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"A Late Quartet - Saiten des Lebens" im Kino:Klassische Musik in neuem Genre

Es ist kein Zufall, dass die meisten Filme, die sich mit klassischer Musik auseinandersetzen, sonst Dokumentationen sind. Das größte Problem des Kinos ist da die Kluft zwischen den meist unsichtbaren Gefühlsregungen der Vortragenden und den extremen Spannungsbögen der Werke. Alleine das leitmotivische 14. Streichquartett erstreckt sich in der Konzertfassung über sieben Sätze und eine gute Dreiviertelstunde. Das kann man nicht filmgerecht exzerpieren. Warum auch. Es ist ja gerade der Reiz am Medium Film, dass er so viel schneller zu emotionalen Ergebnissen kommt als eine Symphonie.

Und dann sind da die technischen Anforderungen. Auch Philip Seymour Hoffman, Christopher Walken und Catherine Keener kämpfen sichtbar damit, das Spielen überzeugend zu simulieren. Am deutlichsten wird das in der Schlussszene (man verrät da keine große Überraschung - Parkinson ist keine Krankheit mit möglichem Happy End), wenn Walkens Figur abdankt und seine Nachfolgerin auf die Bühne bestellt. Nina Lee spielt sich da selbst, die Cellistin des Brentano Quartetts, das auch den Beethoven für den Soundtrack aufgenommen hat. Sie hat keine Zeile zu sprechen, aber die Souveränität, mit der sie dann am Cello sitzt, führt noch einmal vor, dass Bogenstrich kein Stunt ist.

Dokumentationen stehen da nicht ganz so unter dem Druck. Sie sind eher Ergänzung als Abbild der Wirklichkeit. Regisseur Yaron Zilberman macht auch gar keinen Hehl daraus, dass er von einer dieser Dokumentationen inspiriert wurde. Vorbild war "High Fidelity: The Adventures of the Guarneri Quartet", in dem sich die vier Musiker auch noch nach Jahrzehnten bis zum Äußersten um Nuancen streiten.

Inspiriert von einer Dokumentation

Zilberman bleibt nah dran an seiner Vorlage. Der dramatische Höhepunkt, das Konzert, bei dem sich Peter Mitchell von seinem Quartett verabschiedet, spielt im Konzertsaal des Metropolitan Museum of Art, in dem auch das Guarneri Quartett 2009 seine Abschiedskonzerte gab. Und wie der Mitbegründer und Cellist des Guarneri Streichquartetts, David Soyer, ist Walkens Figur ein Schüler von Pablo Casals.

Es ist erstaunlich, dass sich bisher noch kein Regisseur auf solche Steilvorlagen eingelassen hat. Das Budapest Quartett war zum Beispiel dafür bekannt, dass seine Mitglieder auf Tourneen im selben Restaurant an unterschiedlichen Tischen aßen. Der ehemalige erste Geiger des Audubon Quartet, David Ehrlich, ließ sich seinen erzwungen Ausstieg nach einem erbitterten Gerichtsstreit mit mehr als 600.000 Dollar bezahlen, was seine ehemaligen Mitmusiker dazu zwang, ihre Instrumente zu verkaufen. Vom Vegh Quartett heißt es, sie hätten ihre Konzerttermine zuletzt nur noch über ihre Anwälte vereinbart.

Doch was Yaron Zilberman aus dem Klischee von der Viererehe am Notenpult gemacht hat, gehört zu den besten dramaturgischen Etüden, die das Kino in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat. Gerade weil er das Quartett als Form betrachtet hat und sich nicht vom Inhalt treiben ließ.

A Late Quartet, USA 2012 - Regie, Buch: Yaron Zilberman. Kamera: Frederick Elmes. Originalmusik: Angelo Badalamenti. Mit: Philip Seymour Hoffman, Christopher Walken, Catherine Keener, Mark Ivanir, Imogen Poots. Senator Film, 106 Minuten.