Arno Lustiger über Rettung "Das Schweigen habe ich erst am 27. Januar 1985 gebrochen"

Hätte es ihnen nicht eher geholfen, den Vater besser zu verstehen?

Der Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 ist der bekannteste Akt jüdischen Widerstandes gegen die Nationalsozialisten. Doch auch andernorts gab es zahlreiche Juden, die sich gegen den Terror auflehnten.

(Foto: dpa)

Sie waren noch so jung. Sie gingen in den Kindergarten, in die Schule. Ich wollte, dass sie frei sind von den Gedanken und der Vergangenheit des Vaters, dass sie einfach unbefangen mit ihren Schulfreunden spielen können. Später ist meine Tochter Gila von den Lehrern immer als Kind eines Überlebenden behandelt worden. Das hat sie sehr gestört.

Warum haben Sie denn geschwiegen, selbst als Sie hoffen konnten, man würde Ihnen glauben? Viele Überlebende haben das getan: nicht darüber zu sprechen.

Ich wusste oder glaubte, die Menschen meiner Generation in Deutschland würden das nicht wahrhaben wollen oder wegdrängen. Und ich wollte die Wunden auch vernarben lassen. Das Schweigen habe ich erst am 27. Januar 1985 gebrochen. Die Organisationen ,Zeichen der Hoffnung' und ,Pax Christi' haben dieses Jahrestages der Befreiung von Auschwitz durch einen Schweigemarsch gedacht. Sie fragten mich, ob ich mitmachen möchte. Und da ich ohnehin ein großer Schweiger war, hat mir diese Art des Gedenkens sehr zugesagt. Danach habe ich erst begonnen, darüber zu schreiben und zu sprechen. Ich wurde vom Bundestagspräsidenten eingeladen, im Bundestag die Gedenkrede am 27. Januar 2005 zu halten. Und in dieser Rede habe ich unter anderem beklagt, dass die deutschen Retter im eigenen Land kaum oder nicht genug geehrt werden.

Warum war das so?

Die meisten Deutschen, die Juden gerettet haben oder es versuchten, wurden erst geehrt, als sie schon lange tot waren. Ich glaube, es gibt einen ganz einfachen Grund: Diese Menschen haben den anderen den Spiegel vorgehalten . . .

. . . den Spiegel der Schuld.

Ja. Oder der Mitschuld. Es gab acht Millionen NSDAP-Mitglieder, dazu Angehörige der Parteiformationen wie SA und SS, des Staatsapparats, also Anhänger des Regimes. Dann gab es eine große Masse, viele Millionen, die sich einfach bemüht haben, ein einigermaßen normales Leben zu führen. Sie haben sich arrangiert - und viele sahen dann einfach zu oder weg. Es gab aber auch ländliche Gegenden, wo gar keine Juden lebten und diese Leute auch nichts von der Verfolgung mitbekamen. Aber in Berlin zum Beispiel wusste fast jeder Bescheid. Im Unterbewusstsein verkörperten die Judenretter eine sehr unangenehme Wahrheit: Selbst im Dritten Reich, im Polizeistaat Deutschland, gab es Spielräume, die man nutzen konnte. Aber Millionen haben sie nicht genutzt - und mit diesem Wissen mussten sie weiterleben.

Was waren denn die Motive der Retter?

Das ist sehr verschieden. Es gab, wie im Konzentrationslager Buchenwald, kommunistische Kapos, die jüdische Kinder gerettet haben. Das ist ein Faktum, auch wenn die DDR es später ideologisch so ausgeschlachtet hat, als sei die Hilfe für verfolgte Juden für Kommunisten ganz selbstverständlich gewesen. Das war sie natürlich nicht. Auf der anderen Seite gab es Unternehmer, die alles taten, um jüdische Angestellte und deren Familien zu retten; großartige Persönlichkeiten und Industrielle wie Berthold Beitz, Robert Bosch, Ernst Leitz und Eduard Schulte.

Sie hatten Spielräume.

Und sie haben sie konsequent und unter erheblichem Risiko genutzt. Andere in ihrer Position taten das nicht.

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