Es gibt seit einer Weile ein neues Genre in den amerikanischen Late-Night-Shows: den Frauenhasserwitz. Die vier wichtigen Shows, von Kimmel über Colbert bis Seth Meyers und Jimmy Fallon, haben zwar nach wie vor männliche Moderatoren. Aber sie witzeln über Misogynie und Sexismus, und auf ihren Sofas fordern Schauspielerinnen eine Neuordnung der Welt. Bekenntnisse zur Gleichberechtigung gehören in der amerikanischen Unterhaltungsbranche jetzt dazu.
So ist das auch in anderen Unternehmen, auch in Deutschland, es wird nur nicht im Fernsehen übertragen. Also überall nur noch Kämpfer für die Gleichberechtigung, in jeder Krankenhausverwaltung, jeder Versicherung, bei den Medien? Wären auch nur drei Prozent dessen verwirklicht worden, was im vergangenen Jahr an guten Vorsätzen und "frauenfördernden Maßnahmen" unters Volk gebracht wurde, lebten die Deutschen inzwischen in einem Matriarchat.

Geschlechtergerechtigkeit im Journalismus:Im Rundfunk sind Frauen in Spitzenpositionen die Minderheit
Und das obwohl die Hälfte der Belegschaft weiblich ist, wie eine Studie von Pro Quote zum Frauenmachtanteil im Journalismus zeigt. In den Führungsebenen dominieren Männer.
Aber es ist ähnlich wie in Hollywood: Da hatten die Frauen vor etwa einem Jahr genug davon, dass über Jahrzehnte hinweg nicht mehr Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen angeheuert, nicht mehr Filme um weibliche Figuren herum erzählt wurden. So wurde "Time's Up" gegründet, man forderte Regeln, die sexuelle Belästigung eindämmen, mehr Studioposten und Regiesessel. Man könne die Macht schwerer missbrauchen, wäre sie gerechter verteilt, hieß es. Dafür gab es fast ausschließlich Beifall.
In der New York Times reden Produzenten - anonym - darüber, wie "fürchterlich" sie das alles finden
Hinter den Kulissen sieht es allerdings nicht so rosig aus - in der New York Times erschien unlängst ein Artikel, für den eine Reihe von Hollywood-Produzenten dem Autor verrieten, was sie wirklich denken. Dass die Academy sich so viel Mühe gibt, Frauen aufzunehmen? Fürchterlich. Eine Quelle, die er beim Namen nennen darf, hat der Times-Autor nicht gefunden, denn niemand will weibliche Stars verlieren. Die Schauspielerin Frances McDormand hatte bei der Dankesrede für ihren Oscar alle aufgefordert, sich die Vielfalt der Crew in die Verträge schreiben zu lassen. Würde sie sich von einem Produzenten anwerben lassen, der in der Times angibt, dass seine Rechtsabteilung solche Klauseln ablehnt? Würde "Time's Up"-Gründerin Reese Witherspoon mit jemandem arbeiten, dessen Kommentar zu "Time's Up" lautet "Huschhusch ins Körbchen"? Sicher nicht. Schlimmer noch: Hätten diese Männer sich in der New York Times nennen lassen, könnten sie sich gleich von allen sozialen Medien abmelden. Ihre Konten würden sonst mit wütenden Kommentaren geflutet.
Als die Filmbranche sich Anfang des Jahres vornahm, alles anders zu machen, gab es Anlass zur Skepsis - weil da der Saulus Paulus werden wollte. Dass Absichtserklärungen nicht reichen, kann man in Deutschland sehen: Hier hat der Verband Pro Quote Regie schon vor Jahren kritisiert, dass Filmemacherinnen es zu schwer haben, ihre Projekte durchzubringen - und gerade hat der fünfte Diversitätsbericht des Regieverbands Ergebnisse gezeigt, die Pro Quote Regie als "ernüchternd" bezeichnet: 22 Prozent der Kinofilme wurden 2017 von Frauen gemacht. Das ist derselbe Anteil wie 2016. Und 2010. Dazwischen fiel er auf unter 20 Prozent. Das ist in der Tat ernüchternd.
In Hollywood verschärft sich der Verteilungskrieg gerade - und ausgerechnet da sollen die Studios auf Frauen setzen? Wirtschaftlich ging es der Unterhaltungsbranche schon besser, nun aber diagnostiziert die New York Times, die Herrenriege von Hollywood sei in einer Selbstfindungskrise, weil man vor lauter Internet nicht mehr wisse, was genau einen Kinofilm ausmache. Und soll nun etwa auch noch die Definition von Truffaut wegfallen - Kino ist die Kunst, hübsche Dinge mit hübschen Frauen anzustellen?
Die Liberalen von Hollywood sind Schönwetterfeministen, und im Augenblick ist das Wetter schlecht. Die alte erste Garde der Regisseure, Autoren und Produzenten besteht vorwiegend aus weißen Männern, die nun das Gefühl haben, sie stehen unter Beschuss - von Frauen, von Minderheiten, die alle einen Platz am Tisch verlangen. Das führt zu einem gefühlten Identitätsverlust - zumal die Filmbranche schon vor großen Umwälzungen stand, bevor neue Aspiranten auf die Macht an die Türen klopften.
Geteiltes Geld ist halbes Geld, und geteilte Macht halbe Macht. Ist das nicht überall so, nur sieht man es Hollywood ein wenig deutlicher?
Demnächst wird es, erstmals seit Jahrzehnten, ein Studio weniger geben, weil Disney Rupert Murdoch die Fox abgekauft hat. Aber in Wirklichkeit, und das verunsichert die alten Hasen noch mehr, gibt es längst noch zwei oder drei neue Studios - die Streamingdienste, Amazon, Hulu und Netflix. Und irgendwie lassen sich zwar die Gesamterlöse auch dieses Jahr retten - aber mehr Zuschauer gibt es nicht und wird es vielleicht nie wieder geben.
Hollywood ist der Extremfall, der den Rest der Welt in starken Kontrasten spiegelt. Auch in anderen Fragen. Hollywood kämpft mit den Folgen der Digitalisierung - wie viele Branchen. Die Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, betreffen ja fast jeden in der Welt. Aber sie lösen auch Ängste aus und wecken eine Sehnsucht nach dem kuscheligen Gefühl von gestern.
Im Kino gelten dieselben sexistischen Regeln wie immer
So gesehen ist es in vielen Unternehmen, kleinen und großen, nicht anders als in einem Filmstudio. Und vielen Männern ergeht es nicht anders als einem Hollywood-Produzenten - ihre Ängste reichen weiter als nur bis zu der Furcht, bei der nächsten Oscar-Zeremonie weiter hinten zu sitzen.
Würde das alte Hollywood-Establishment die Ansagen von "Time's Up" ernst nehmen und die Forderung nach mehr Macht für Frauen auf allen Ebenen umsetzen, erforderte das auch radikale inhaltliche Umwälzungen. Einstweilen ist die Antwort auf die Revolte, beispielsweise, ein eigener Film für Scarlett Johanssons "Avengers"-Figur, die Black Widow. Und ein zweiter Teil für "Wonderwoman". Das sind starke Figuren, unbenommen. Und es werden schon keine frauenfeindlichen Filme mit ihnen entstehen. Aber die Figuren sind von Sexismus geformt. Da genügt ein Blick auf ihre Brustpanzer.
Einstweilen gelten im Kino dieselben sexistischen Regeln wie immer - Schauspieler dürfen altern, ihre Kolleginnen bleiben faltenfrei und werden früher aussortiert. Schauspieler werden selbst dann erfolgreich, wenn sie wie Durchschnittstypen aussehen - Schauspielerinnen eher nicht. Sex sells. Unter den zehn bestbezahlten Hollywood-Schauspielerinnen entspricht nur eine, Melissa McCarthy, nicht dem Schönheitsideal jeder Model-Agentur.
Schauspielerinnen dürfen inzwischen durchschnittlich aussehen - jedenfalls ab und zu
Wäre die Macht in Hollywood gleichmäßig verteilt, würden die Durchschnittstypen wie Adam Sandler hoffentlich immer noch besetzt. Aber wahrscheinlich gäbe es viel mehr Geschichten, die von Frauen handeln, die nicht jung, schön und durchgestylt sind. Noch sind solche Figuren selten. Lisbeth Salander, die Claire Foy in "Verschwörung" spielt, gehört dazu. Und der Brite Steve McQueen hat sich für seinen Film "Widows" solche Charaktere geleistet - da ziehen Witwen den Coup ihrer verstorbenen Ehemänner durch, und sie dürfen aussehen wie normale Frauen. Viola Davis und Michelle Rodriguez spielen sie. McQueen hat sie, wie soll man sagen - abgetakelt. Damit geht er auch ein finanzielles Risiko ein.
Ach, überhaupt sind die Hollywoodianer, die die amerikanische Rechte seit Jahren als linke Hassfiguren betrachtet, am Ende nicht nur Schönwetterfeministen, sondern auch Schönwetterliberale. Traditionell schlägt sich das Kino auf die Seite der Schwachen, weil das als Erzählung rührender ist und an edlere Instinkte appelliert als Geschichten über Sozialdarwinismus. Aber trotzdem ging Disney erst nach jahrelanger öffentlicher Kritik dazu über, Angestellte in Themenparks so zu bezahlen, dass sie davon leben können.
Es ist leichter, sich zu Fairness zu bekennen, wenn es nichts kostet. Und es ist besonders schön, Schwächeren zu helfen. Die "Time's Up"-Frauen, Reese Witherspoon, Eva Longoria und die mächtige Fernsehproduzentin Shonda Rhimes, sind selber einflussreich. Deshalb kämpfen sie allein. Sie müssen wissen: Auf die Unterstützung der Schönwetterfeministen brauchen sie nicht zu hoffen.

