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Ausstellung "Faces of the North":"Heute erlaubte mir das Land zu leben"

Der Fotograf Ragnar Axelsson ist fasziniert von den Menschen, die im hohen Norden dieser Welt zu Hause sind. In ihren Gesichtern findet er Spuren des harten Daseins in der Kälte, aber auch eine tiefe Verbundenheit mit der Natur. Eine Ausstellung bei Saarbrücken zeigt nun seine spektakulären Aufnahmen.

Von Paul Katzenberger

9 Bilder

Ragnar Axelsson Grönland

Quelle: Ragnar Axelsson

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Er durchstand Gletscherstürme, fiel in Eisspalten und wachte auf Eisschollen auf, die ins Meer hinaustrieben. Doch Ragnar Axelsson kehrt immer wieder zurück. Seit bald 30 Jahren besucht der Fotograf, der sich Rax nennt, die Siedlungen der indigenen Inuit in den hintersten Winkeln Grönlands und dokumentiert ihre Jagdtraditionen, die sich 4000 Jahre lang erhalten haben.

Gletschersturm in Sermiliqaq, Grönland

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Quelle: SZ

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Das Ergebnis von seinen Reisen aus 15 Jahren ist nun im Deutschen Zeitungsmuseum in Wadgassen bei Saarbrücken zu sehen. Die Ausstellung "Faces of the North" zeigt Fotos, die Ragnar Axelsson in Grönland, Island und auf den Färöer-Inseln geschossen hat. "Auf dem Eis begegnest Du dem Leben auf völlig andere Weise", sagte er der New York Times zu seiner Vorliebe für den hohen Norden. "Dort herrscht ein Gefühl der Gelassenheit und der Schlichtheit."

Ragnar Axelsson bei der Vernissage der Ausstellung "Faces of the North" in Wadgassen am 16. August 2013

Grönland Seehundfelle

Quelle: Ragnar Axelsson

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Doch es ist auch eine auseinanderfallende Welt, die Ragnar Axelsson in seinen Bildern festhält. Nirgendwo macht sich der Klimawandel mehr bemerkbar als hier, wo die Eiskappen in rasanter Geschwindigkeit abschmelzen. Menschen und Tiere verlieren so gleichermaßen ihr angestammtes Jagdrevier. In der Gegend des Scorebysundes, dem längsten Fjord der Welt in Ostgrönland, seien vor einigen Jahren noch drei Siedlungen mit Jägern gewesen, sagte Axelsson zu Süddeutsche.de: "Nun ist es noch eine."

Das Aufhängen von Seehundfellen bei Kap Hope, Grönland

Ragnar Axelsson Grönland

Quelle: Ragnar Axelsson

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Mit jedem Inuit-Jäger weniger geht der Menschheit allerdings eine über Jahrtausende weitergegebene Denkweise verloren. "Sie haben ein Gefühl für die Natur, das die meisten Leute nicht mehr kennen", sagt Ragnar Axelsson.

Erklären lässt sich die besondere Mentalität der Inuit durch das polare Klima Grönlands, aufgrund dessen die Einheimischen im Überlebenskampf schon immer zur Jagd gezwungen waren. Bei Durchschnittstemperaturen von minus 20 Grad im Winter und plus zehn Grad im Sommer ist eine lebenserhaltende Landwirtschaft schlicht unmöglich.

Ein Junge in Sermiliqaq, Grönland

Grönland Rangar Axelsson

Quelle: Rangar Axelsson

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Bei der Jagd nach Narwalen, Seehunden und Eisbären geraten die Jäger der Inuit hingegen sehr unmittelbar in Kontakt mit den Naturgewalten: Hundeschlitten-Fahrten über zugefrorene Seen oder die Harpunen-Jagd von Eisscholle zu Eisscholle werden bei Temperaturen von bis zu minus 40 Grad zur brutalen Herausforderung. Da verwundert es nicht, dass die kulturellen und spirituellen Anschauungen der Inuit auf einer tiefen Ergebenheit zur Natur beruhen. In Magnus Sigurdssons prämierter Doku "Gesichter der Arktis" über die Arbeit Ragnar Axelssons (Ausschnitt hier) bringt ein grönländischer Jäger diese Hingabe auf den Punkt: "Ich liebe mein Land, es hat mir so viel geschenkt. Es erlaubt mir zu leben, oder es nimmt mir mein Leben. Heute erlaubte es mir das Land zu leben."

Spielender Junge, Grönland

Ragnar Axelsson: Ein Bauer in Mýradur, Island

Quelle: Ragnar Axelsson

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Die Ausstellung "Faces of the North" blickt aber nicht nur in die Gesichter der Inuit, sondern zeigt auch die Physiognomien von Menschen, die in Island oder auf den Färöer Inseln in Gebieten leben, die die Landwirtschaft ermöglichen. Doch auch dort spiegelt sich die Härte des Lebens ...

Ein Bauer auf Mýrdalur, Island

Rangar Axelsson Island

Quelle: Rangar Axelsson

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... in den Gesichtszügen von Bauern und Hirten wider.

Seine Begeisterung für das Motiv des Menschen im Einklang mit den arktischen Naturgewalten entwickelte Ragnar Axelsson nach eigenem Bekunden schon in als Kind. Geboren in der Nähe von Islands Hauptstadt Reykjavik verbrachte er jeden Sommer von seinem neunten bis zu seinem 14. Lebensjahr auf einer Farm im Südosten Islands, von wo aus das Abschmelzen der Gletscher und Eisberge gut zu beobachten war. Schon damals dokumentierte er die Veränderungen der Natur mit der geliehenen alten Leica seines Vaters.

Ein Hirte im Zentral-Hochland von Island

Ragnar Axelsson Fotografie Färöer Inseln

Quelle: Ragnar Axelsson

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Im Alter von 16 Jahren überzeugte Ragnar Axelsson den damaligen Bildredakteur der größten isländischen Zeitung Morgunbladid ("Das Morgenblatt"), ihn während der Sommerferien als Fotografen einzusetzen. Der Grundstein für eine Fotografen-Laufbahn war gelegt: Nach einer Lehre in einem Fotostudio fing Axelsson im Alter von 20 Jahren beim "Morgenblatt" in einer Festanstellung an. Seitdem zeichnet er seine Bilder mit dem Kürzel "Rax", was auch der langjährige Rufnahme des inzwischen 55-Jährigen ist.

Rax hielt all die Jahre die Treue zum Morgunbladid, doch seine Bilder erschienen auch in etlichen internationalen Titeln von Rang und Namen, angefangen bei der New York Times, über Le Figaro, Newsweek, National Geographic und Time Magazine bis hin zum Stern.

Als seine Vorbilder nennt Rax alte Meister wie W. Eugene Smith oder Henri Cartier Bresson, die Pioniere des Life Magazines oder zeitgenössische Fotografen wie Mary Ellen Mark und James Nachtwey.

Brüder bei Elduvík, Färöer Inseln

Rangar Axelsson Island

Quelle: Rangar Axelsson

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Seinem Vorbild James Nachtwey ist Ragnar Axelsson 2008 immerhin schon auf Augenhöhe begegnet, als beide Fotografen im Rahmen der Ausstellung "The Photographer" im Palais de Tokyo in Paris ausgestellt wurden. In Paris waren damals auch Arbeiten von Sebastião Salgado zu sehen, der wie Axelsson ein Faible für Schwarz-Weiß-Bilder hat. Auch die Dramatik, die Salgado in seinen Fotos auszudrücken weiß, ist bei Rax oft zu finden. Im Gegensatz zur oft übertrieben anmutenden Ästhetisierung beim Brasilianer wirken Axelssons Bilder aber unverfälschter. Sie verraten jenen Fatalismus, mit dem die Grönlandjäger der Welt begegnen.

Der Landwirt Kristinn reitet durch den Fluss Rangá, ein Schaf ziehend. Südliches Zentral-Hochland, Island.

"Faces of the North", Fotografien von Ragnar Axelsson, 17. August bis 13. Oktober 2013, Deutsches Zeitungsmuseum, 66787 Wadgassen.

© Süddeutsche.de/pak/ihe

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