"Avengers: Endgame" im Kino Superhelden sind die neuen Socken

Iron Man (Robert Downey Jr.) trifft in "Avengers: Endgame" seinen Vater. Der Vorteil von Zeitreiserei ist, dass sie viel Fanservice ermöglicht.

(Foto: AP)
  • Mit "Avengers: Endgame" kommt der 22. Teil des Marvel Cinematic Universe in die Kinos - mit vielen vielen Superhelden.
  • Zwar ist der Storyline nicht einfach zu folgen, aber insgesamt ist der Film hübsch, chaotisch, anarchisch. Und irgendwie sehr liebenswert.
  • "Endgame" soll bald die Liste der erfolgreichsten Filme aller Zeiten anführen. Dabei symbolisiert er alles, was am Blockbusterkino der Gegenwart verkehrt ist.
Von Juliane Liebert

Der Supergau der Superheldenfilme läuft an. Dem 22. Teil des Marvel Cinematic Universe, "Avengers: End Game", wurde der umsatzstärkste Filmstart aller Zeiten im US-Kino prophezeit. End Game führt Superhelden aus 21 Filmen zusammen: Iron Man, Spiderman, Captain America, Captain Marvel, Guardians of the Galaxy, Black Panther, Hulk. Es spielen so viele Stars mit, das einem komisch werden kann. Brie Larson, Natalie Portman, Scarlett Johansson, Tilda Swinton und dazu noch ein paar Männer (Robert Downey Jr., Chris Evans, Mark Ruffalo, Chris Hemsworth, Jeremy Renner, Don Cheadle, Paul Rudd, Bradley Cooper, Josh Brolin, Benedict Cumberbatch, Tom Holland, Chadwick Boseman, Samuel L. Jackson und so weiter und so weiter.) Das macht, über den Daumen gepeilt, fast 40 Superhelden. Quasi eine Großpackung. 40 zum Preis von 30. Superhelden sind die neuen Socken.

Die Aufgabe, die vielen vielen Charaktere in einen Plot zu bündeln, haben Anthony und Joe Russo erstaunlich gut gemeistert. Die Erwartungen sind hoch, denn der Vorgänger, "Infinity Wars", endete bitter. Der Oberbösewicht Thanos hatte mit einem Fingerschnipsen die Hälfte allen Lebens ausgelöscht. Wegen des Klimas, naja, fast, er fand einfach, das Universum wäre mit der Hälfte seiner Bewohner besser dran. Infinity War hinterließ gebrochene Fanseelen. Immerhin hatte man diese Charaktere filmelang kämpfen, leiden und lieben sehen, man hatte sie angefeuert, ihnen gegrollt, sie gehasst und bewundert; und dann kommt so ein Trampel und schnipst sie mit dem Finger, zack, zu Asche.

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Dementsprechend beginnt der neue Avengers-Film auch recht finster. Fünf Jahre sind vergangen. Die verbleibenden Helden haben ihre Partner, Freunde und ihren Lebenszweck verloren. Clint Barton alias Hawkeye musste zusehen, wie seine Familie sich in Asche auflöste, und ist auf Rachefeldzug. Thor ist ein gebrochener Säufer, der verdrängt, rumgammelt und Videospiele zockt. (Chris Hemsworth mit Bierbauch ist ... göttlich!) Die halbierte Weltbevölkerung leidet an kollektiver PTBS. Allein dem Klima geht es wirklich besser. Bis Ant-Man aus dem Quantendingsda, in dem er die fünf Jahre feststeckte, geschleudert wird und den einzigen Vorschlag macht, der noch bleibt: in die Vergangenheit reisen. Die Steine aus dem feschen Handschuh, mit dem der Oberverbrecher seinen universalen Genozid beging, aus der Vergangenheit klauen und das große Schnipsen rückgängig machen.

Nun, das einzige Gesetz des Zeitreisens, das man mit hundertprozentiger Sicherheit wissenschaftlich belegen kann, lautet: Zeitreisen zerstören die Logik jedes Plots. In "Endgame" machen sich die Charaktere selbst darüber lustig, was wohl ein subtiler Hinweis darauf ist, es ihnen nach zu tun und die Storyline nicht allzu ernst zu nehmen. Denn wenn man das versucht, braucht man nicht nur neue Socken, sondern gleich ein neues Hirn. Am Anfang geht es noch, aber sobald der Zeitreise-Ball richtig ins Rollen kommt, kennt dieser Film keine Gnade: Was unsere Helden in der Vergangenheit und Gegenwart anstellen und welche Auswirkungen das eigentlich haben müsste, aber dann doch nicht hat, darüber könnte Einstein keine Doktorarbeit schreiben, ohne verrückt zu werden.

Der Vorteil der Zeitreiserei ist jedoch, dass sie viel Fanservice ermöglicht. Ohne zu viel zu verraten: Es gibt Wiedersehen mit längst beseitigten Charakteren (unter anderem Loki hat einen Gastauftritt), Captain America kämpft gegen sich selbst, Iron Man trifft seinen Vater, für immer getrennte Liebhaber begegnen sich wieder. Der Hauptkampf mutet dann an, als hätte man seinen Kindern zu Weihnachten alle Marvel-Actionfiguren geschenkt und sie würden gemeinsam das Wohnzimmer verwüsten, bis der Baum umfällt und der Teppich brennt. Also: hübsch, chaotisch, anarchisch. Und tatsächlich: irgendwie sehr liebenswert. Dabei balanciert der Film seinen Pathos mit Witz und Selbstironie aus. Fans werden ihn lieben, auch wenn seine Existenz eine (überbordende und echt witzige) Perversion ist.

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Eigentlich symbolisiert "End Game" natürlich alles, was am Blockbusterkino der Gegenwart verkehrt läuft. Gigantismus. Franchises. Die unendliche Wiederaufbereitung alter Ideen. Die Superhelden retten nicht nur ihre Filmwelt, sondern haben derzeit eine tragende Rolle in der Filmindustrie. Ihre Inflation zeigt die ökonomische Flucht der Studios ins Sichere, Bewährte in einer medialen Umbruchszeit: Die Comicverlage haben ihre Figuren über lange Zeit aufgebaut und kultiviert, die Kernfiguren kennt jeder, die Stories um das Grundgerüst herum sind variabel. Die Franchises sind Selbstläufer.

"End Game" soll Marvel geschätzt 200 Fantastilliarden Dollar einbringen. Warum solche Filme gerade so erfolgreich sind? Natürlich spielt Eskapismus eine Rolle. Aber das gilt genauso für Fantasykram wie Game of Thrones. Die fiktiven Helden sind echte Retter angesichts der Ohnmachtsgefühle in der unübersichtlichen Welt. Sie mögen abgehalftert sein oder Hardcore-Gegner haben, aber sie besitzen besondere Kräfte, die sie handlungsfähig - und der sprunghaften Vermehrung ihrer Art zum Trotz - singulär zugleich machen. Insofern spiegeln sie den Trend zum narzisstischen Kreisen um die als individuell zu inszenierende Identität. Alle wollen besonders sein, aber das am besten als Gruppe. Auch das haben Superhelden mit Socken gemeinsam: Sie kommen von überall her, es gibt sie in den unterschiedlichsten Farben und Größen, und auch wenn sie nicht das originellste (Film-)Geschenk aller Zeiten sind: Man kann sie immer brauchen. Je mehr, desto besser.

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