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"A Most Wanted Man" im Kino:Letzter seiner Art

A Most Wanted Man

Was wäre der Geheimagent ohne seine überbordende Bilder- und Zettelwand? Philip Seymour Hoffman als deutscher Spion Günther Bachmann.

(Foto: dpa)

Geheime Informationen in einem Päckchen Zigaretten statt NSA, Drohnenkrieg, Big Data: Anton Corbijns "A Most Wanted Man" erzählt von einem deutschen Spion, der aus der Zeit gefallen ist - und zeigt den verstorbenen Philip Seymour Hoffman in ganz großer Form.

Dieser Schatten vor dem Schaufenster, in der blauen Stunde der Hamburger Dämmerung. Steht da wer? Auf dem Kopfsteinpflaster hinter dem Bahnhof spiegelt sich Neonlicht: Videoshow-Pink. Erotikclub-Gelb.

Der Kragen seiner schweren Jacke ist hochgeschlagen, gegen den Regen und gegen die Zeit. Der Mann muss warten, bis sich gegenüber was tut, in der versteckt liegenden Moschee. Aber könnte er sagen, worauf? Und weiß er, dass er ein Dinosaurier ist, kurz vor dem Aussterben, der Letzte seiner Art?

Günther Bachmann ist ein deutscher Geheimdienstmann. Für Männer wie ihn muss einst das Wort "Schlapphut" erfunden worden sein. Längst klingt es wie aus der Zeit gefallen - genau wie Spione, die wirklich noch im Nieselregen draußen stehen und den Kragen hochschlagen. Statt einfach, omnipräsent und entspannt, im Hightechbüro in ihren Sesseln zu lümmeln und durch gehackte Smartphones in die Schlafzimmer ihrer Opfer zu starren.

Dieser Bachmann war jedenfalls einst in Beirut und hat dabei zu viel gesehen. Jetzt muss er im Inland weiterspionieren. Auch die Lage erfordert es. Denn in den Hamburger Moscheen beten vielleicht Attentäter, neue Dschihadisten könnten dort heranreifen. Was nun wirklich niemanden wundern würde, siehe Mohammed Atta. Siehe auch: 9/11, die Vorgeschichte.

Philip Seymour Hoffman stattet diesen deutschen Helden - denn ein solcher ist er zweifellos, auch noch und sogar besonders am Ende der Geschichte - mit seiner einzigartigen Präsenz aus. Was man hier wirklich ein Geschenk nennen muss.

Wenn er so vor der Moschee lauert und schließlich den jungen Informanten herauskommen sieht, den er mühevoll angeworben hat, sie beide in einen Kiosk gehen, ohne sich anzuschauen, und unter der Hand ein Päckchen Zigaretten austauschen, das dann geheime Informationen enthält - da spürt man eine große Romantik, ja fast schon ein blutendes Herz.

Kongeniales Nostalgie-Gespann

So war sie einmal, die Geheimdienstarbeit. Persönlich, fußläufig, nur durch Kreppsohlen vom Boden der Tatsachen getrennt. Alles dagegen, was heute ist - Massenabhörwahn, Drohnenkrieg, Big Data - wirkt dagegen wie die reinste Barbarei.

So zumindest suggerieren es der britische Schriftsteller John le Carré in seiner Romanvorlage und der holländische Regisseur Anton Corbijn, die sich für die Verfilmung von "A Most Wanted Man" zu einem kongenialen Nostalgie-Gespann zusammengefunden haben.

Und wer weiß: Vielleicht hat John le Carré, der als junger Agent des Secret Service einmal selbst in Hamburg stationiert war, tatsächlich manch geheime Zigarettenschachtelbotschaft im Rotlicht des Bahnhofsviertels ausgetauscht. Davon will er jedenfalls erzählen, auch mehr als fünfzig Jahre nach der Erfindung seines Meisterspions George Smiley und nach "Der Spion, der aus der Kälte kam", seinem Durchbruch und Welterfolg.