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Rohstoffe in der Bauindustrie:Der Sand wird knapp

Opening of the TWA Hotel at JFK

Stein des Weißen: Das neue TWA Hotel am "JFK International Airport" in New York ersetzt seit Mai das alte "Flight Center" aus dem Jahr 1962, das 2001 geschlossen wurde.

(Foto: AFP)
  • Obwohl es immer mehr Wüsten gibt, steht der Bauindustrie immer weniger verwertbarer Sand zur Verfügung.
  • Beton ist der Baustoff der Moderne, aber nicht der Zukunft. Es müssen ökologische Alternativen gefunden werden.

Das irre Luxushotel, das sich Frank Schätzing für seinen Weltraum-Thriller "Limit" ausgedacht hat, heißt "Gaia" und steht auf dem Mond. Denkwürdig ist, dass die Menschheit ihre ohnehin oft unterirdische Sexismus-Debatte dort auch überirdisch im Weltall auslebt, weshalb sich die männlichen Architekten ihre Gaia, die mythische Urmutter allen Lebens, zunächst als betonierte Frauengestalt mit großen Brüsten ähnlich der Venus von Willendorf ersonnen haben. Die Hotelchefin ist gar nicht begeistert von diesem geplanten "Monument der Möpse" und plädiert für eine androgynere Form. Man einigt sich auf etwas Mittleres.

Viel interessanter als dieser bemühte Zwist ist der nur halb fiktionalisierte, tatsächlich futuristische Baustoff-Twist, der in diesem Roman auch ausgetragen wird. Hier sollten die Manager der akut krisengeschüttelten Zement- und Betonindustrie von Heidelberg Cement bis Dyckerhoff aufhorchen. Denn ihnen geht gerade nicht nur in Deutschland (an sich ein 1-a-Sandland), sondern auch weltweit der Sand als wichtigster Bau-Rohstoff unserer Epoche aus.

Die Quarzkörnchen sind bereits - nach dem Wasser - zum weltweit am meisten konsumierten natürlichen Rohstoff geworden. Unsere Welt ist auf Sand gebaut. Das Material steckt nicht nur in Häusern, Brücken und Straßen, sondern auch in Zahnpasta und Smartphone-Bildschirmen. "Sand ist der Megastar unseres industriellen und elektronischen Zeitalters": Das ist das Fazit der ETH Zürich. Auf rund 50 Milliarden Tonnen wird der jährliche Verbrauch geschätzt. Der natürliche Wert- und Werkstoff der Moderne geht aber zur Neige. Das ist bekannt. Was aber auch für die Baukultur zunehmend relevant ist, denn Glas und Beton, aus Sand gewonnen, sind die ikonisch gewordenen, allgegenwärtigen Baumaterialien der jüngeren Gegenwart bis heute. Es geht uns somit nicht nur das Material verloren, sondern auch der Konsens der Form.

Beton als Symbol der Moderne

Die Baugeschichte ist ohne Beton undenkbar, der in einer frühen Variante als "opus caementitium" auf die römische Antike zurückgeht, während bereits vor mehr als 10 000 Jahren in der Türkei gewisse Mörtelgemische verwendet wurden. Aber erst im 20. Jahrhundert wurde Beton zum Stein der Begierde, zum Wunderstoff am Bau. Was die Baubranche nun hoffen lässt: Zumindest im Roman von Schätzing besteht Gaia aus Mondstaub. Genauer gesagt aus Regolith, den man tatsächlich, das haben Versuche der Nasa bereits in der Realität gezeigt, mit Kohlenstoff und Epoxidharz zum "Mondbeton" verdichten könnte. Theoretisch. Was Bauunternehmer daran mögen: Dieser Mondbeton wäre strapazierfähiger und sogar billiger als herkömmlicher Beton.

Leider ist noch zu klären, wie man die bald 400 000 Kilometer kostengünstig überwindet, die den Mond von den Großbaustellen in Dubai, Moskau oder dem Münchner Paketposthallenareal trennen. Seit den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gibt es zwar die furiose Idee eines Weltraumaufzugs, aber nicht mal Elon Musk, der sonst alles glaubt, meint, dass der Mond als Ersatzressourcentrabant in naher Zukunft ausgebeutet werden kann.

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Wobei das allerdings verblüffend ist: Die natürlichen Sandvorräte der Erde, die sich zum Bauen als unabdingbarer Grundstoff für Zement und Beton eignen, gehen auch infolge eines weltweit geradezu hysterisch betriebenen, außer Kontrolle geratenen Baubooms zur Neige - da denkt man schon daran, wie sich zusätzlich die kosmische Nachbarschaft anbaggern ließe. Statt über ein Ende des Bauens oder über ein anderes Bauen mit anderen Materialien nachzudenken. Die Menschheit in ihrer Gesamtheit ist offensichtlich beratungsresistent. Im Roman fliegt Gaia übrigens am Ende wenigstens in die Luft. Jedenfalls in die Luft des luftleeren Raums.

Gelegentlich ist zu hören, wieso, es gäbe doch immer noch wahrlich genug Sand, zumal als eine der Konsequenzen des Klimawandels. Richtig ist: Es gibt immer mehr Wüsten und infolge des Verkarstens und Versandens ganzer Landstriche logischerweise auch mehr Sand auf der Erde. Dieser von Wind und Wetter rundgeschliffene Sand ist aber aufgrund seiner Körnung nicht gut geeignet, sich mit den notwendigen Zuschlagstoffen zum Beton zu verdichten. Wie man das dennoch hinbekommt, das ist zwar Gegenstand der Forschung - und erste Patente gibt es hierfür auch schon -, aber ökonomisch sind die Verfahren wohl noch nicht. Man spricht vom Sand-Paradox: Es gibt zugleich genug und doch zu wenig nutzbaren Sand.