Süddeutsche Zeitung

Kinofilm über Pippi-Langstrumpf-Autorin:"Astrid" ist einer der schönsten Filme des Jahres

  • Die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen hat ein Biopic über Astrid Lindgren gedreht.
  • Klischeefrei erzählt sie nicht von der berühmten Frau Lindgren, sondern von dem unbekannten Mädchen Astrid.
  • Der Film konzentriert sich dabei auf ein Erlebnis aus ihrer Spätpubertät: eine ungewollte Schwangerschaft.

Ein Mädchen mit langen Zöpfen sitzt aufgeregt beim Friseur. Heute könnte man von Pippi-Langstrumpf-Zöpfen sprechen, aber das geht bei diesem Friseurbesuch noch nicht, weil das Mädchen auf dem Stuhl Pippi erst viele Jahre später erfinden wird.

Jetzt flackert zunächst mal Panik in den Augen des Friseurs. Soll er es wirklich tun? Wird das nicht in einem tränenreichen Drama enden? Aber die junge Kundin befiehlt: "Abschneiden!" Unsicher hebt der Mann die Schere, blickt hilfesuchend zum Kunden auf dem Nachbarstuhl. Aber das Mädchen befiehlt noch mal: "Abschneiden!" Und so fallen schnipp, schnapp die Zöpfe zu Boden, und die siebzehnjährige Astrid tastet sich ein bisschen unsicher, aber auch stolz, durch die neue Bubifrisur.

Eine Frisur, wie sie auf dem Titel einer deutschen Modezeitschrift aus dem wilden Berlin zu sehen war, die es wundersamerweise bis in die schwedische Provinz von Vimmerby geschafft hat. "Die moderne Frau" stand auf dem Cover, und auch wenn das Mädchen noch nicht weiß, was das konkret bedeuten soll, spürt sie, dass sie genau das sein will - eine moderne Frau. Welche Kämpfe das in der Praxis der Zwanzigerjahre bedeutet hat, sich vom elterlichen Kartoffelacker, den Kirchentanznachmittagen und den Kleinmädchenzöpfen in ein selbstbestimmtes Leben zu stürzen, davon erzählt der Spielfilm "Astrid" über die junge Astrid Lindgren, einer der schönsten Filme dieses Kinojahres.

Aus dem Leben der Schriftstellerin, deren aufregendes Schaffen mit dem Label Kinderbuchautorin vollkommen unzureichend bezeichnet ist, könnte man viele Stationen im Kino erzählen. Allein ihre Kriegstagebücher von 1939 bis 1945, die unter dem Titel "Die Menschheit hat den Verstand verloren" erschienen sind, böten reichlich Stoff. Auch wie sie im Männerklub des verrauchten Literaturbetriebs der Nachkriegszeit zur Bestsellerautorin wurde, ist eine Geschichte für sich. Genauso wie ihre schwierige Ehe mit einem Alkoholiker und ihre Arbeit für den schwedischen Geheimdienst in der Abteilung für Briefzensur in den Vierzigerjahren.

Die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen wollte aber nicht von der berühmten Frau Lindgren, sondern von dem unbekannten Mädchen Astrid erzählen. Und von den Ereignissen, mit denen dieses Mädchen in ihrer Jugend zu kämpfen hatte, und die sie zu der Frau und der Schriftstellerin machten, als die sie auf der ganzen Welt bekannt wurde.

Christensen, die schon länger zum Inventar des europäischen Autorenfilms gehört - für das Liebesdrama "En Soap" gewann sie bei der Berlinale 2006 den Silbernen Bären - wollte mit "Astrid" weg von den Klischees. Weg von der Bullerbü-Romantik der alten Lindgren-Verfilmungen, weg vom Bild der verständigen schwedischen Übermutter, das die alte Astrid Lindgren bis zu ihrem Tod im Jahr 2002 verkörperte. Filmbiografien tut es immer gut, wenn sie sich auf eine Lebensphase konzentrieren, um die Persönlichkeit eines Menschen zu destillieren, anstatt sich mit der Bebilderung eines ganzen Lexikoneintrags zu überheben. Diese Station ist in "Astrid" ein Erlebnis aus ihrer Spätpubertät. Wie ihre Geschwister muss der Teenager Astrid, die damals noch nicht Lindgren, sondern Ericsson heißt, den Eltern nach der Schule auf dem Hof helfen, den die Familie von der Kirche gepachtet hat. Der Alltag wird vom Feld und vom Vieh und von der Religion bestimmt. Sonntags fährt die Familie mit der Kutsche durch den Schnee in die kalte Kirche, sitzt neben den anderen Gemeindemitgliedern auf den harten Holzbänken, die beim kleinsten Mädchenkichern ein ungehöriges Knarzen von sich geben.

Was bedeutet Zukunft? Aus Astrid platzt es heraus: Freiheit!

