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Berlinale:Berlin an einem Sommerabend

71. Berlinale - Sommerfestival

Was ist Stadt? Was ist Film? Im Freiluftkino verliert sich die Realität im lauen Abendwind.

(Foto: Jörg Carstensen/Jörg Carstensen/dpa)

Betörend: Dominik Grafs Erich-Kästner-Verfilmung "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" feiert im Freiluftkino der Berlinale auf der Museumsinsel Premiere.

Von Sonja Zekri

Verglichen mit dem Potsdamer Platz ist das neue Premierenkino dieser zweiten Hälfte der Berlinale ein echter Gewinn: keine zugigen Betonschluchten, sondern zarte Kolonnaden, Bäume und nebenan der Dom. In der eigens errichteten Spielstätte des Berlinale Summer Specials sitzt man zwischen Calandrellis Reiterstandbild Friedrich Wilhelm IV. und einer Amazone von Louis Tuaillon nicht nur behütet, sondern nachgerade lauschig. Rote Teppiche lassen sich auch hier ausrollen, weiße Festzelte auch hier aufbauen. Irgendwann sind vielleicht mal wieder alle Plätze besetzt. Und auf den Corona-Test-Wagen vor dem Gelände wird man eines wunderbaren Tages auch verzichten können.

Der Kolonnadenhof auf der Museumsinsel ist das betörende, unumstrittene Berlin. Dominik Grafs Erich-Kästner-Verfilmung "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" zeigt das andere. Kleinbürgerlichen Mief, großbürgerliche Kälte, grausame Versehrte, arme Schweine beiderlei Geschlechts und eine hinreichende Anzahl an Bordellen, Kaschemmen, Ateliers und sonstiger "Babylon Berlin"-Kulisse. Graf hält sich eng an Kästners Erzählung vom arbeitslosen Schriftsteller Jakob Fabian (Tom Schilling), Kästners Alter Ego, der am liebsten nur beobachten will, ob "die Welt überhaupt Talent zur Anständigkeit" hat, und seiner Liebe Cornelia (Saskia Rosendahl), die als Fachkraft für "internationales Filmrecht" anfängt, den Mann wechselt und als Schauspielerin Karriere macht - in einer der schönsten Szenen mit einem Text, den Fabian ihr geschrieben hat.

"Fabian" ist ein Liebesfilm, aber die treueste, reinste Liebe ist jene zwischen Fabian und seinem Freund Stephan Labude (Albrecht Schuch), einem reichen, politisch gefährlich aktiven, aber unglücklichen Lessing-Forscher. Die Frauen kommen und gehen, die Karrieren kommen nicht vom Fleck, beide, Fabian und Labude, werden den Film nicht überleben. Die Freundschaft bleibt. Als es irgendwann zu einem scheuen Kuss der beiden kommt, ist es wie ein Siegel.

Warum, zum Teufel, sollte die Berlinale je wieder zurück an den Potsdamer Platz?

Kästners Roman spielt 1931 und in jenem Jahr ist er erstmals erschienen, wenn auch nur in einer verstümmelten Version. Die Nazis bannten ihn trotzdem. Graf stützt sich auf die 2013 wiederentdeckte Originalfassung, und wie er es schafft, die Zeiten quasi ineinanderzuschieben, das ist allein schon große Kunst. Eine Kamerafahrt aus der U-Bahn-Station, die unten im Heute beginnt und oben 1931 endet, ein herübergewehtes "Deutschland erwache!", auf dem Bürgersteig aber Stolpersteine - die Weltgeschichte bleibt immer skizzenhaft, dezent. Auch filmisch ist es eine virtuose, aber nicht aufdringliche Verschränkung mit Zwischentiteln und Splitscreens wie im Stummfilm, krisseliger Super-8-Optik und hyperrealistischem HD.

Ganz selten wird er deutlicher. Dass es einen Zusammenhang gibt zwischen einem menschlichen Ekelpaket und einem politischen Ekelpaket, zeigt er am Beispiel von Labudes Rivalen Weckherlin (Lukas Rüppel). Aus reinem Sadismus schickt dieser Labude eine vernichtende Ablehnung seiner Dissertation - in Wahrheit ist sie brillant -, was jenem den Rest gibt. Er erschießt sich. Das Bild des Kollegenschweins Weckherlin aber geht über in Weckherlin im Braunhemd. Der Spirit ist ja sehr ähnlich.

"Fabian" ist ein gewaltiges Werk, mit Riesenstab, erlesenem Ensemble, schon allein Meret Becker als Puffmutter im Männerbordell ist sehr hübsch, mit liebevollen Details. Allein die Auswahl der Türen zu Berliner Häusern ist später mal mindestens eine Dissertation wert. Der Film dauert fast drei Stunden, und so hat der lange Berliner Sommerabend Zeit genug, um überzugehen in die kurze Berliner Nacht. Um die Leinwand ist es kinodunkel geworden, die Vögel über der Museumsinsel sind kaum noch zu erkennen, nur in der Ferne strahlt der Fernsehturm. Graf hat keine sepiafarbene Doomsday-Warnung gedreht, sondern ein erfrischend schmutziges, todesverachtend rotziges Berlin, in dem die Hure ihren schwer kranken Freier mit den Worten "Na, Wilhelmy, immer noch nicht tot?" begrüßt, und er sie später halb totschlägt.

Autos rattern über die Leinwand, und hinter dem Bode-Museum rattert die S-Bahn vorbei. Richtung Spree feiert jemand, aber in "Fabian" feiert auch immer jemand. Was ist Stadt? Was ist Film? Und warum, zum Teufel, sollte die Berlinale je wieder zurück an den Potsdamer Platz?

© SZ/eye
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