Kino-Dokumentation über den Chaos Computer Club:Computerliebe

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Alles ist eins. Ausser der 0.

Ihm ist die filmische Hommage gewidmet: Herwart "Wau" Holland, Pfadfinder, Fernmeldetechniker, Mitgründer des Chaos Computer Clubs.

(Foto: Verleih)

Zwei Hamburger Filmemacher haben eine Liebeserklärung an den Chaos Computer Club gedreht. "Alles ist eins. Außer der 0" ist absolut sehenswert, vor allem was die Frühzeit der Bewegung betrifft.

Von Max Muth

Im Herbst 2002 bot sich Autofahrern in Paris ein wundersamer Anblick. Von der Fassade der Bibliothèque Nationale blickte sie ein 3000 Quadratmeter großer bärtiger Mann an, der den meisten von ihnen gänzlich unbekannt gewesen sein dürfte. Das Projekt Blinkenlights hatte die Fassade des Gebäudes zu einem 520 Pixel Bildschirm umfunktioniert. Der Mann, den die Künstler auf die Fassade projizierten, war Herwart "Wau" Holland, Pfadfinder, Fernmeldetechniker, Mitbegründer des Chaos Computer Club (CCC), gestorben 2001, kurz vor dem 20. Jubiläum des Clubs. "Hacken, das ist kreativer schöpferischer Umgang mit Techniken", erklärte Holland einmal Journalisten. Blinkenlights war insofern die passendste Hommage an den Übervater der deutschen Hacker.

Wieder zwanzig Jahre später widmet sich nun ein Kinofilm diesem unerwartet aufregenden Kapitel der deutschen Geschichte. Möglich wurde die filmische Umsetzung des Stoffs unter anderem durch die Technikbegeisterung der Protagonisten. Zahlreiche Hacker stellten VHS-Kassetten mit Homevideo-Material zur Verfügung, daraus haben die Filmemacher Tanja Schwerdorf und Klaus Maeck eine Liebeserklärung an den frühen deutschen Computernerd gebastelt.

Zusammengehalten wird die Erzählung über die deutsche Computergeschichte von einem Österreicher. Sein Name ist Peter Glaser, in "Alles ist eins. Außer der 0" sitzt er vor einer Wand aus Bildschirmen und streichelt seine Katze. Dass Glaser Grazer und damit Österreicher ist, ist ein großer Gewinn für den Film, es gibt wenig Schöneres, als sich von Österreichern lakonisch Geschichten erzählen zu lassen.

Eine deutsche Jugendbewegung

Vergleicht man Hackerkulturen weltweit, dann nimmt Deutschland eine Sonderrolle ein. Während sich die Figur des Hackers in den USA eher an den Cowboy anlehnt - stark, einsam, unabhängig - teilt sich die Szene etwa in Frankreich in Red-Teamer (Angriff) und Blue-Teamer (Verteidigung). In Deutschland dagegen sind Informatik und politischer Idealismus seit Jahrzehnten eng umschlungen.

Gegründet 1981 in den Räumen einer anderen idealistischen Vereinigung, der linken Tageszeitung taz, war der CCC anfangs laut Glaser alles andere als homogen: "Außer dem Computer gab es nichts, was diese Leute in irgendeiner Weise verbunden hätte. Vom Linksanarchisten mit abgerissenem Mercedes-Stern am Gürtel bis zum angehenden Staatsanwalt mit Mercedes unterm Arsch war alles anzutreffen." Dass das Hacken in Deutschland nun schon die längste Zeit als politische Betätigung verstanden wird, ist ohne Zweifel auch das Verdienst von Wau Holland und seiner Jugendbewegung: der Computer als Katalysator fürs Soziale.

Glaser, der im Hauptberuf Schriftsteller ist und sich den Hackernamen "poetronic" gab, lernte Holland in den Achtzigern in Hamburg kennen und schaffte es schnell in den engeren Zirkel des Clubs: Als er einmal an der CCC-Mitgliederzeitung Datenschleuder herumnörgelte, sagte Holland kurzerhand: "Mach du", und machte Glaser zum Chefredakteur. So läuft das in Jugendbewegungen.

Holland, der sich selbst als "Datenkünstler und Bitschmied" bezeichnete, war modischer Nonkonformist (Glaser: "Waldschrat mit krachlederner Dreiviertel-Hose"), Kosmopolit und Visionär. Wissen ist Macht, um eine egalitäre Gesellschaft zu erreichen, müssen deshalb Informationen frei sein, so die Überlegung Hollands. Doch Holland erkannte auch die Gefahren der vernetzten Gesellschaft. In den Konflikten auf Diskussionsboards im frühen Internet, den sogenannten "Flames", sah er bereits das Potenzial für die Zerstörungskraft späterer sozialer Medien. Auch die Bedrohung, die von digitalen Datenbanken ausgingen, war ihm früh bewusst: "Die Datenverarbeitung, das öffentliche Zugreifenkönnen, das automatisierte Abrufen und Verarbeiten, das bringt in die Daten eine neue Qualität rein, und zwar auch in dem Moment, wo der Informationsgehalt erstmal lächerlich gering scheint."

Anlass für das erste größere politische Engagement des Chaos Computer Club lieferte die geplante große Volkszählung 1983, die erstmals auch mit Hilfe von Computern durchgeführt werden sollte. Das Bundesverfassungsgericht stoppte das Projekt nach bundesweiten Protesten zunächst und formulierte in der Folge erstmals eine Art Datenschutzrecht, das "Recht auf informationelle Selbstbestimmung". Seit damals tritt der "Club", wie der CCC gern abgekürzt wird, als Mahner bei nahezu jedem politischen Projekt der Bundesrepublik auf, das mit Informationstechnik zu tun hat. Einen weiteren Erfolg feierte der Club 1986, nach der nuklearen Katastrophe in Tschernobyl. Als Presse und Staat noch beschwichtigten, verbreitete der CCC im Netz verfügbare Daten über hohe gemessene Radioaktivität. Für viele Mitglieder zeigte das: wenn Daten befreit werden, kann das die Öffentlichkeit sicherer machen.

Dieser Öffentlichkeit waren die oft jungen Hacker jedoch meist suspekt, wie jede Jugendbewegung eben. In den frühen Achtzigern sind Computer für den Heimgebrauch noch neu. Noch neuer ist die Möglichkeit, sich mit einem Computer über das Telefon ins Internet einzuwählen. Wer zu viel Zeit mit den Geräten verbrachte, galt als subversiv und sozial überfordert. Frei nach der Erkenntnis Arthur C. Clarkes, wonach fortschrittliche Technik von Magie nicht zu unterscheiden sei, sahen Normalbürger in den Aktivitäten des Clubs so etwas wie dunkle Zauberkunst. Die Clubmitglieder wurden in Talkshows eingeladen und wie Außerirdische präsentiert.

Alles ist eins. Ausser der 0.

Der Pressesprecher des Chaos Computer Club, Steffen Wernéry, und Wau Holland in einem ihrer ersten Interviews.

(Foto: Verleih)

Mit der Eintragung des CCC als Verein, fünf Jahre nach der Gründung 1986, wollte er unter anderem verhindern, dass der Club als "kriminelle Vereinigung" eingestuft werde, erzählte Holland einmal. Gründe dafür hätten Strafverfolger einige gehabt: Das unbefugte Eindringen in fremde Computernetze war (und ist) illegal. Auch die Nutzung eines selbstgebauten Modems, das "Datenklo", wie es die Clubmitglieder tauften, war streng genommen verboten. Dass die vielen, damals noch meist männlichen und jugendlichen Mitglieder mit dem Gesetz in Konflikt kommen würden, war vorgezeichnet.

Zunächst lief das noch eher spielerisch, so hackte der Hamburger CCC im Herbst 1984 den über das Internet erreichbaren Bildschirmtext BTX, der von der Bundespost betrieben wurde. Der Fall brachte die Hacker in die Abendnachrichten. 1987 wurde es schon ernster. Deutsche Hacker hatten es in die Netze der NASA geschafft. Der CCC informierte zwar die Behörden, dennoch ermittelte die Polizei gegen den Club, der damalige Sprecher Steffen Wernéry verbrachte zwei Monate in einem französischen Gefängnis.

Jugendbewegung wird vertrieben

Für die talentierten Junghacker interessierten sich von Anfang an die Nachrichtendienste. Für Holland war es allerdings undenkbar, dass Hacker solche Angebote annehmen könnten. Er setzte sich zeitlebens für Informationsfreiheit ein. Ein Gebot der Hackerethik war: "öffentliche Daten nützen, private Daten schützen". Doch nicht alle CCC-Mitglieder hatten Hollands starken moralischen Kompass.

Aus dem Paradies vertrieben wurde die Hacker-Jugendbewegung letztlich durch den Tod zweier Mitglieder. Karl Koch (hagbard) und Boris F. (Tron) starben Ende der Achtzigerjahre unter immer noch ungeklärten Umständen. Hagbard hatte dem KGB Informationen aus den Netzen des US-Militärs verkauft und wurde verbrannt in einem Waldstück gefunden. Das Hacker-Wunderkind Tron, das ein abhörsicheres Mobiltelefon entwickelt hatte, wurde erhängt an einem Baum in Berlin-Neukölln gefunden. An Selbstmord glaubten die wenigsten aus seinem Umfeld.

Die filmische Zeitreise von Maeck und Schwerdorf macht die Achtziger wieder lebendig, ihre aufwändige Recherche in den Archiven der Fernsehsender macht die wilde Zeit nacherlebbar. Bis 2001 funktioniert die filmische Geschichtsstunde bemerkenswert gut. Mit dem Tod des eigentlichen Protagonisten Holland verliert der Film aber deutlich an Fahrt. Der glücklicherweise kürzere Rest ist ein pflichtbewusstes Abarbeiten der Greatest Hits des Clubs, von den gestohlenen Fingerabdrücken Wolfgang Schäubles über die Rolle des CCC in den großen Überwachungsskandalen von Julien Assange bis Edward Snowden.

Alles ist eins. Ausser der 0, D 2020 - Regie und Buch: Klaus Maeck, Tanja Schwerdorf. Kamera: Hervé Dieu. Schnitt: Andreas Grützner. Mit Wau Holland, Peter Glaser. Neue Visionen Filmverleih, 94 Minuten.

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