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Autobiografie von Christoph Schlingensief:Die Schönheit der Fehler

Dass seine Lebenserinnerungen ähnlich sprunghaft in- und übereinander geschichtet sind wie seine Arbeiten, folgt allerdings nicht nur künstlerischen Prinzipien. "Ich weiß, ich war's" entstand in den letzten Monaten vor seinem Krebstod im August 2010 und bleibt diesen Umständen entsprechend fragmentarisch. Seine Frau Aino Laberenz hat besprochene Bänder, die für die Autobiografie entstanden sind, mit bereits veröffentlichten Interviews, Blogeinträgen, Abschriften von öffentlichen Auftritten und Funden aus dem Nachlass kombiniert.

Eine Chronologie ergibt das so disparate Material nur abschnittsweise, und doch vermisst man sie nicht. Der direkte offene und persönliche Ton, der Schlingensief sein Leben lang so große Sympathien eingebracht hat, erzeugt auch hier ein Gefühl von intensiver Teilhabe an seinem Denken, als wäre der Verstorbene präsent.

Lebensgeschichte erzählt dieses Buch in der gedankenschnellen Verknüpfung von Ereignissen und Moral, Ärgernissen und Spott, Assoziationen und Selbstreflexionen. Alles beginnt mit der Liebe zu Aino Laberenz und der Hochzeit und endet mit einem Drehbuchplan, beides im Angesicht des nahen Todes. Und wie bereits in seinem Krebstagebuch "So schön wie hier kann's im Himmel gar nicht sein!" beschreibt Schlingensief auch in diesem letzten Zeugnis sein Leben in humorvollem Bezug auf tragische Leitmotive.

Christoph Schlingensief ist tot

"So schön kanns im Himmel gar nicht sein!"

Ängste spielen hier eine zentrale Rolle: die Angst, nicht lieben zu können und nicht wirklich geliebt zu werden, die Angst zu scheitern - und wie diese Panik in eine Kraft verwandelt werden kann -, schließlich natürlich die Angst vor dem Tod und das darin sich äußernde Unbeherrschbare.

Gerade im Bann dieses Schreckens zeigt sich die besondere Ambivalenz von Schlingensiefs Persönlichkeit. Der scheinbar entfesselte Spontankünstler besaß einen starken Hang zur Kontrolle, der bei aller Befreiung der Form stets sehr darum bemüht war, die Vorgänge gedanklich zu rationalisieren. Aus dieser Gegensätzlichkeit von Chaos und Ordnung und der Offenheit, mit der Schlingensief damit umgegangen ist, entsprang vermutlich die extreme schöpferische Vielfalt seiner Kunst und seines Sprechens, die auch dieses Buch so fesselnd macht.

Fragmentarische Unschärfe

Eine umfassende Biografie entsteht auf diesem Weg natürlich nicht. Denn erzählte Geschichte war für Schlingensief immer nur der Anlass, um über Bedeutung nachzudenken. Folglich werden manche Projekte über-, manche unterbelichtet, viele, die zuletzt keine Dringlichkeit mehr in der Erinnerung hatten, ganz ausgeblendet. Über den Kampf auf dem Grünen Hügel um die "Parsifal"-Inszenierung, das Operndorf in Burkina Faso oder die Container-Aktion "Ausländer raus" in Wien erfährt man relativ viel, über andere einflussreiche Filme und Theaterarbeiten aus dreißig Jahren wüsten Schaffens aber höchstens in Randbemerkungen. Persönliche Freundschaften oder das Verhältnis zu langjährigen Mitarbeitern wie Carl Hegemann, Bernhard Schütz, Matthias Lilienthal, Udo Kier oder Dietrich Kuhlbrodt werden eher summarisch, wenn auch dankbar behandelt. Dagegen bekommen die studentischen Künstler und hippen Kleinfamilien an seinem letzten Wohnort am Prenzlauer Berg reichlich ihr Fett weg.

Aber Christoph Schlingensief hat sich sowieso nie darum geschert, wie etwas "eigentlich" zu sein hat. Er war immer auf der Suche nach der Schönheit der Fehler. Und diese Suche war eben sprunghaft, manchmal hysterisch, aber in ihrem liebevollen Interesse für die Menschen dann doch sehr konsequent: Das Eigentümliche ist das Freie, das war sein Blick auf die Welt. Und der ist in seiner ganzen fragmentarischen Unschärfe so viel interessanter als das gestochen scharfe Bild, das eine anständig durchredigierte Künstlerbiografie geliefert hätte.

Christoph Schlingensief: Ich weiß, ich war's. Hrsg. von Aino Laberenz. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012. 304 Seiten, 19,99 Euro.