

Bernd Scherer: Jedes der zwölf Forscherteams hat einen Bohrkern von einem Ort der Erde vorgestellt. An diesen kann man bis ins 17. Jahrhundert hinein ablesen, wie der menschliche Einfluss auf dem Planeten zunahm. Es geht darum, festzustellen, dass der Mensch eine eigene Sedimentschicht gebildet hat, etwa aus Radionukliden von den Atomwaffenversuchen, dass er also geologischer Akteur geworden ist. Das wäre der Beweis dafür, dass das Anthropozän begonnen hat. Wahrscheinlich war es Anfang der Fünfzigerjahre. Im Dezember wird einer der Orte und ein Jahr als "Golden Spike" festgelegt, als räumlicher und zeitlicher Beginn des Anthropozäns. Die endgültige Formalisierung wird 2024 stattfinden.

Wissenschaftler entnehmen einen Sedimentbohrkern am stillgelegten Searsville-Stausee bei San Francisco.
Wissenschaftler entnehmen einen Sedimentbohrkern am stillgelegten Searsville-Stausee bei San Francisco. (Foto: Giulia Bruno und Armin Linke)

Warum ist es so wichtig und so aufwendig, das verbindlich festzulegen?

Die Geologen haben bisher immer Epochen betrachtet, die Hunderttausende oder Millionen von Jahren vor uns lagen. Sie haben sich Steine angesehen, die ihnen sagten, wann welche Erdepoche stattfand. Mit dem Anthropozän verändert sich das. Sie sind Beobachter geologischer Entwicklungen, aber auch Akteure, die diese Epoche mit hergestellt haben. Sie haben das Erdöl aufgespürt! Und drittens sind sie, wie wir alle, von den Veränderungen betroffen.

Sie ringen also um Objektivität.

Genau. Mit dem Anthropozän verändern sich die Verfahren, Wissen zu erzeugen. Und zum ersten Mal hat die Arbeit der Geologen enorme Folgen für die Gegenwart. Der Kernbefund des Anthropozäns ist ja, dass der Planet in eine Phase der Destabilisierung eingetreten ist. Das ist nicht nur wissenschaftlich relevant, sondern politisch und gesellschaftlich - unser gesamtes Weltbild ist nicht mehr aktuell.

Ist das der Unterschied zwischen dem Anthropozän und Phänomenen wie dem Klimawandel oder dem Artensterben?

Beide sind Phänomene des Anthropozäns, aber man kann sie noch mit den Vorstellungen des 20. Jahrhunderts begreifen. Das Anthropozän erfordert aber einen Bewusstseinswandel. Die alten Wissenssysteme, die alten Disziplinen funktionieren nicht mehr.

Können Sie das genauer erklären?

Seit der letzten Eiszeit vor 12 000 Jahren herrschte ein relativ stabiles Klima. Es war Grundlage für die Entwicklung unserer Zivilisation. Ackerbau war möglich, weil man ungefähr wusste, wann der Regen fällt, wann der Frost kommt, welche Orte sich eignen. Die Wissenschaft beschrieb diese stabile Natur und referierte mit ihren Zeichen auf deren Objekte. Jetzt, im Anthropozän, gerät dieser Rahmen, dieses Referenzsystem, das die Natur für die menschlichen Aktivitäten gebildet hat, ins Wanken. Natürliche Prozesse und Zeichenprozesse treten in eine dynamische Beziehung ein. Die Wissenschaft kann nicht mehr auf Fakten und Gegenstände verweisen, sondern nur auf Prozesse. Ergebnisse werden immer nur vorläufig sein.

Im Titel Ihres neuen Buchs ist allerdings nicht von einer dynamischen Beziehung die Rede, sondern von einem "Angriff der Zeichen". Was meinen Sie damit?

Seit der Antike hat der Mensch Instrumente geschaffen, die es ihm erlauben, sich geistig unabhängig zu machen von seiner Umgebung. Nehmen Sie die Geometrie: Zunächst hat man die Erfahrungen, die man beim Bauen gemacht hat, zu Regeln formalisiert. Begründen konnte man sie nicht. Erst mit der euklidischen Geometrie ließen sich die Gesetze theoretisch ableiten. Das ist ein Schritt hin zur Abstraktion und weg von der Realität. Einen Satz wie a² + b² = c² findet man in der Realität nicht. Es gibt kein perfektes Dreieck. Die Sätze der euklidischen Geometrie sind aber hilfreich, um die Realität zu beurteilen. Dieses abstrakte Wissen transformiert dann die Realität. In Nordamerika etwa wurden mithilfe der Geometrie Karten hergestellt, ohne dass die Zeichner in den Gegenden waren, die die Karten repräsentieren.

Die theoretischen Konstruktionen beginnen die Realität zu definieren.

Das zweite Zeichenverfahren, das schon in der Antike wichtig war, sind die Monsterfiguren, Wesen, die zum Beispiel einen Menschenleib aber einen Tierkopf haben. Sie wurden erfunden, um Konflikte in der Gesellschaft in einem symbolischen Raum statt in der Realität austragen zu können. Diese Neuschöpfungen aus Inkongruentem waren die Vorläufer für viele Erfindungen, die ihnen folgten, die Dampfmaschine oder, die heutigen Finanzprodukte, wo alles mögliche zu einem neuen Ganzen verschnürt wird. Wenn ich also vom "Angriff der Zeichen" spreche, spreche ich von Innovationen, denen wir intellektuell hinterherhinken. Erst wenn die Atombombe gefallen ist, weiß ich, was das bedeutet. Erst kommt immer die Praxis, dann mit Verspätung das Wissen.

Warum ist das so?

Eine Gesellschaft zu verändern, erfordert schlicht viel längere Prozesse als eine geniale Erfindung. Und so eine Erfindung kann Kaskaden von Konsequenzen haben. Denken Sie an die im 19. Jahrhundert erfundene Katalyse, die chemische Prozesse radikal beschleunigt. Sie war die Grundlage des Haber-Bosch-Verfahrens, mit dem man Ammoniak herstellt, das Grundmaterial für Sprengstoff wie für Kunstdünger. Es wurde kurz vor dem Ersten Weltkrieg erfunden und erlaubte den Deutschen, in großen Mengen Munition herzustellen. Viele sagen, der Erste Weltkrieg hätte ohne das Haber-Bosch-Verfahren nur ein Jahr gedauert. Als der Zweite Weltkrieg endete, brauchten die amerikanischen Sprengstoffwerke neue Absatzmärkte. Sie vermarkteten den Überschuss als Dünger. Das war die Grundlage für die grüne Revolution in Ländern wie Indien. Nach Schätzungen überlebten 50 Prozent der Weltbevölkerung nur wegen des Haber-Bosch-Verfahrens. Kleinbauern, die bis dahin natürlich gedüngt hatten, produzierten nun viel mehr, mussten aber den Dünger kaufen und wurden über Kredite plötzlich abhängig. Sie wurden integriert in den Weltmarkt.

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Die künstliche Düngung hatte allerdings dramatische Konsequenzen.

Ja, etwa am Mississippi, der aus den Great Plains enorme Mengen Stickstoff in den Golf von Mexiko schwemmt. Dadurch entstehen riesige tote Bereiche, ganze Algenlandschaften. Wie können wir die Algen wieder abbauen? Das geht nur mit einer weiteren menschlichen Intervention.

Bernd Scherer: Der Angriff der Zeichen. Denkbilder und Handlungsmuster des Anthropozäns. Matthes & Seitz, Berlin 2022. 223 Seiten, 28 Euro.
Bernd Scherer: Der Angriff der Zeichen. Denkbilder und Handlungsmuster des Anthropozäns. Matthes & Seitz, Berlin 2022. 223 Seiten, 28 Euro. (Foto: N/A)

In Ihrem Buch machen Sie die Aufklärung verantwortlich für das Anthropozän, gleichzeitig ist genau diese Aufklärung von allen möglichen Seiten unter Druck. Wie können wir uns zu ihr verhalten?

Als in Europa die Aufklärung und der Kampf um Freiheitsrechte stattfand, wurde in den Kolonien die Plantagenwirtschaft eingeführt. Dort hat man den Menschen behandelt wie einen Naturgegenstand. Wesentliche Teile der Menschheit waren also von der Aufklärung ausgeschlossen. Außerdem war der Freiheitsbegriff der Aufklärung stark an den Besitz gebunden. Vor allem in den USA: Die rechtliche Unfreiheit der versklavten afrikanischen Menschen mündete nach dem Ende der Sklaverei in ihre ökonomische Abhängigkeit. Problematisch ist auch der Naturbegriff der Aufklärung: Wir sind als denkende Wesen frei, aber die Natur ist bloße Ressource. Diese Vorstellung der Aufklärung kann nicht mehr weiter gelten, weil die Ressourcen endlich sind und weil ihre totale Ausbeutung eine nicht mehr lebbare Welt erzeugen. Wir können nicht in die Prämoderne zurück, wir wollen die Aufklärung nicht über Bord werfen. Aber wir müssen ihre Begrifflichkeiten und Denkweisen weiterentwickeln.

