"A Star is Born" im Kino:Vorbei die Zeit der Fleisch-Kostüme?

Bei den meisten Stars hat man nach einer Weile den Eindruck, dass sie immer exzentrischer werden, um im Gespräch zu bleiben. Lady Gaga, immerhin seit zehn Jahren ein Popstar, setzt eher auf leise Töne in letzter Zeit. Vorbei ist die Zeit der Latexanzüge und Fleischkostüme. Ist sie also wie Ally im Film, die kellnert, wenn sie nicht singt? "Ich war als Teenager sehr unsicher. Aber als ich mich entschieden hatte, Sängerin zu werden, wollte ich richtig durchstarten." Da hat die Kostümierung geholfen. Sie hätte, sagt sie, wie Ally sein können am Anfang des Films: "Sie glaubt nicht an ihre Musik und sie glaubt nicht an ihr Gesicht; nur Jacksons Liebe bringt sie erst richtig ins Leben."

Coopers Film ist die vierte Fassung derselben Geschichte, und eigentlich ist es ja ganz schön, dass Hollywood einen Stoff hat, dem alle paar Jahrzehnte ein Update widerfährt. So wie es ungezählte Aschenputtel-Fassungen gibt, die immer moderner werden. Für den ersten "A Star Is Born"-Film von 1934 hatte die Schriftstellerin Dorothy Parker das Drehbuch mitgeschrieben, die auch ansonsten das Verhältnis zwischen den Geschlechtern zu ihrem Thema machte. Hier ist dann der zentrale Punkt, dass Männer schwindenden Erfolg umso schlechter verkraften, wenn die Frau an ihrer Seite auf dem Weg nach oben ist; in allen Fällen ist diese Frau allerdings auch erheblich jünger. Die berühmteste Version ist die von 1954, in der Judy Garland den neuen Stern am Hollywood-Himmel spielt, während James Mason neben ihr langsam verblasst; in der von 1976, auch schon ins Musikgeschäft verlegt, spielt Barbra Streisand Kris Kristofferson an die Wand.

Man kann an diesen Verfilmungen gut nachvollziehen, wie sich die Zeiten geändert haben, aber dass sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in manchen Punkten nur sehr langsam wandelt, wenn es um die Verteilung des Erfolgs geht. Gemessen an Barbra Streisands Auftritt ist der von Lady Gaga im Film allerdings sehr verhalten und nuanciert, Streisand hat unsicher und schüchtern nicht im Repertoire. Aber letztlich weiß auch Ally dann doch ganz genau, wo sie musikalisch hinwill.

Hollywood ist noch nicht so weit, die Mann-Frau-Konstellation einmal umzudrehen

War es ein Thema bei der Vorbereitung des Films, ob Ally zeitgemäß ist? Es ging ihm, sagt Cooper ausweichend, "vor allem um Authentizität". Am neuen Drehbuch hat Cooper dann auch selbst mitgeschrieben: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich bei etwas Regie führen könnte, ohne es selbst geschrieben zu haben", sagt er. "Ich hatte vorher nie den Mut, selbst Regie zu führen, obwohl ich das schon als Kind wollte. Ich blieb als Schauspieler immer am Set, auch wenn ich gar nicht dran war. Es sollte eine Liebesgeschichte sein, weil jeder mal an Liebeskummer gelitten hat, das ist als Thema ziemlich universal, oder?" Eine Romanze, die aus professionellem Respekt entsteht, ist zumindest im Kino eher eine Rarität; so aber begegnen sich Jackson und Ally. "Das ist wichtig für den Ausgangspunkt des Films: Was passiert, wenn zwei Menschen sich aus tiefster Seele ineinander verlieben, mit größtem Respekt füreinander? Sie haben trotzdem Probleme", sagt Cooper.

Auch da gleichen die beiden auf dem Sofa dem Filmpaar. Cooper hat auf Lady Gaga gesetzt, die außer ein paar kleineren Auftritten keine Schauspielerfahrung hat. Kein Vorsprechen. "Ich sah ihr in die Augen und konnte bis in ihre Seele sehen. Das war's", sagt Cooper. "Ich liebe Menschen, und Gott sei Dank bin ich im Filmgeschäft gelandet, denn Kino lebt von Zusammenarbeit. Gesichter, Augen, Energie - das ist alles; und die Kamera fängt das ein."

Sie hat ihre Sache im Film hervorragend gemacht. Er kann nicht gewusst haben, dass sie das kann, aber er hat auf jeden Fall an sie geglaubt. So richtig zeitgemäß ist das Geschlechterverhältnis in Coopers Fassung dann aber doch nicht. Dem steht vor allem die Selbstverständlichkeit im Weg, mit der Jackson Maine im Selbstmitleid badet, weil sich Ally nur über seine Gefühle hinwegsetzt. Er kann nicht die zweite Geige spielen, das Abgetakeltwerden ist ganz großes Melodram, und so versinkt der letzte Akt des Films im Schmalz.

Es wäre vielleicht ganz interessant gewesen, diesen Film einmal ganz andersherum aufzuziehen: mit einem Mann in der Rolle des Newcomers, und einer Frau, die älter ist als er und sich schwer damit tut zurückzustecken. Es ist schon klar, warum auch Nummer vier noch nicht so weit ist, eine solche Modernisierung der Geschichte auszuhalten. Zu groß wäre die Angst, eine solche Figur würde beim Publikum nicht gut ankommen; man würde einer Frau den Egoismus, der Mr. Maine seit 1934 auszeichnet, nicht durchgehen lassen. Im richtigen Leben nur ungern, im Kino aber, wo das Publikum die Figuren lieben muss, auf keinen Fall. Ein bisschen ist es auch so mit Stefani Germanotta, die ganz damenhaft und zart auf dem Sofa sitzt und lächelt wie tausend Sonnen. Sie wirkt liebenswerter als die Platin-Blondine in schwarzem Latex von vor zehn Jahren, und wärmer; und selbst, wenn man ihr wünscht, dass sie ihre Karriere eisern im Griff behält - sympathisch ist es doch.

Zur SZ-Startseite
Kinostart - 'Die defekte Katze'04:56

Zoom - Die Kinopremiere
:Klug, unaufgeregt und witzig - "Die defekte Katze"

Dieser Film ist alles andere als ein schweres Drama über arrangierte Ehen oder Integration. Vielmehr zeigt er, dass es keineswegs bequem sein muss, sich auf Tradition zu berufen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB