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Ausstellung in New York:Die Zukunft des Landlebens

Countryside, The Future

Arbeiter überprüfen mobile Pflanztische mit Shiso-Kresse, einer essbaren Sprosse, die ähnlich wie Kreuzkümmel schmeckt.

(Foto: Luca Locatelli/Guggenheim Museum)
  • Seit wenigen Tagen ist die von Rem Koolhaas maßgeblich gestaltete Ausstellung "Countryside. The Future" im New Yorker Guggenheim-Museum für die Öffentlichkeit zugänglich.
  • Die These der Ausstellung: Die Verstädterung hat den ländlichen Raum auf bisher ungekannte Weise verändert.
  • Koolhaas zufolge sind weite Teile des nicht-städtischen Raums mittlerweile vor allem dafür da, Versorgungsaufgaben für die Städte zu übernehmen.

Rem Koolhaas seufzte. Er wusste, dass er gleich eine Rede würde halten müssen, und nun ist es nicht so, dass der weltberühmte Architekt Koolhaas ungern über sich und seine Arbeit spräche, aber in diesem Moment im Guggenheim-Museum in New York hätte er erkennbar lieber durchgeatmet und genossen, dass sein großes Projekt der vergangenen vier Jahre nun endlich ein Publikum hat.

Seit wenigen Tagen ist die von Koolhaas maßgeblich gestaltete Ausstellung "Countryside. The Future" für die Öffentlichkeit zugänglich, und nun stand er also in der Mitte des Guggenheims, er schaute auf all die New Yorker, die mit Weingläsern bewehrt darauf warteten, dass er ein paar Worte sprechen würde. Und er seufzte. Der Seufzer schien zu sagen: Kann die Ausstellung jetzt nicht einfach für sich selbst sprechen? Vielleicht schwang in diesem Seufzer auch die leise Sorge mit, dass die Ausstellung das womöglich nicht kann.

Koolhaas' Ausstellung ist ausdrücklich politisch, sie ist schlau, sie ist erhellend. Aber sie ist auch fordernd, sie ist sprunghaft, sie fordert den Besuchern viel ab. Sie legt Spuren in alle Welt, sie greift weit in die Geschichte, und am Ende vertraut sie darauf, dass die Besucher all die Fäden zusammenbinden werden. Das ist allerdings gar nicht so einfach.

Ihren Ursprung nahm diese Ausstellung vor gut zehn Jahren. Koolhaas und seine Freundin, die Designerin Petra Blaisse, fahren gern in die Schweiz, in ein Dorf im Engadin, wo die Eltern von Blaisse ein Ferienhaus besaßen. Sie stellten fest, dass immer weniger Menschen im Dorf wohnten, es aber trotzdem permanent wuchs.

Koolhaas ist bekannt dafür, dass er das Antlitz von Städten verändert hat. In Rotterdam, seiner Heimatstadt, erfand er eine Vertical City, drei riesige, miteinander verbundene Hochhäuser. In Peking baute er das Hauptquartier des Staatsfernsehens CCTV. Er schuf Konzerthallen, Museen, revolutionäre Bibliotheken, er dachte und baute meist groß.

Auf dem "Land" gibt es heute Data-Center, Auslieferungszentren, Ferienhäuser

Aber im Engadin, im Dorf, dämmerte ihm erstmals, dass aus den Städten etwas diffundiert, das die ländlichen Gegenden fundamental verändert. Warum das Dorf wuchs, obwohl die Menschen wegzogen? Ganz einfach: Viele der ursprünglichen Bewohner zogen in die Städte, weil sie nur dort noch Arbeit fanden. Stattdessen kamen die Städter und bauten sich Ferienhäuser, die sie vielleicht ein, zwei Wochen im Jahr bewohnten. Während der restlichen Zeit werden viele dieser Häuser von Menschen gehütet, die größtenteils von weit herkommen, so dass aus dem Schweizer Dorf eine internationale Enklave wurde. Eine Enklave mit Facetten.

"Einmal sprach ich im Dorf einen Bauern an", erzählt Koolhaas, "zumindest dachte ich, dass er Bauer war, er sah so aus." Es stellte sich heraus, wie Koolhaas erzählt, dass es sich um einen unzufriedenen Nuklear-Wissenschaftler aus Frankfurt handelte, der in seiner Freizeit als Landwirt auftrat. Für Koolhaas war es der Beginn einer umfassenden Ermittlung.

Die Grundthese seiner Ausstellung, wenn man sie so knapp zusammenfassen kann, ist diese: Die Konzentration des menschlichen Lebens auf den urbanen Raum hat dazu geführt, dass sich der ländliche Raum in ungekannter Weise verändert hat. Koolhaas zufolge sind weite Teile des nicht-städtischen Raums mittlerweile vor allem dafür da, Versorgungsaufgaben für die Städte zu übernehmen, und er meint nicht nur die Produktion von Nahrung. Sondern auch Data-Center, die in riesigen Hallen im Nirgendwo erbaut werden. Auslieferungszentren zum Beispiel von Amazon, die in Landschaften des Nichts angesiedelt sind. Von Kunstlicht durchflutete Hallen, in denen Tomaten, die unvermeidlichen Tulpen und Kresse gezüchtet werden, ohne Erde, ohne Sonne.

Koolhaas sagt: "Ich habe im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts bemerkt, dass, während wir unsere Energie und unseren Intellekt auf den städtischen Raum fokussierten, die ländlichen Areale sich dramatisch verändert haben, und zwar unter anderem durch den Einfluss der Erderwärmung, der Marktwirtschaft, durch den Einfluss von US-Tech-Konzernen, durch afrikanische und europäische Initiativen, durch chinesische Politik und durch vieles mehr. Diese Geschichte ist in ihrem vollen Ausmaß noch nicht erzählt worden."

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