"Blood Red Sky" auf Netflix:Mama hat spitze Zähne

Der deutsche Netflix-Film "Blood Red Sky" erzählt von einer Vampirmutter, die ihren Sohn gegen Flugzeugterroristen verteidigt.

Von Josef Grübl

Wenn man als junge Mutter von einem Vampir gebissen wird, folgen natürlich einige logistische Herausforderungen. Das fängt mit der Schlafzimmereinrichtung an: Babybett oder Doppelsarg? Und die richtige Ernährung? Beikost oder Blutkonserve? Und dann noch das Problem mit der Kita: Darf man die Kleinen schon vor Sonnenaufgang abgeben?

Zugegebenermaßen sind solche Fragen eher selten, der deutsche Regisseur Peter Thorwarth hat sich aber trotzdem mit ihnen beschäftigt. In seinem Netflix-Film "Blood Red Sky" erzählt er von einer alleinerziehenden Vampirmama mit Sohn. Nadja (Peri Baumeister) hält ihren Blutdurst mit Spritzen in Schach und schleckt nur hin und wieder das Schnitzelblut aus der Supermarkt-Styroporschale. Gemeinsam mit ihrem zehnjährigen Elias (Carl Anton Koch) will sie per Nachtflug nach New York. Dort soll ein Arzt sie "gesund machen", wie der Junge einem anderen Passagier erklärt. Vampirismus als Blutkrankheit, die man behandeln und vielleicht sogar heilen kann? Das ist ein nicht ganz neuer, aber halbwegs origineller Ansatz, um das ausgelutschte Vampirfilmgenre wiederzubeleben, es wegzuholen von all den Splatterorgien und Monstermovies, von den Sexfilmchen oder Jungfrauenschnulzen à la "Twilight".

Die Geschichte dieses Films passt auf einen Bierdeckel, aber das gilt bei Netflix ja als Qualitätsmerkmal

Doch dann kommen die Terroristen. Und mit ihnen rückt Nadjas Blutwäschetermin in New York in weite Ferne. Denn "Blood Red Sky" ist nicht nur Vampirfilm und Mamadrama, sondern auch Entführungskrimi, Terrorthriller und Actionspektakel. Selbst Spurenelemente des Superheldinnenfilms sind enthalten: Denn Nadja ist gleichzeitig "gifted and cursed", wie man in Hollywood sagen würde, sie hat also spezielle Kräfte, die sie zur verfluchten Außenseiterin machen. Doch ihre Stunde schlägt, als Terroristen das Flugzeug unter Kontrolle bringen, zur Umkehr zwingen und wahllos Passagiere abknallen. Dann schärft die Vampirin ihre Sinne, nimmt die Zahnprothese heraus und beißt kräftig zu. Was sich nach einem ordentlichen Gemetzel anhört, ist es auch; das Publikum bekommt, was es erwartet: Blutsaugerin und böse Buben kämpfen in der Enge eines Flugzeugs.

Solche Ideen, die auf einen Bierdeckel passen, kommen auch in Hollywood bestens an, dort hetzt man gerne unterschiedliche Gegner aufeinander. Fast schon ist ein eigenes Genre daraus geworden: Aliens gegen Zombies, Spinnenmänner gegen Sandmänner, Riesenaffen gegen Monsterechsen. So kam es, dass schon früh ein US-Studio bei diesem Projekt von Peter Thorwarth und dessen Co-Autor Stefan Holtz miteinstieg. Die beiden lernten sich an der Münchner Filmhochschule kennen und arbeiteten zusammen an Kinohits wie "Bang Boom Bang" oder "Nicht mein Tag".

Blood Red Sky

Mama gegen Terrorist: Peri Baumeister in "Blood Red Sky".

(Foto: Netflix)

Doch trotz Studiobeteiligung wurde nichts aus dem Film, die erste Drehbuchfassung entstand vor 15 Jahren, die Macher saßen damit lange Zeit zwischen allen Stühlen. Für das deutsche Kino war das Projekt zu teuer und genrelastig, mit internationalen Partnern wäre es aber vermutlich eine Direct-to-Video-Produktion geworden. Aber die Zeiten haben sich geändert, es gibt Streamingdienste. Das war auch die Rettung für diesen Film, der sonst wohl nie gedreht worden wäre. Der Produzent Christian Becker, ein weiterer Freund Thorwarths aus Münchner Filmhochschultagen, verkaufte den Terroristen-versus-Blutsauger-Film an Netflix. Man stattete ihn mit einem ordentlichen Budget aus und ließ ihn an die Anforderungen eines Weltkonzerns anpassen. Der Cast ist international, divers und mehrsprachig, was bei einem Film über einen Langstreckenflug durchaus Sinn ergibt.

Auch der Mix von verschiedenen Genres ist nichts Ungewöhnliches im Streaming-Zeitalter, selbst die Sache mit der alleinerziehenden Vampirmama geht auf: Obwohl Nadja kräftig Blut saugt und dabei immer mehr zur Nosferatu-artigen Kreatur wird, ist sie immer noch Mutter, die sich um ihren Sohn sorgt. Die eingestreuten Rückblenden sollen emotionale Tiefe verleihen, auch wenn sie das Erzähltempo drosseln und dem Film etwas von seiner hermetischen Wucht nehmen. Die vielen Wendungen und Plot Twists sind zwar nicht immer logisch, dafür aber überraschend. Thorwarths Film wirkt zwar recht konstruiert, erfüllt aber fast mustergültig sämtliche Anforderungen einer modernen Streaming-Produktion.

Blood Red Sky, D/USA 2021 - Regie: Peter Thorwarth. Mit: Peri Baumeister, Alexander Scheer, Dominic Purcell, 121 Minuten, Netflix.

© SZ/dbs
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB