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Opernfestival in Aix-en-Provence:Das große Glück

Sieht aktuell aus, wirkt aber eher wie Oper von früher: Der Regisseur Simon Stone spielt in "Tristan und Isolde" von Richard Wagner die verschiedenen Möglichkeiten der Liebesgeschichte zwischen den beiden durch.

(Foto: Jean-Louis Fernandez)

Elegant, leicht, eindringlich: Das Musikfestival in Aix-en-Provence begeistert vor allem mit der neuen Oper von Kaija Saariaho und markiert damit einen Triumph der Frauen in der Klassik.

Von Reinhard J. Brembeck

Zuletzt steigt Isolde aus der Pariser Metro aus. Sie hat einen Neuen, während sie mit Tristan endgültig abgeschlossen hat. Der bleibt niedergestochen in der U-Bahn liegen. So endet Richard Wagners "Tristan und Isolde" beim Musikfestival im südfranzösischen Aix-en-Provence, es ist das wichtigste seiner Art neben Bayreuth und Salzburg. In drei seiner diesjährigen sechs Bühnenproduktionen dekliniert Aix das Opernlieblingsthema Liebe und Tod durch, setzt gegen den "Tristan und Isolde" Claudio Monteverdis "Combattimento" und die Uraufführung der neuen Oper "Innocence" von Kaija Saariaho und markiert damit einen Triumph der Frauen.

Kaija Saariaho ist eine der wenigen Frauen, die mit ihren Bühnenwerken reüssieren. Seit ihr Erstling "L'amour de loin" vor 20 Jahren in Salzburg herauskam und ein riesiger Erfolg wurde, wird das Stück weltweit nachgespielt. Als Kaija Saariaho in Aix zum Schlussapplaus im Rollstuhl auf die Bühne geschoben wird, ist der Abend perfekt. Das Publikum, in Frankreichs Opernhäusern gern reserviert, bejubelte davor schon die dreizehn Solisten, den Chor, die Dirigentin Susanna Mälkki, den Regisseur Simon Stone. Und nun wird diese zierliche rothaarige Frau gefeiert, die den Zweistundenabend trotz des düsteren Themas leicht, genial, klangsinnlich und mit höchster Kunstfertigkeit hingezaubert hat.

Die gefeierte Kaija Saariaho widmet sich in ihrer neuen Oper "Innocence" dem Amoklauf in einer Schule.

(Foto: Jean-Louis Fernandez)

Das Thema: ein Amoklauf in einer Schule, zehn Schüler und eine Lehrerin sind tot. Kaija Saariaho und die grandiose Librettistin Sofi Oksanen sind viel zu intelligent, um den Plot chronologisch zu erzählen. Sie zeigen eine Hochzeit, bei der nach und nach das zurückliegende Drama enthüllt wird: Der Bräutigam ist der Bruder des Attentäters, die Braut ist ahnungslos, die Kellnerin die Mutter einer der toten Schülerinnen. Die Toten singen hier genauso wie die Lebenden, in kurzen und schnell wechselnden Szenen kriegt jede und jeder ein Solo, der Chor grundiert aus dem Off, die Spannung steigt. Saariaho meidet alles Pathos, jede Gewalttätigkeit und alle Schockeffekte. Ihre Musik ist leicht und trauerverhangen, es sind Traumklangfetzen aus dem Reich des Todes.

Regisseur Simon Stone ist ein fantasievoller Anwalt von Heutigkeit auf den Bühnen und hat sich von Chloe Lamford einen einstöckigen Kubus auf die Drehbühne bauen lassen, mit Festsaal, Küche, Besenkammer und Treppe. Was ein Restaurant ist, ist zugleich auch die Schule, in der die Mörderei geschah. Nur einer fehlt: der Täter. Der bekommt keine Stimme von der Komponistin, Simon Stone zeigt ihn nur kurz. Musik wie Libretto meiden jede Eindeutigkeit und Moral, sie arbeiten die Motive und Widersprüche ihrer dreizehn Figuren immer deutlicher heraus, sie versuchen keine Synthese und bieten kein abschließendes Urteil. Das Stück erinnert in puncto Verdichtung, Genauigkeit, Eingängigkeit und Engagement an Alban Bergs "Wozzeck". Musikalisch ist es aber Lichtjahre davon entfernt: eleganter, leichter, eindringlicher, heutiger.

Kaija Saariaho ist die größte Meisterin der Oper heute

Schon mit ihrer dritten Oper, der Bürgerkriegsvergewaltigungsgeschichte "Adriana Mater", hat sich Kaija Saariaho der Gegenwart und einer Alltagsproblematik zugewandt, die im üblichen Opernkosmos meist keinen Platz findet, allein John Adams macht da die Ausnahme. Saariaho aber schreibt sehr viel komplexer als Adams. Sie setzt fort, was Claude Debussy angestoßen hat. Sie begegnet der ungeschönten Realität und ihrer Brutalität mit leichter Distanz, sie umhüllt die Aktion mit einem Schleier aus Trauer, Liebe und Hellsichtigkeit. Das ermöglicht es dem Publikum, diese souverän unaufdringliche Avantgardemusik ohne Widerstände annehmen zu können. Kaija Saariaho ist die größte Meisterin der Oper heute.