Ein Aspekt des Anthropozäns ist die "Great Acceleration", die Beschleunigung von Verbrauch, Zerstörung, Konsum.

Die Energien, die dem Menschen im Anthropozän zur Verfügung stehen, stammen aus den fossilen Energien, die der Planet hergestellt hat. Das waren Prozesse, die sich über Millionen von Jahren entwickelt haben. Millionen von Jahren wurden in einem Zeitraum von 50 Jahren verbraucht. Wenn man sich das vorstellt, versteht man, welchen enormen Einfluss menschliches Tun auf diesen Planeten hat.

Aber die Zeit spielt bei Ihnen auch eine viel buchstäblichere Rolle.

Früher waren Zeiterfahrungen eingebettet in Lebenskontexte: Sonnenaufgang- oder -untergang, die Jahreszeiten. Zeit war gelebte Zeit. Mit den Uhren brauchte man die Natur nicht mehr. Die Erfahrung von Zeit wurde aus natürlichen Prozessen gelöst und auf eine allgemein verbindliche Skala gebracht. Das war wichtig etwa für die Besiedelung der USA, wo zuvor ein Wildwuchs an unterschiedlichen Zeiten herrschte. Und natürlich für die Arbeit, für die fordistische Produktionsweise, die Arbeitsprozesse in Zeitprozesse einteilte und wortwörtlich Zeit zu Geld machte.

Die ersten Armbanduhren wurden im Ersten Weltkrieg benutzt, um Angriffe zu koordinieren.

Da sieht man, wie die quantifizierte Zeit in alle Lebensbereiche eindringt. Genau wie man vorher mit der Geometrie die Welt räumlich aufteilt, teilt man jetzt die Welt mit der Arithmetik zeitlich auf. Bis hin zum 21. Jahrhundert, wo wir die Zeit weltweit synchronisiert ist und wir in real time mit allen Teilen des Planeten korrespondieren. Diese Beschleunigung wirkt zurück auf das Individuum, auf die Psyche. Bin ich schnell genug in meiner Arbeit? Wie kann ich meine Zeit einteilen?

Der Anthropozän-Befund hat etwas leicht Fatalistisches. Gibt es überhaupt Handlungsmöglichkeiten?

Das Problem des Anthropozäns ist, dass wir Veränderungen auslösen, die unser Vorstellungsvermögen weit überschreiten und die den ganzen Planeten in Gefahr bringen. Auch im 16. und 17. Jahrhundert kam das Wissen nach der Praxis, aber Fehlentwicklungen waren immer korrigierbar. Wir wollen und können nicht zurück ins 17. Jahrhundert. Aber eine Strategie wäre beispielsweise, die Gesellschaft in Mikroeinheiten zu gliedern, die digital vernetzt sind. Das würde es in den dynamischen Zeiten, die uns bevorstehen, erlauben, unser Handeln ständig neu anzupassen. Mit unseren riesigen Infrastrukturen braucht man viel zu lange um umzusteuern, denken Sie an die Energiegewinnung. Mit kleineren Einheiten treffen Fehler nicht immer den ganzen Planeten. Außerdem habe ich dann eine Verantwortung dafür, woher ich meine Energie beziehe, weil es mich direkt betrifft, wie sie erzeugt wird.

Dem Denken, das uns das Anthropozän gebracht hat, verdanken wir auch Freiheit, Emanzipation, Individualismus. Wie lässt sich das erhalten?

Man muss sich fragen, ob es in den vorhandenen Freiheitsräumen nicht Alternativen gibt, die man bisher nicht mitdenkt. Locke hat Freiheit an Besitz gebunden, im 20. Jahrhundert wurde daraus der Konsum. Gibt es nicht andere Definitionen von Freiheit, die uns wieder ein Verhältnis zur Natur erlauben? Ein Beispiel: Ich habe vor vier Jahren das Auto abgeschafft, seitdem fahre ich mit Genuss Rad. Wenn man jeden Tag mit dem Rad durch den Tiergarten fährt, merkt man, was es bedeutet, wenn es monatelang nicht geregnet hat. Und wenn der Frühling kommt, ist das ein Erlebnis. Verstehen Sie das nicht als falsche Romantik. Ich glaube, es bedarf neuer Formen der Sensibilisierung dafür, was gutes Leben ist. Das heißt nicht, dass wir nie wieder fliegen sollen. Nur: Die Welt, die wir geschaffen haben, beschränkt unser Denken, sie öffnet es nicht. Es geht darum, neue Möglichkeiten zu finden.

Die Ausstellung "Earth Indices" im HKW ist bis 17. Oktober zu sehen.

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