Kinofilm über Pippi-Langstrumpf-Autorin "Astrid" ist einer der schönsten Filme des Jahres

Die siebzehnjährige Astrid (Alba August) träumt von der Welt jenseits der schwedischen Provinz und des elterlichen Bauernhofs.

(Foto: DCM)
  • Die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen hat ein Biopic über Astrid Lindgren gedreht.
  • Klischeefrei erzählt sie nicht von der berühmten Frau Lindgren, sondern von dem unbekannten Mädchen Astrid.
  • Der Film konzentriert sich dabei auf ein Erlebnis aus ihrer Spätpubertät: eine ungewollte Schwangerschaft.
Von David Steinitz

Ein Mädchen mit langen Zöpfen sitzt aufgeregt beim Friseur. Heute könnte man von Pippi-Langstrumpf-Zöpfen sprechen, aber das geht bei diesem Friseurbesuch noch nicht, weil das Mädchen auf dem Stuhl Pippi erst viele Jahre später erfinden wird.

Jetzt flackert zunächst mal Panik in den Augen des Friseurs. Soll er es wirklich tun? Wird das nicht in einem tränenreichen Drama enden? Aber die junge Kundin befiehlt: "Abschneiden!" Unsicher hebt der Mann die Schere, blickt hilfesuchend zum Kunden auf dem Nachbarstuhl. Aber das Mädchen befiehlt noch mal: "Abschneiden!" Und so fallen schnipp, schnapp die Zöpfe zu Boden, und die siebzehnjährige Astrid tastet sich ein bisschen unsicher, aber auch stolz, durch die neue Bubifrisur.

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Eine Frisur, wie sie auf dem Titel einer deutschen Modezeitschrift aus dem wilden Berlin zu sehen war, die es wundersamerweise bis in die schwedische Provinz von Vimmerby geschafft hat. "Die moderne Frau" stand auf dem Cover, und auch wenn das Mädchen noch nicht weiß, was das konkret bedeuten soll, spürt sie, dass sie genau das sein will - eine moderne Frau. Welche Kämpfe das in der Praxis der Zwanzigerjahre bedeutet hat, sich vom elterlichen Kartoffelacker, den Kirchentanznachmittagen und den Kleinmädchenzöpfen in ein selbstbestimmtes Leben zu stürzen, davon erzählt der Spielfilm "Astrid" über die junge Astrid Lindgren, einer der schönsten Filme dieses Kinojahres.

Aus dem Leben der Schriftstellerin, deren aufregendes Schaffen mit dem Label Kinderbuchautorin vollkommen unzureichend bezeichnet ist, könnte man viele Stationen im Kino erzählen. Allein ihre Kriegstagebücher von 1939 bis 1945, die unter dem Titel "Die Menschheit hat den Verstand verloren" erschienen sind, böten reichlich Stoff. Auch wie sie im Männerklub des verrauchten Literaturbetriebs der Nachkriegszeit zur Bestsellerautorin wurde, ist eine Geschichte für sich. Genauso wie ihre schwierige Ehe mit einem Alkoholiker und ihre Arbeit für den schwedischen Geheimdienst in der Abteilung für Briefzensur in den Vierzigerjahren.

Die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen wollte aber nicht von der berühmten Frau Lindgren, sondern von dem unbekannten Mädchen Astrid erzählen. Und von den Ereignissen, mit denen dieses Mädchen in ihrer Jugend zu kämpfen hatte, und die sie zu der Frau und der Schriftstellerin machten, als die sie auf der ganzen Welt bekannt wurde.

Christensen, die schon länger zum Inventar des europäischen Autorenfilms gehört - für das Liebesdrama "En Soap" gewann sie bei der Berlinale 2006 den Silbernen Bären - wollte mit "Astrid" weg von den Klischees. Weg von der Bullerbü-Romantik der alten Lindgren-Verfilmungen, weg vom Bild der verständigen schwedischen Übermutter, das die alte Astrid Lindgren bis zu ihrem Tod im Jahr 2002 verkörperte. Filmbiografien tut es immer gut, wenn sie sich auf eine Lebensphase konzentrieren, um die Persönlichkeit eines Menschen zu destillieren, anstatt sich mit der Bebilderung eines ganzen Lexikoneintrags zu überheben. Diese Station ist in "Astrid" ein Erlebnis aus ihrer Spätpubertät. Wie ihre Geschwister muss der Teenager Astrid, die damals noch nicht Lindgren, sondern Ericsson heißt, den Eltern nach der Schule auf dem Hof helfen, den die Familie von der Kirche gepachtet hat. Der Alltag wird vom Feld und vom Vieh und von der Religion bestimmt. Sonntags fährt die Familie mit der Kutsche durch den Schnee in die kalte Kirche, sitzt neben den anderen Gemeindemitgliedern auf den harten Holzbänken, die beim kleinsten Mädchenkichern ein ungehöriges Knarzen von sich geben.