Am Vorabend beim "Tristan" war alles anders, oder eigentlich: so wie in der Oper früher. Wieder inszenierte Simon Stone. Doch hier tut er sich sehr viel schwerer als mit "Innocence", die Heutigkeit von Wagners 150 Jahre alter Geschichte um den Todeswunsch zweier Liebender zu beglaubigen. Ralph Myers hat drei Räume dafür gebaut: ein elegantes Loft, ein Architektenbüro und die Pariser Metro. Simon Stone spielt hier verschiedene Möglichkeiten der Liebesgeschichte zwischen Tristan und Isolde durch. Tristan hat eine andere. Isolde wird von ihrem Mann verlassen, weil sie mit Tristan angebändelt hat. Tristan und Isolde sind ein Paar vom ersten Kuss bis er, von ihr geschoben, im Rollstuhl sitzt. Aber die ewige Liebe ist für Stone nicht vorstellbar. Das Publikum quittiert seine Arbeit mit Missfallen. Ein Mann hört beim Verlassen des Saals nicht auf zu murmeln: "Il n'y a pas de sense", das alles habe keinen Sinn.

Eng an eng in einem Theater zu sitzen, erzeugt das Gefühl eines großen Glücks

Simon Rattle dirigiert dazu einen ganz auf Durchhörbarkeit und Moderne gerichteten "Tristan". Kein Mischklang, kein Klangzauber. Das ist eine recht kalte Übung, die nicht zu packen weiß, da sie mit Liebe und ihren Verheerungen nicht viel im Sinn hat. Sein London Symphony Orchestra, das in "Innocence" unter Susanna Mälkki deutlich inspirierter spielt, ist zudem klanglich nicht immer betörend. Nina Stemme und Stuart Skelton singen dazu, wie man es vom früheren Wagner-Personal kennt. Sie stemmen sich, oft mit viel Vibrato, gegen das nicht immer leise Orchester, das Rattle ziemlich unabhängig von den Sängern anleitet. Weder Stemme noch Skelton sind Belcantisten, die besonders auf die Linie achten würden. Ihr Gesang ist ein gebrochen fragmentierter. Wenn der Autor dieser Zeilen nicht drei Tage zuvor die musikalisch rundum beglückende und zudem radikal zeitgemäße "Tristan"-Aufführung mit Kirill Petrenko, Jonas Kaufmann und Anja Harteros gehört hätte, dann wäre er sicherlich nicht so enttäuscht von Rattle & Co. gewesen.

Liebe und Tod, das Thema geht in Aix dreimal visionär gut aus

Wer von München die zehn Stunden nach Aix im Zug reist, der darf sich ab Ulm in Freiheit fühlen. Ab da gilt die in Bayern übliche FFP2-Maskenpflicht nicht mehr, eine chirurgische Maske genügt. Im Zug wie Opernhaus. Zudem sind in Aix anders als im restriktiven Bayern die Theater voll besetzt. Es gilt die 3G-Regel, die jeder mit seinem pass sanitaire beglaubigen muss: geimpft, genesen, getestet. Das anfänglich schlechte Gefühl, wieder so eng an eng in einem Theater zu sitzen wie vor der Seuche, weicht schnell dem Gefühl eines großen Glücks. So erst ist Theater möglich, das seine Themen vor der Gemeinschaft der Kunstgläubigen verhandelt.

Das Stück "Combattimento, la théorie du cygne noir" wird von Sébastien Daucé, dem spannendsten unter den jungen Meisterdirigenten der historischen Aufführungspraxis, dirigiert.

(Foto: Monika Rittershaus)

Sébastien Daucé ist der eigenwilligste und spannendste unter den jungen Meisterdirigenten der historischen Aufführungspraxis. "Combattimento, la théorie du cygne noir" beginnt mit Claudio Monteverdis titelgebendem Zweikampf der Liebenden Tancredi und Clorinda. Torquato Tasso erzählt die verzweifelte Geschichte in seinem Kreuzritterepos "Il Gerusalemme liberata". Sébastien Daucé aber lässt den Tod nicht stehen. Er schafft mit Monteverdis zweiteiliger Petrarca-Vertonung "Hor che'l ciel" eine dramaturgisch belebende Klammer. Dazwischen arbeitet er sich in guter katholischer Tradition über eine Reihe von Klagegesängen auf die Auferstehung, die Hoffnung, die Zukunft vor. Dieses Finale hat sein Pendant sowohl im "Tristan" mit seinem hoffnungsfroh jubelnden Erlösungsschluss im befriedenden H-Dur wie auch im Epilog bei Saariaho, die frech das optimistische Schlusssextett aus Wolfgang A. Mozarts "Don Giovanni" parodiert. Liebe und Tod, das Thema geht in Aix dreimal visionär gut aus.

Wundervoll, wie bei Sébastien Daucé gesungen wird: leicht, agil, textschön und im Atem der Erzählungen. Lucile Richardot, diese intensiv präsente Mezzosopranistin, führt Daucés Sängertruppe an. Sie ist das Pendant zu Vilma Jää in Saariahos "Innocence". Vilma Jää ist keine klassische Sängerin, sondern eine Spezialistin für finno-ugrische Folklore. Ihre Stimme ist wie eine Urgewalt, sie scheint aus den Tiefen der Erde und nicht aus einem menschlichen Körper zu kommen. Vilma Jää, Lucile Richardot, Kaija Saariaho, Susanna Mälkki: Die Macht der Frauen in der Klassik hat durch diese Festival-Edition faszinierend zugenommen.

© SZ/lawe
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