Dass Astrid aber nicht fürs Landleben gemacht ist, müssen, wenn auch seufzend, die strengen Eltern einsehen. In der Schülerzeitung hat ihre Tochter einen Aufsatz mit dem Titel "Das Leben auf unserem Hof" geschrieben, und diesen Text hat der erste und einzige Redakteur der Ortszeitung Vimmerby Tidning in die Hände bekommen. Der Mann, Blomberg, ist die personifizierte Midlife-Crisis. Er will sich gerade scheiden lassen und versucht, sein Leben und seine Arbeit (beides findet im selben Haus statt) wieder in den Griff zu bekommen. Deshalb sucht er eine Redaktionshilfe. Also fragt Blomberg (Henrik Rafaelsen) bei Astrids Eltern um Erlaubnis, und die geben unter der Bedingung nach, dass Astrid nach der Arbeit noch beim Heumachen und Holzeinfahren hilft.

Für Blomberg nimmt sie begeistert Todesanzeigen und Hochzeitsannoncen entgegen, liest Korrektur und darf kleine Reportagen über Lokalbahnhofseröffnungen an einem fremdartigen Apparat namens Schreibmaschine verfassen. Was die meisten Zeitungsvolontäre heute wohl als publizistische Vorhölle empfinden würden, ist für das lebenshungrige Mädchen vom Pfarrhof bei Vimmerby das Paradies.

Was bedeutet für dich Zukunft, fragt Blomberg seine fleißige Mitarbeiterin. Aus Astrid platzt es sofort mit leuchtenden Augen heraus: Freiheit!

Zu dieser Freiheit gehört für sie auch, dass sie mit ihrem Chef schläft. Astrid, die das Leben kennenlernen möchte, und Blomberg, der sein aktuelles Leben gern vergessen möchte, verlieben sich ineinander. Über ihr erstes erotisches Abenteuer hat Astrid Lindgren erst sehr spät öffentlich gesprochen. Denn die Affäre endet für das Mädchen tragisch. Sie wird zum Entsetzen der Eltern schwanger, von einem noch verheirateten, 30 Jahre älteren Mann. Das allein hätte im ländlichen Schweden der Zwanzigerjahre, zumal für eine Familie, die ihr Land von der Kirche gestellt bekommt, für einen gesellschaftlichen Komplettabsturz gereicht. Aber Astrid entschließt sich nicht nur dazu, das Kind zu bekommen, sondern auch, auf den dazugehörigen Vater zu verzichten, den sie verlässt, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen - die ultimative Provokation.

Der Film folgt Astrid auf ihrem schweren Weg nach Stockholm, wo sie ihren wachsenden Bauch vor der lästernden Heimatgemeinde versteckt. Von dort aus reist sie nach Kopenhagen, wo es das einzige Krankenhaus im stockkonservativen Skandinavien gibt, in dem Frauen anonym ein Kind zur Welt bringen können, ohne den Namen des Vaters angeben zu müssen. Nach der Geburt gibt sie ihren Sohn Lasse zu einer dänischen Pflegemutter und absolviert in Stockholm eine Sekretärinnenausbildung, um Geld für ihre kleine Familie zu verdienen. Das Kind sieht sie nur alle paar Monate, weil die Überfahrt so teuer ist.

Diese Trennung, die sich über drei Jahre zieht, wird zur schwersten Zeit ihres Lebens, wie Lindgren später zu Protokoll gegeben hat. Und sie ist der Ursprung für all die einsamen Jungen in ihren Büchern, in die sie sich hineinversetzen konnte wie keine Zweite, von Bosse in "Mio, mein Mio" bis zu Lillebror in "Karlsson vom Dach". Sie ist aber natürlich auch der Ursprung für all die aufmüpfigen, stürmischen Mädchen, von Pippi Langstrumpf bis Ronja Räubertochter, die sich nicht unterkriegen lassen vom Irrsinn des Lebens.

Gespielt wird Astrid im Film von der Schauspielerin Alba August. Das soll in Lindgrens schwedischer Heimat für Stirnrunzeln gesorgt haben, weil die 25-Jährige aus Dänemark stammt. Was wohl so empfunden wurde, als hätte man für den deutschen Literaturnationalhelden Goethe nur einen Österreicher gefunden, der ihn spielen soll. Aber so wie Alba August diese Rolle spielt, mit einem neugierigen Lebenshunger, wie man ihn nur mit siebzehn haben kann, bleibt wirklich kein Zweifel, dass sie die perfekte Besetzung ist. Ihre Darstellung der Astrid Lindgren macht sie zur großen Entdeckung dieses Kinojahres.

Unga Astrid, SWE/DNK/D 2018 - Regie: Pernille Fischer Christensen. Buch: Christensen, Kim Fupz Aakeson. Kamera: Erik Molberg Hansen. Mit: Alba August, Trine Dyrholm. DCM, 123 Minuten.

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SZ vom 05.12.2018/jlag
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